Da traten sie mit der Suppe und den Schnepfen herein, und stellten sie auf den Eichenblock. Die Suppe tranken wir aus dem Topf, ich wollte meine Marinina nicht wecken und ließ ihr Teil in die warme Asche setzen, die Vögel wollten wir morgen früh verzehren. Nun begann sich der Sturm in dem Walde wieder zu heben, und das Gewitter zog mit Macht heran. »Ach Gott!« sagte Mitidika, »lege dich nieder, Martino, und schlafe ein; hörst du das Wetter? Der Jäger bläst sein Horn, er wird gewiß bald kommen; lege dich nieder, gleich, gleich!« Dabei sah sie ängstlich in der Stube umher. »Nun, nun, was fehlt dir?« fragte Martino, und sie sagte: »Schlafen sollst du und das Angesicht von mir kehren, denn ich muß mich entkleiden und schlafen gehn, und das sollst du nicht sehen; ach, dreh dich um, Blanker!« »Bravo!« sagte Martino, »es freut mich, daß du so auf Zucht hältst, putze nur den Kien aus, bei der Nacht sind alle Kühe schwarz, selbst die schwarzen.« »Ja,« sagte sie, »auch die blanken Esel! Dreh dich um, ich bitte dich, ich will den Kien schon löschen, wenn es Zeit ist.« Da drehte sich der ehrliche Martino um. »Gute Nacht, Mitidika!« sagte er. »Gute Nacht, Martino!« sprach sie.

Nun breitete sie sich eine bunte wollene Decke an der Erde aus neben dem Eichenblocke, stellte einen halben Kürbis voll Wasser darauf, holte einen kleinen zierlichen Kasten gar heimlich hinter der Trommel hervor und setzte ihn neben sich auf die Bank, wobei sie sich ängstlich nach uns umsah. Ich blinzte durch die Augen und schnarchte, als läge ich im tiefsten Schlafe. Mitidika traute und schloß das Kästlein leise auf, musterte alle die Herrlichkeiten, die darin waren, und suchte sich einen Raum aus, die Nadelbüchse des Martino bequem hinein zu legen.

Ihr könnt euch meine Verwunderung nicht denken, als ich in dieser wüsten Zigeuner-Herberge die Kleine auf einmal in einem so zierlichen und reichgefüllten Schmuckkästchen kramen sah. Es sah nicht ganz so aus, als sei ein Affe hinter die Toilette seiner Herrschaft geraten, auch nicht, als richte der Satan einen Juwelenkasten ein, um einem unschuldigen Mädchen die Augen zu blenden; aber eine indianische Prinzessin, welche die Geschenke eines englischen Gouverneurs mustert, mag wohl so aussehen. Als sie so die Perlen- und Korallenschnüre, die brillantenen Ohrringe und die Zitternadeln durch die schwarzen Hände laufen ließ, konnte ich vor Augenlust gar nicht denken, daß dies gestohlenes Gut sein müsse. Nun stellte sie mehrere Kristall-Fläschchen mit Wohlgerüchen und Salben aus dem Kästchen auf den Block, zog feine Kämme und Zahnbürsten hervor und begann sich zu putzen und zu schmücken wie die Nacht, die mit dem Monde Hochzeit machen will. Sie nahm die kleine von buntem Stroh geflochtene Mütze von ihrem Kopf, und ein Strom von schwarzen Haaren stürzte ihr über die Schultern; sie gewann dadurch ein reizendes und wildes Ansehen, wenn ihre weißen Augäpfel und die blanken Zähne aus den schwarzen Mähnen hervor funkelten. Sie kämmte sich, schlängelte sich goldene Schnüre in die Zöpfe, die sie flocht und kunstreich wie eine Krone um das schöne runde Köpfchen legte. Sie wusch sich das Gesicht und die Hände, putzte die Zähne, beschnitt sich die Nägel und tat alles mit so unbegreiflicher Zierlichkeit, Anmut und hinreißender Schnelligkeit der Bewegungen, daß es mir vor den Augen zitterte und bebte. Als sie die brillantenen Ohrringe in den kleinen schwarzen Muschel-Öhrchen befestigte und die glitzernden Zitternadeln in den Flechtenkranz steckte, und die Korallen und Bernsteinschnüre um das braune Hälschen legte, und dabei hin und her zuckte wie ein Wunderwerkchen, gingen mir die Augen über. Sie begoß sich mit Wohlgerüchen, rieb sich die schwarzen Patschchen mit duftendem Öl und steckte sich ein blitzendes Ringlein um das andere an die schlanken Fingerchen. Nun stellte sie einen Spiegel auf und bleckte die Zähnchen so artig hinein, es ist nicht zu beschreiben. Und bei allem dem donnerte und blitzte es draußen, und ihre Eile ward immer größer. Ich verstehe mich auf Lichtwirkungen in der Nacht, aber ich habe mein Lebtag kein solches Feuerwerk gesehen, kein Blitzen auf so schönem dunkeln Grund, als das Spiel der Diamanten und Perlen auf ihr; denn sie war ein wunderschönes, frei, kühn, scheu und züchtig bewegtes Menschenbild.

