»Ja, wer das wüßte!« sagte Devillier; »wir kamen vor der Höhle an und zogen das Pferd herein. Sie war voll Sorge um mich, wusch mir meine Kopfwunden und Beulen mit Wein und bewies mir unendliche Liebe. So brachten wir die Nacht in steter Angst und Sorge zu. Gegen Morgen hatte sie keine Ruhe mehr, sie verlangte nach der alten Mutter; sie beschwor mich, sogleich die Höhle zu verlassen und zu fliehen. Das Schicksal meines Freundes erschütterte mich tief, ich war entschlossen, ihn aufzusuchen. Sie schwur mir ewige Treue. Ich versprach ihr, wenn ich sie nach einiger Zeit hier wieder fände, sie zu meiner Frau zu machen. Sie lachte und meinte: sie wolle nie einen Mann, der kein Zigeuner sei, und nun auch keinen Zigeuner; sie wolle gar keinen Mann. Dabei scherzte und weinte sie, tanzte und sang sie noch einmal vor mir, und als ich sie umarmen wollte, schlug sie mich ins Gesicht und floh zur Höhle hinaus. Ich verließ den Ort gegen Abend.
Als ich vom Tode meines Freundes gehört hatte und zu Mitidika zurückkehrte, war ihre Hütte abgebrannt; ich ging nach der Höhle, sie war ausgeplündert. Auf der Wand aber fand ich mit Kohle geschrieben: Wie gewonnen, so zerronnen! Ich behalte dich lieb, tue, was du kannst, ich will tun, was ich muß. Ich habe das holdselige Geschöpf durch ganz Ungarn aufgesucht, aber leider nicht wiedergefunden; hundert Mitidikas sind mir vorgestellt worden, aber keine war die rechte.« »Es gibt auch nur eine,« sagte hier Michaly, »und wird alle tausend Jahre nur eine geboren.« »Kennt Ihr sie?« sprach Devillier heftig. »Was geht es Euch an,« erwiderte Michaly, »ob ich sie kenne? Habt Ihr nicht die Ehe ihr versprochen und doch eine Ungarin geheiratet? Sie hat Euch Treue gehalten, bis jetzt, sie ist meine Schwester, und ich wollte sie abholen, da die Großmutter in Siebenbürgen gestorben, wo sie sich mit Goldwaschen ernährten, der Pest-Cordon hat mir aber den Weg abgeschnitten.«
Da ward Devillier äußerst bewegt. Er sagte: »Ich habe sie lange gesucht und nicht gefunden, sie hatte mir ausdrücklich gesagt, sie werde nie einem Blanken die Hand reichen, und nun auch keinem Zigeuner; nur in der Hoffnung, sie wieder zu sehen, blieb ich jetzt in Ungarn, und ich würde nicht die Mittel gehabt haben, hier zu bleiben, wenn ich die alte Dame nicht geheiratet hätte, die mir jetzt mein schönes Gütchen zurückgelassen. Könnt Ihr mich mit Mitidika wieder zusammenbringen, so will ich sie gern heiraten und ihr alles lassen, was ich habe.« »Das ist ein nicht zu verachtender Vorschlag, Michaly,« sagte der Vizegespann, »schlagt das nicht so in den Wind, Ihr habt Zeugen!« Michaly aber lachte und sprach: »Mitidika wird nicht an dem Stückchen Erde kleben, sie wird nicht in einem gemauerten Hause gefangen sein wollen und sich um Abgaben und Zinsen zerquälen. Wer nichts hat, hat alles. Es war immer ihr Sprichwort: Der Himmel ist mein Hut; die Erde ist mein Schuh; das heilige Kreuz mein Schwert; wer mich sieht, hat mich lieb und wert.«
»Das ist echt zigeunerisch gesprochen,« sagte der Vizegespann, »drum bleibt ihr auch immer vogelfreies Gesindel.« Michaly nahm seine Geige und wollte ein Lied auf die Freiheit singen, aber der Nachtwächter blies zwölf Uhr und mahnte die Gesellschaft zur Ruhe. Lindpeindler hatte mit dem Feuerwerker und der Kammerjungfer, welche durch die erwachte Neigung Devilliers für Mitidika sehr gekränkt worden war, denn sie spitzte sich selbst auf ihn, noch eine Viertelstunde nach dem Edelhof. Als sie sich der Gesellschaft empfahlen, bot Devillier der Zofe seine Begleitung an. Sie sagte aber: »Ich danke, ich möchte das werte Andenken an die unbeschreibliche Mitidika nicht stören.« Damit machte sie einen höhnischen Knicks und verließ die Stube mit Lindpeindler, der diese Nacht als eine der romantischsten seines Lebens pries. Der Kroate, der Tiroler und der Savoyarde waren bereits eingeschlummert, und der Vizegespann lud Wehmüllern, der mit seiner Arbeit ziemlich fertig war, wie auch den Zigeuner und Devillier zu sich in sein Haus ein. Sie nahmen es mit Freuden an, da sie dort doch ein Bett zu erwarten hatten. Frau Tschermack, die Wirtin, ward bezahlt und schloß die Türe mit der Bitte zu: wenn sie länger hier blieben, nochmals eine so schöne Gesellschaft bei ihr zu halten.
