[16. Kapitel.]
Die Jahre der großen Türkenkriege.
Der Kaiser, der Kurfürst von Brandenburg und der König von Frankreich stellten Kandidaten für den erledigten Thron auf. Da keine der drei Parteien das Übergewicht erlangen konnte, so wurde auf einem stürmischen Wahlreichstage unerwartet und wider den Willen des Senats ein mit den Piasten und Jagiellonen verwandter Einheimischer gewählt, der Fürst Michael Thomas Koributh Wiśniowiecki (1669–1673), der jugendliche Sohn des „Kosakenfressers” 1669 bis 1673 Jeremias. Die Wahl war keine glückliche, denn der neue König war schwach, in den Staatsgeschäften unerfahren und hatte die mächtige französische Partei mit Sobieski an der Spitze gegen sich, die seine Entthronung plante. Er stützte sich infolgedessen natürlich auf Österreich und heiratete die Schwester Kaiser Leopolds, Eleonore.
So fanden die Türken, als der mit der Ausführung des Andrussower Waffenstillstandes unzufriedene Doroszenko wieder zu ihnen übertrat und Mahmud IV. die Feindseligkeiten gegen Polen von neuem begann (1671), in der allgemeinen 1671 Verwirrung keinen Widerstand. Es wurde sogar behauptet, daß die französische Partei die Türken herbeigerufen habe. Jedenfalls leistete Sobieski, der sich in der Ukraine mit Kosaken und Tataren herumschlug, keine Hilfe. Die Türken eroberten Kamjenjez Podolsk, den Schlüssel zu 1672 Polen von Süden her, das sie nun 27 Jahre in ihrem Besitz hielten (1672–1699), und belagerten bereits Lemberg, als Polen den schimpflichen Frieden von Buczacz schloß (1672). Die polnische Ukraine wurde Doroszenko unter türkischer Lehenshoheit abgetreten, Podolien den Türken, die eine Kriegsentschädigung von 80 000 Talern und das Versprechen eines jährlichen Tributs erhielten.
Da entstand im allgemeinen Aufgebot die Konföderation von Gołąb a. d. Weichsel, die die Franzosenpartei vor ihr Konföderationsgericht rief und den Primas Prażmoski, der sich auf die exemte Stellung der Geistlichkeit berief, einfach seiner Würde entsetzte. Das Heer, mit dem Sobieski noch gegen die Tataren focht, stand natürlich zu seinem Hetman, der nun eine Gegenkonföderation zu Szczebrzeszyn bei Zamość bildete und auf Łowisz losmarschierte. Dort vertrug man sich und beschloß einen neuen Türkenfeldzug, indem man sich gleichzeitig um Hilfe an den Zaren und an den Kaiser wandte. Sobieski erstürmte bei Chotin 1673 das türkische Lager an derselben Stelle, wo einst Chodkiewicz sich verschanzt hatte. 66 Feldzeichen und 120 Geschütze fielen in seine Hände.
An einer Ausnutzung des Sieges hinderte der Tod des erst fünfunddreißigjährigen Königs und die infolgedessen entstehenden neuen Wahlwirren. Gewählt wurde keiner der Kandidaten der Mächte, sondern der an der Spitze des siegreichen Heeres zurückkehrende Johann III. Sobieski (1674 1674 bis 1696 bis 1696), für den sich auch der französische Gesandte erklärte, als er die Wahl seines Kandidaten gefährdet sah.
Auch diese Regierung, die Abendröte polnischen Waffenruhms, stand im Zeichen der Türkenkriege. Ihnen war die ganze Politik des kriegerischen Königs gewidmet, der in den Pacta conventa geschworen hatte, mehr Zeit im Lager als zu Hause zuzubringen. Als Mahmud IV. 1674 gegen 1674 Rußland zu Felde lag, eroberte er einen Teil Podoliens und der Ukraine zurück. Ibrahim-Pascha und der Khan Nur-ed-din, die in Rotrußland eingedrungen waren, erlitten Niederlage auf Niederlage, die bedeutendste der Tatare bei Lemberg (1675). Doch 1676 überschritt der „Teufel” 1675 Ibrahim wiederum die Grenze. Diesmal fühlte sich Sobieski nicht stark genug, um ihm in offener Feldschlacht gegenüberzutreten. Er verschanzte sich bei Żurawno in Rotrußland und erhielt nur durch Frankreichs Vermittlung einen glimpflichen Frieden, nach dem zwei Drittel der Ukraine an Polen 1676 zurückfallen sollten, die Lösung der podolischen Frage aber vertagt wurde.