Flüchtig packte sie nun alle Geräte wieder in das Kästchen, steckte noch eine handvoll weißes Zuckerwerk in das Mäulchen und knupperte wie eine Maus, sah mit scheuen Blicken um sich her, ob wir auch schliefen, während sie das Kästchen wieder unter die alte Trommel stellte. Die schwarze Katze, die auf derselben schlief, erhob sich dabei und machte einen hohen Buckel, als wundere sie sich über sie, da sie ihr mit den funkelnden Händen über den Rücken strich. Nun brachte sie ein feines Hemd von weißer Seide, legte es über den Arm und fing an, ihr Mieder aufzuschnüren, wobei sie uns den Rücken kehrte. Es sah aus, als werfe sie Kußhändchen aus, wenn sie die Nestel zog. Nun aber schlüpfte sie in die Küche und trat in wenigen Minuten wieder herein in einem schneeweißen Röckchen und einem Mieder von rotem venetianischem Sammet. So stand sie mitten auf der Decke und betrachtete ihren Staat mit kindischem Wohlgefallen. Der Donner rollte heftiger, Martino wachte auf. Mitidika faßte den Teppich mit beiden Händen über die Schultern, stieß mit dem Fuße die Kienfackel aus, wickelte sich schnell ein wie eine Schmetterlings-Larve, ein heller Blitz erleuchtete die Kammer, sie schoß wie eine Schlange an die Erde nieder und krümmte sich zusammen. Martino hatte sie im Leuchten des Blitzes noch gesehen, aber er wußte nicht, was es war; er sprach: »Meister, saht Ihr etwas?« Ich war aber so erstaunt, daß ich stumm blieb. Da sprach er: »Mitidika, schläfst du?« aber sie schwieg, Martino drehte sich um und schlief auch wieder.

Meine Gedanken über das, was ich gesehen, ließen mich nicht ruhen, der wunderbare Schmuck in dem Besitze der kleinen, braunen Bettlerin, und daß sie ihn jetzt so sorgsam und heimlich angelegt, befremdete mich ungemein. Alles kam mir wie Zauberei vor. Sie erwartet ein Waldgespenst und schmückt sich wie eine Braut. War dies gestohlenes Gut, ist sie eine verkleidete, versteckte Prinzessin, warum geht sie in dieser Pracht schlafen, und warum wickelt sie sich mit aller Herrlichkeit in den alten Teppich ein? Sollte alles dies geheim sein, wie war es möglich, da wir sie morgen früh doch in ihrem Putze finden mußten? So lag ich nachsinnend; das Gewitter war in vollem Grimm über uns, und das Licht der zuckenden Blitze zeigte mir öfters das Bild der Mitidika, welche wie eine Mumie, in den Teppich gehüllt, an der Erde ausgestreckt lag. Als ich aber durch das wilde Wetter ein Horn schallen hörte, stieß ich Martino an und flüsterte ihm zu: »Halte dich bereit, ich glaube, der wilde Jäger ist im Anzuge.« Wir hörten das Horn nochmals und Pferdegetrapp und Gewieher, und ich bemerkte, daß Mitidika aufstand. Ich kroch aber quer vor die offene Küchentür, und als sie mit dem Fuß an mich anstieß, glaubte sie umgegangen zu sein und wendete sich nach einer andern Seite: Martino stand auf, die Haustür öffnete sich, und es trat eine Gestalt mit raschem Tritte durch die Küche auf uns zu. Ich faßte sie bei den Beinen, daß sie niederschlug, und Martino drosch so gewaltig auf ihn los, daß der wilde Jäger zetermordio zu schreien begann. »Mitidika, Hilfe, Hilfe! man mordet mich!« schrie er. »Ha, ha! Herr wilder Jäger,« schrie nun Martino, »wir haben dich!« Und so zerrten wir ihn in die Stube herein und machten die Türe zu.

