So kam Cilla Pioschek aus der Warthegegend in die Villa Schlieben.

Sie war ein großes, starkes Mädchen mit einem Gesicht, rund und gesund, weiß und rot. Sie war erst achtzehn, aber sie hatte schon lange gedient, schon als sie noch in die Schule ging drei Jahre als Kindermädchen beim Gutsinspektor. Der Hausherr amüsierte sich über sie – sie verstand keinen Witz, nahm alles für wahr und sagte alles grade heraus, wie sie’s dachte –, aber die Hausfrau nannte das ›dummdreist‹. Mit der alten Köchin und dem Diener stand die Neue dagegen auf besserem Fuß als Lisbeth, denn sie ließ sich vieles gefallen.

»Du kannst ganz beruhigt abreisen,« sagte Paul. »Tu mir den Gefallen, Käte, sperre dich nicht länger. In sechs Wochen, so Gott will, bist du mir ganz gesund wieder da, und ich sehe hier« – leicht tupfte sein Finger – »hier nicht mehr die kleinen Fältchen an den Augenwinkeln!« Er küßte sie.

Und sie erwiderte seinen Kuß, nun, da sie sich von ihm trennen sollte, zum ersten Mal in ihrer Ehe auf so lange Zeit; denn früher waren sie immer, immer zusammengereist, und seit Wölfchen ins Haus gekommen war, hatte er auch nur auf höchstens vierzehn Tage einmal Urlaub von ihr erbeten. Sie hatte das Kind nie allein gelassen. Und nun sollte sie auf ganze sechs Wochen von den Ihren gehen?! Sie hing sich an ihn. Es drängte sich ihr förmlich auf die Lippen, zu fragen: ›Warum gehst du nicht mit mir wie früher? Franzensbad und Spaa – das ist ein so großer Unterschied nicht!‹ Aber wozu das sagen, wenn er nicht einmal mit dem leisesten Gedanken daran gedacht hatte?! Jahre waren hingegangen, von der Innigkeit, die sie einstmals so verbunden hatte, daß sie nur gemeinsam genießen konnten und sich nie getrennt hatten, war eben doch manches abgebröckelt unterm Flügelschlag der Zeit!

Sie seufzte und entzog sich sacht seinem Arm, der sie umschlang. »Wenn jemand hereinkommt, uns so miteinander sieht! So alte Eheleute!« sagte sie mit dem Versuch zu scherzen. Und er lachte, wie es sie dünkte, ein bißchen verlegen und machte nicht den Versuch, sie zu halten.

Aber als nun eines frühen Morgens der Wagen vor der Türe stand, der sie nach dem Berliner Abfahrtsbahnhof bringen sollte, als die zwei großen Koffer aufgeladen waren und das Handgepäck, als er ihr jetzt die Hand reichte zum Einsteigen und dann neben ihr Platz nahm, konnte sie doch nicht an sich halten: »Ach, wenn du doch mitführest! Ich mag nicht allein reisen!«

»Hättest du mir’s doch ein bißchen eher gesagt!« Er war ganz betroffen; es tat ihm aufrichtig leid. »Wie gut hätte ich dich den einen Tag hinbringen, dort installieren, und den andern Tag wieder zurück sein können!«

O, er verstand es eben nicht, dieses: ›wenn du doch mitführest‹! Mit ihr auch dableiben – das hatte sie gemeint.

Schmerzlich suchte ihr Blick das Fenster oben im Hause, hinter dem Wölfchen noch schlief. Schon gestern abend hatte sie ihm Adieu sagen müssen, da die Abreise so sehr früh war. Vorhin hatte sie nur noch einmal mit einem stummen Lebewohl an seinem Bett gestanden, und vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, war ihr Handschuh über seinen schwer auf dem Kissen ruhenden Kopf gefahren. Ach, wie gerne hätte sie jetzt noch ein liebes Wort mit ihm gesprochen!

»Grüßen Sie den Jungen, grüßen Sie den Jungen,« sagte sie ganz rasch, hastig mehrmals hintereinander zu der Köchin und zu Friedrich, die am Wagen standen. »Und sorgen Sie gut für ihn! Hören Sie?! Grüßen Sie den Jungen, grüßen Sie den Jungen!« Andres konnte sie nicht mehr sagen, auch nichts andres mehr denken. »Grüßen Sie den –«