Inzwischen hatte die Diplomatie eifrig gearbeitet, um Polen in eine der großen Kombinationen hineinzuziehen die der Gegensatz zwischen Österreich und Frankreich gezeugt hatte. Von Anfang an stand der Franzosensöldling und Franzosenkandidat Sobieski, dessen Gemahlin Maria Casimira d'Arquien obendrein eine Französin war, auf seiten Frankreichs. Er unterstützte die ungarischen Aufständischen unter Emerich Tököly und verpflichtete sich, an dem Kampf gegen den Kaiser und den Großen Kurfürsten teilzunehmen. In den Jahren 1677/78 rüstete er mit französischem Gelde in Preußen gegen den Großen Kurfürsten, doch verhinderte der Friede zu Nijmegen die Ausführung seiner Pläne.
Die Nichtbestätigung des Friedens zu Żurawno durch den Reichstag, der 1679 zu Grodno stattfand, das Drängen des 1679 päpstlichen Nunzius, die Notwendigkeit, die Türkenfrage endgültig zu regeln, die Erbitterung der Königin gegen Ludwig XIV., der ihren Vater nicht in den Herzogstand erhob, all das wirkte zusammen, um der polnischen Politik nunmehr eine andere Wendung zu geben. Besonderen Eindruck machte der Friedensvertrag, der 1681 zwischen Moskau und dem Sultan zu 1681 Bachtschi-Saraï zustande kam und der über die Geschicke der Ukraine verfügte, ohne Polen zu berücksichtigen. Das Land jenseits des Dnjepr blieb in Moskaus Besitz, das Land zwischen Dnjepr und Bug aber sollte auf immer wüst bleiben, als Grenzrayon zum gegenseitigen Schutze der Vertragschließenden. 1683 1683 wurde daher auf dem Reichstage zu Warschau ein Gegenseitigkeitsvertrag mit dem Kaiser geschlossen. Beide Parteien verpflichteten sich, gemeinsam gegen die Türken Krieg zu führen, bei einer Belagerung Wiens oder Krakaus einander zu Hilfe zu kommen und nur gemeinsam in Friedensverhandlungen einzutreten. Zur selben Zeit rückte Kara Mustafa gegen Wien.
Gemäß dem Vertrage zog Sobieski mit 34 000 Mann nach Österreich, vereinigte sich in Tulln a. d. Donau mit den Kaiserlichen, Bayern und Sachsen unter Karl von Lothringen, und rettete am 12. September in der Schlacht am Kahlenberge 1683 mit 70 000 Mann Wien und die Christenheit vor den 200 000 Türken. Seitdem sind die Türken nicht mehr in Deutschland eingefallen. Zu Hause kämpfte unterdes in Podolien und der Ukraine Andreas Potocki glücklich gegen die Moslems. Aber während die Österreicher auch im weiteren Verlaufe des Krieges noch glänzende Siege erfochten, namentlich bei Salankemen, schien von den Polen nach der Schlacht am Kahlenberge der Glücksstern gewichen. Die Jahre 1684 und 1685 blieben nicht nur erfolglos, sondern die in die Moldau eingefallenen Polen entgingen mit knapper Not der Vernichtung.
Um die „Heilige Liga”, der inzwischen auch Venedig beigetreten war, wirksamer zu gestalten, war es nötig, daß auch Moskau sich anschloß. Sobieski schickte daher 1686 1684 den Wojewoden von Posen, Christoph Grzymultowski, zur Zarin Sophie, um an Stelle des Waffenstillstandes von Andrussow ein Bündnis zu schließen. Moskau erhielt die in Andrussow nur auf dreizehn Jahre abgetretenen Gebiete und auch Kijew auf immer, wofür es Hilfe gegen die Türken 1686 leisten und 1½ Millionen Taler zahlen sollte. Polen gab endgültig und freiwillig alle seine Jahrhunderte alten Ansprüche auf den Südosten auf. Obendrein aber wurden die Erwartungen, die es in die russische Hilfe setzte, getäuscht. Die zweimaligen Feldzüge (1686 und 1691), die Sobieski 1686 in die Moldau unternahm, um seinem Sohn Jakob dort ein selbständiges Fürstentum zu erobern, blieben ebenso erfolglos wie der von 1685. Auf dem letzten verlor er beinahe 1691 seine ganze Reiterei. Unterdes fielen die Tataren wiederholt in Rotrußland ein und lagerten vor Lemberg.