Der Lärm ward allgemein; der Kerl wehrte sich verzweifelt. Meine Marinina erwachte und schrie: »Jesus, Maria, Josef! Licht her, Licht her, was ist das, o Baciochi, Martino!« Die Alte fuhr aus ihren Betten auf, warf die alten Bretter um, die vor ihr standen, und schrie: »Mörder, Hilfe, Mitidika!« Dabei wurden die Hühner auf dem Boden rebellisch, die Trommel kollerte brummend durch die Stube. Mitidika allein ließ sich nicht hören. »Martino, schlage Feuer!« rief ich, und drückte meinen fremden Gast fest in die Gurgel, daß er sich nicht rühren konnte. Da stieß Martino einen Schwärmer in die glühende Asche des Herdes, der leuchtend durch die Kammer zischte und dem ganzen Spektakel ein noch tolleres Ansehen gab. Mein Gefangener fing von neuem an zu ringen, und indem ich ihn gegen die Wand drückte, trat ich gegen einige Bretter, die auswichen, ich warf ihn nieder. Ein großer Bock, der hinter den Brettern geruht hatte, sprang auf und fing nicht schlecht an zu stoßen, und ich warf meinen wilden Jäger so kräftig zur Erde, daß er keinen Laut mehr von sich gab. Martino brachte nun eine brennende Kienfackel herein, und wir sahen die ganze Verwirrung. Der wilde Jäger war ein schöner, schlanker Kerl in galanter Jagduniform. Er rührte sich nicht. Der Gedanke, daß ich ihn gar totgedrückt hätte, fuhr mir unheimlich durch die Glieder, ich stürzte zur Küche nach Wasser. Martino faßte die Alte, die fluchend und schreiend aus dem Bette gesprungen war, und warf sie wieder in die Federn mit den Worten: »Schweig still, Drache! wir wollen dir kein Haar krümmen; wir haben nur den wilden Jäger abgefangen.« Nun trat ich mit einem Eimer Wasser hinein und goß ihn pratsch! über den leblosen wilden Jäger; da sprang er wie eine nasse Katze in die Höhe.«

»Das Wasser, das kalte Wasser,« schrie hier Devillier aufspringend, »war das Allerfatalste!« Und die ganze Gesellschaft sah ihn verwundert an. »Nun, was schauen Sie,« fuhr er fort, »soll ich länger schweigen? Habe ich nicht schrecklich ausgehalten und mich hier in der Erzählung nochmals mißhandeln lassen?« Baciochi wußte nicht, was er vor Erstaunen sagen sollte über Devilliers Unterbrechung. Dieser aber sprach heiter: »Ja, Herr Baciochi, ich war der wilde Jäger, mich habt Ihr so kräftig zugedeckt, ich habe es von Anfang der Geschichte gewußt und hätte gern geschwiegen, aber das kalte Wasser lief mir wieder erweckend über den Rücken.« Da ward die ganze Gesellschaft vergnügt, der Feuerwerker reichte Devillier die Hand, und dieser sagte: »Es freut mich, Euch wieder zu sehen, alles ist längst vergessen, nur Mitidika nicht!« – »Das will ich hoffen,« meinte der Zigeuner ernsthaft, »ich bitte mir das Ende der Geschichte aus.« Da tranken alle lustig herum, und Devillier trank die Gesundheit der Mitidika, wozu Michaly einen Tusch geigte und Lindpeindler das hochpoetische freie Leben der Zigeuner pries, der Vizegespann meinte jedoch: sie hätten nicht die reinsten Hände. Die Kammerjungfer aber fragte: »Wo hat sie nur den Schmuck hergehabt?« Der Tiroler sagte: »Den wilda Jaaga hobts maisterli zuagdeckt!« und alle drangen, Devillier möge weiter erzählen.