Vor Schlafengehen wußten Devillier und der Zigeuner den Vizegespann zu bereden, am andern Morgen den Cordon mit durchschleichen zu dürfen, denn Michaly und Devillier sehnten sich ebensosehr nach Mitidika, die jenseits war, als Wehmüller nach seiner Tonerl. Sie schliefen bis zwei Uhr, da packte der Vizegespann jedem eine Jagdflinte auf, und sie zogen, als Jäger, einem Waldrücken zu. Aber kaum waren sie hundert Schritte vor dem Dorf, als sie seitwärts bei den Cordon-Piketten verwirrtes Lärmen und Schießen hörten, und bald einen Husaren, dem das Pferd erschossen war, querfeldein laufen sahen, welcher auf das Anrufen des Vizegespanns schrie: »Cordonus est ruptus cum armis in manibus a pestiferatis loci vicini!« »Der Cordon ist mit bewaffneter Hand von den Pestkranken des benachbarten Ortes durchbrochen!«
Als der Vizegespann dies hörte, ließ er seine Gesellschaft im Stich und lief über Hals und Kopf nach dem Dorfe zurück, um seine Bauern unter die Waffen zu bringen. Wehmüller und der Zigeuner schrieen: »Gott sei Dank, nun laßt uns eilen!« Devillier besann sich auch nicht lange, und sie liefen spornstreichs nach dem verlassenen Pikett-Feuer hin, wo sie Bauern beschäftigt fanden, unter großem Geschrei das Brot und die andern Vorräte zu teilen, welche das Pikett zurückgelassen hatte. Als sie sich näherten, kam ihnen ein Reiter entgegen und schrie: »Steht, oder ich schieße Euch nieder!« Sie standen und warfen die Waffen hinweg. Sie wurden gefragt: wer sie seien? Und als sie erklärt, sie wollten über den Cordon, und der Reiter ihre Stimme vernommen, stürzte er vom Pferd und fiel dem Zigeuner und Devillier wechselweise um den Hals, und schrie immer: »Michaly! Devillier! Ich bin Mitidika!« Vor Freude des Wiedersehens ganz zitternd, riß das Mädchen sie in die Erdhütte des Piketts, wo sie dieselbe in männlicher Kleidung, mit Säbel und Pistole bewaffnet, erkannten, und sie wollte eben zu erzählen anfangen, als sie Wehmüllern scharf ansah und zu ihm sprach: »Bist du noch immer hier, Betrüger? ich meinte, du seiest gestern zu deiner angeblichen Frau nach Stuhlweißenburg gereist.« Alle sahen bei diesen Worten auf den bestürzten Wehmüller; dieser sperrte das Maul auf vor Verwunderung. »Ich?« fragte er endlich, »ich, gestern zu meiner angeblichen Frau?« »Ja, Du!« sagte Mitidika. »Du, der Du Dich Wehmüller nennst, und es nicht bist; Du, der Du deine Frau nicht einmal kennst.« »O, das ist um rasend zu werden!« schrie Wehmüller. »Welche tollen Beschuldigungen, und das von einer wildfremden Person, die ich niemals gesehen.« »Unverschämter Gesell!« schrie Mitidika, »Du kennst mich nicht? Hast du mir nicht seit mehreren Tagen mit deinen Liebes-Versicherungen zugesetzt? Hat der wirkliche Wehmüller dir nicht deswegen schon ins Gesicht bewiesen, daß du Wehmüller nicht sein könnest, weil der rechte Wehmüller an niemand denkt als an sein liebes Tonerl?« »Der rechte Wehmüller?« schrie nun Wehmüller, »wo haben Sie den je gesehen? er wenigstens kennt Sie nicht.« »Kennt mich nicht?« erwiderte Mitidika, »und reist mit mir?« »Ich werde verrückt!« schrie Wehmüller, »nun ist gar noch ein Dritter auf dem Tapet; wo sind die zwei andern? Geschwind, ich will sie sehen, ich will sie erwürgen!« »Den Dritten lügst Du hinzu,« versetzte Mitidika, »der echte wird nicht weit von hier sein; ich will ihn holen, da sollst du beschämt werden.« Nun lief sie schnell zur Hütte hinaus. Dieser Wortwechsel war so schnell und heftig, und die Veranlassung so wunderbar, daß Michaly und Devillier nicht Zeit hatten, dem verblüfften Maler zu bezeugen, daß er seit gestern in ihrer Gesellschaft sei und unmöglich der sein könne, welchen Mitidika kannte.
