»Bist du denn gar nicht müde?« fragte die Mutter und lächelte ihn an; sie konnte sich nicht satt an ihm sehen, er sah so strahlend aus.
»Müde?« Ein fast geringschätziges Lächeln zog seine Mundwinkel herab. »Ich werde nie müde. Von so was nicht! Die Cilla hat gesagt, sie möchte auch gern mal mit mir laufen!«
»Ach, warum nicht gar?!« Schlieben, der mit beim Kaffeetisch saß, lächelte gutgelaunt; es machte ihm Spaß, den frischen Jungen ein wenig zu necken. »Dann wird sich die Mutter eben während der Eiszeit ein zweites Hausmädchen engagieren müssen!«
Wolfgang verstand den leisen Spott nicht. Ganz glücklich rief er: »Ja, das soll sie tun!« Aber dann wurde sein Gesicht lang: »Aber sie hätte keine Schlittschuhe, sagt sie. Vater, du mußt ihr welche kaufen!«
»Den Kuckuck werd ich – na, das fehlte noch!« Der Hausherr lachte laut auf. »Nein, mein Junge, die Cilla in Ehren, aber sie Schlittschuh laufen zu lassen, das wäre denn doch ein bißchen übertrieben! Nicht wahr?«
Er sah zu seiner Frau hin, die ganz gegen ihre Gewohnheit laut mit den Tassen klapperte. Sie sagte nichts, sie nickte nur stumm mit gänzlich veränderter, kühler Miene.
Der Knabe begriff das nicht: warum sollte die Cilla nicht Schlittschuh laufen?! Hatte die Mutter was gegen sie? Komisch! Immer, wenn ihm was so recht, recht gefiel, gefiel’s ihr nicht!
Er stützte, an seinem Arbeitspult sitzend, den Kopf in beide Hände; der war ihm schwer. Die Augen brannten ihm und tränten, wenn er sie fest aufs Heft richtete – er mußte doch wohl müde geworden sein. Das wurde keine gute lateinische Arbeit! Im Geist sah er schon, wie der Lehrer die Achseln zuckte und ihm, über so und so viel Köpfe weg, das Heft auf die Bank feuerte: ›Schlieben, zehn Fehler! Junge, Mensch, zehn Fehler! Wenn du dich nicht zusammennimmst, kommst du Ostern nicht mit nach Quarta herüber?!‹
Pah, das war ihm ja ziemlich egal – nein, eigentlich ganz egal. Es war ihm überhaupt jetzt alles egal, schrecklich egal. Er fühlte sich auf einmal todmüde. Warum sie nur der Cilla nichts gönnen wollte? Die erzählte doch so fein! Was hatte die doch gestern abend, als die Eltern aus waren und sie sich an sein Bett geschlichen hatte, erzählt? Von – von –?! Er konnte nichts mehr zusammenbringen, seine Gedanken verwirrten sich.
Der Kopf sank vornüber aufs Pult; die Arme lang vor sich über seine Bücher gestreckt, schlief er ein.