»Wohlan!« sagte dieser: »Ich hatte damals Geschäfte mit der Contrebande, und manche andere politische Berührungen diesseits und jenseits auf der Grenze. Ich dirigierte den ganzen Schleichhandel und forschte auf höhere Veranlassung dem Orden der Carbonari nach. Auf meinen Streifereien hatte ich Mitidika kennen gelernt und mich leidenschaftlich in dies schöne, unschuldige und geistvolle wilde Naturkind verliebt. In bestimmten Nächten besuchte ich sie. Der Schmuck, den Ihr, Baciochi, sie anlegen sahet, war ein Geschenk von mir. Sie hatte den Glauben der Alten an den wilden Jäger benutzt, um sich unentdeckt einige Stunden von mir unterhalten zu lassen. Wenn ich kommen sollte, schmückte sie sich immer wie eine Zauberin; ich setzte sie dann auf mein Pferd und brachte sie nach einer Höhle, eine Viertelstunde von ihrer Hütte, welche das Warenlager meines Schleichhandels war. Da saß sie in einem mit dem feinsten englischen bunten Kattun ausgeschlagenen Raume mit mir, und ergötzte mich und meinen verstorbenen Freund mit Tanz, Gesang und freundlicher Rede. Gegen Morgen ging sie zurück, einen Bündel Holz in die Küche tragend, und wurde von der Großmutter wegen ihres Fleißes gelobt.

Ich liebte sie unaussprechlich um ihrer Tugend und Schönheit, und ihr ganzes Wesen war so wunderbar, und bei allem Mutwillen und aller kindlichen Ergebenheit so gebieterisch, daß ich nie daran denken konnte, ihre Unschuld auch nur mit einem Gedanken zu verletzen. O, sie war gar nicht mehr wie ein Mensch, sie war wie eine Zauberin, wie ein Berggeist, wenn sie in dem Edelsteinschmucke vor uns tanzte, sang, lachte und weinte. Ich kann sie nie vergessen. In der Nacht, wo Ihr und Martino mich so häßlich zerprügeltet, ging die ganze Herrlichkeit zu Ende. Anfangs hielt ich meine Angreifer für italienische Gendarmen, die mir auf die Spur kamen; als wir uns aber erklärt hatten, nahm mir die Entdeckung vom Gegenteil allen Zorn hinweg, und unsere erste Sorge war: wo Mitidika hingekommen sei. Die alte Zigeunerin jammerte auch nach ihr, wir suchten alle Winkel aus und fanden sie nicht, bis die Alte die Leiter vermißte. Baciochi sagte: zur Türe könne sie nicht hinausgekommen sein, er habe davor gelegen. Da machte uns der Regen, der durch das Loch in der Decke hereinströmte, aufmerksam. Martino kletterte auf den Schultern Baciochis hinan und fand die Leiter. Aber Mitidika, welche die Leiter nach sich gezogen, war durch das Strohdach hinausgeklettert und nirgends zu finden. Ich eilte nach der Tür und vermißte mein Pferd, nun war ich gewiß, daß sie nach meinem Schlupfwinkel entflohen sein müsse und war ruhig. Ich durfte diesen weder an Baciochi noch an die Zigeunerin, die nichts von meinem Verhältnisse mit Mitidika wußte, verraten und suchte deshalb noch lange mit. Das Wetter war aber so abscheulich, daß wir bald wieder zurückkehrten, und die Alte jammerte nicht mehr lange, da hörten wir Hufschlag, und Mitidika stürzte in ihrem ganzen Schmucke mit wilder Gebärde in die Stube auf mich zu: »Geschwind fort, geflohen!« schrie sie. »Die italienischen Gendarmen streifen in der Nähe, Euren Freund haben sie mit einem ganzen Zuge Schleichhändler gefangen; es ist ein Glück, daß hier der Spektakel losging, ich bin aus Angst durch das Dach geschlüpft, dadurch habe ich die Gefahr zuerst entdeckt. Geschwind fort!« »Wohin?« schrie ich und Baciochi. Martino und Marinina, die sich auch vor der Entdeckung fürchteten, folgten alle mit mir der treibenden Mitidika zur Türe hinaus. Sie schwang sich auf mein Pferd, ich hinter sie, und so sprengten wir beide nach unserem Schlupfwinkel, unbekümmert um Euch, Herr Baciochi, und die Eurigen.«

»Ja,« sagte der Feuerwerker, »Ihr rittet nicht schlecht, und wir hatten in dem wilden Wetter übles Nachsehen, übrigens war es Euch nicht zu verargen, daß Ihr uns nicht eingeladen mitzugehen, wir hatten Euch schlecht bewillkommt. Ich will mein Lebtag an den Mordweg denken. Meine Marinina ward krank und starb zwei Monate nachher in Kroatien. Gott habe sie selig! Martino ließ sich bei der österreichischen Artillerie anwerben und war neulich mit in Neapel, wenn er noch lebt. Ich fand mein Brot, Gott sei gelobt! bei unserem gnädigen Herrn. Es freut mich, daß Ihr so gut davon gekommen. Aber was ist denn aus der braunen Mitidika geworden?«