Sie waren eben noch beschäftigt, den weinenden Wehmüller zu trösten, als eine ganz ähnliche Figur, wie er selbst, in die Hütte trat; bei dem erloschenen Feuer war es unmöglich, jemand bestimmter zu erkennen. Kaum hatte Wehmüller sein Ebenbild in derselben Gestalt und Kleidung erkannt, als er wie eine Furie darauf losstürzte; der andre tat ein Gleiches, und beide schrieen: »Ha, ertappe ich dich bei Deiner Buhlerei unter meinem ehrlichen Namen!« Sie rissen sich wie zwei Hähne herum. Devillier und Michaly brachten sie mit Gewalt auseinander, und Mitidika führte den dritten Wehmüller herein. Wie groß war die Bestürzung aller, da nun wirklich drei Wehmüller zugegen waren. »Nein, das ist zum verzweifeln!« rief der Wehmüller, den Mitidika mitgebracht hatte, »da ist noch einer!« »Herr Jesus!« schrie nun unser Wehmüller, »Tonerl, bist du es, bist du hier, Tonerl?« »Franzerl, lieber Franzerl?« schrie der andere, und sie sanken sich als Mann und Frau in die Arme. Da wurde es dem einen Wehmüller, den Devillier festhielt, nicht recht wohl, und er sank vor Schreck zur Erde. Michaly schürte nun das Feuer wieder an, daß man sehen konnte, und Mitidika bezeugte die größte Freude, daß Tonerl, die in einem ganz ähnlichen Kleide, wie ihr Mann, von Stuhlweißenburg mit ihr diesem entgegen gereist war, ihn endlich gefunden habe, nachdem sie zu ihrem großen Schrecken von dem falschen Wehmüller in dem Dorfe, das man wegen Pestverdacht eingeschlossen, sehr geplagt worden war, ohne sich ihm als Wehmüllers Weib zu entdecken, denn sie war auf einen alten Paß ihres Mannes gereist.
Sie hatten sich kaum von der ersten Freude erholt, als Mitidika sagte: »Wir müssen doch den falschen Wehmüller, der die Sprache verloren hat, wieder zu sich bringen.« Da aber ihr Rütteln und Schütteln ganz vergeblich war, sagte sie: »Ich habe ein untrüglich Mittel von der seligen Großmutter gelernt; das Herz ist ihm gefallen, wir wollen es ihm wieder heraufziehen.« Da nahm sie ein Schoppenglas und gab es Michaly nebst einem Endchen Licht, – das sie am Feuer anzündete, – und einem Scheibchen Brot. »Aha, ich weiß schon,« sagte Michaly, und öffnete dem Ohnmächtigen die Weste über dem Magen, setzte ihm das Licht, auf der Brotscheibe befestigt, auf den Leib und stülpte das Glas darüber. Das brennende Licht, welches die Luft unter dem Glase verzehrte, machte ihm den Leib, wie in einem Schröpfkopf in das Glas aufsteigen. Die ganze Gesellschaft lachte über dieses zigeunerische Kunststück, und der falsche Wehmüller kam bald zu Sinnen. Der echte ging auf ihn zu und sprach: »Wer sind Sie, der auf eine so unverschämte Weise meinen Namen mißbrauchte?« Da antwortete der Patient, welchen Devillier und Michaly an der Erde festhielten: »Was Kuckuck habe ich auf dem Leib? Es ist, als wollten Sie mir den Magen herausreißen; tun Sie mir die vermaledeite Laterne vom Leib, eher sage ich kein Wort; ich bin Wehmüller und bleibe Wehmüller!« »Gut,« sagte Mitidika, »wenn du noch nicht bei Sinnen bist, wollen wir dir etwas Süßes eingeben.« »Recht,« sagte Michaly, »Katzenkot mit Honig, Zigeunertheriak.« Auf dieses Rezept bekam der Patient andere Gesinnung und sprach: »Um Gotteswillen, laßt mich aufstehen, ich will alles bekennen! Ich bin der Maler Froschauer von Klagenfurt.«
»Das habe ich gleich gedacht,« sagte Wehmüller, »jetzt habe ich Sie in meinen Händen, ich kann Sie als einen Falsarius bei der Obrigkeit angeben, aber ich will großmütig sein, wenn Sie mir einen körperlichen Eid schwören: daß Sie auf ewige Tage resignieren, ungarische Nationalgesichter in meiner Manier zu malen.« »Das ist sehr hart,« sagte Froschauer, »denn ich habe ganz darauf studiert und müßte verhungern; den Eid kann ich nicht schwören.« »Er ist noch hartnäckig!« sagte Michaly; »geschwind den Zigeunertheriak her!« Und da Mitidika sich stellte, als wolle sie ihm etwas eingeben, entschloß er sich kurz und schwor alles, was man haben wollte; worauf sie ihn losließen und ihm die Laterne vom Leibe nahmen.