Aber Käte wies sie zurück. Es war ihr jedesmal wie ein Stich, wenn sie in den Nächten, die so schwarz und lang waren, ihren Knaben im Fiebertraum sprechen hörte: »Cillchen – wir wollen doch fahren ins Heu – juchhei – Cillchen!«

O, wie sie dieses rundwangige Mädchen mit den hellen Augen haßte! Aber mehr als sie es haßte, fürchtete sie es. In den Stunden der Finsternis, in jenen Stunden, in denen sie nichts hörte als das Stöhnen des Kranken und das rastlose Pochen des eignen Herzens, wandelte sich ihr das Mädchen in eine andre Gewalt. Groß und breit tauchte die auf aus der Nacht, stellte sich dreist ans Bett des Kindes, und in ihrem Blick, der stumpf war und ohne Intelligenz, flammte doch etwas auf vom Triumph der Macht.

Dann faßte die überwachte Frau sich wohl an die Schläfen, in denen es hämmerte, und streckte die Arme aus, wie abwehrend: nein, nein, du da, geh fort! Aber das Phantom blieb stehen am Bett des Kindes. Wer war es: die Mutter – das Venn – die Dienstmagd – Frau Lämke?! Ach, alle waren eins!

Über Kätes Gesicht liefen qualvolle Tränen. Wie der Junge jetzt lachte! Sie beugte sich über ihn, so dicht, daß ihrer beider Atemzüge sich mengten und, wie sie es früher schon getan hatte, flüsterte sie ihm auch jetzt zu: »Mutterchen ist hier, Mutterchen ist bei dir!«

Aber er gab kein Zeichen des Erkennens. – – – – –

Cilla hatte ein dick verweintes Gesicht, als sie die Küchentür im Souterrain, an der leise geklopft wurde, öffnete. Flüsternd sagte Frau Lämke guten Tag; sie hatte bis jetzt immer die Kinder herangeschickt, aber gestern waren die mit einem so verwirrenden Bericht nach Hause gekommen, daß die Unruhe sie nun selber hertrieb. Sie wollte sich erkundigen. Draußen vor dem Gitter hielten zwei Doktorwagen, das hatte sie aufs neue erschreckt.

»Wie jeht’s denn, wie jeht’s denn heute?«

Das Mädchen brach in Tränen aus. Es zog stumm die Frau in die Küche, wo die Köchin, ohne in irgend einer Kasserolle zu rühren, am Herd lehnte, während Friedrich eben, auf einen Druck der elektrischen Klingel von oben, wie ein Gehetzter hinausschoß.

»Nee, ich sage schon!« Die Lämke schlug die Hände zusammen. »Is ’s denn schlimm, wirklich so schlimm mit den Jungen?«

Cilla nickte nur, ihre überströmenden Augen in der Schürze verbergend, aber die Köchin sagte dumpf: »Es jeht zu Ende!«