Johann Heinrich Daniel Zschokke wurde am 22. März 1771 als Sohn eines wohlhabenden Tuchmachers in Magdeburg geboren, ging nach kurzer Hauslehrer- und Theater-Tätigkeit und nach dem Besuch der Universität Frankfurt a. O. 1796 nach der Schweiz, wo er bald ein zweites Vaterland fand. Die wechselvollen politischen Umbildungen der damaligen Zeit stellten ihm, der von gemeinnützigem Sinne beseelt war, mannigfache bedeutende Aufgaben, denen er sich mit größtem Eifer unterzog. Seine großen Verdienste um die Schweiz und namentlich um den Kanton Aargau, in dem er sich niedergelassen hatte, wurden durch Übertragung vieler Ämter und Würden an ihn geehrt. Nachdem er seine letzten Lebensjahre den stets mit Eifer betriebenen schriftstellerischen Arbeiten gewidmet hatte, starb er am 27. Juni 1848 auf seinem Landsitz Blumenhalde an der Aar.

Zschokke ist ein Volksschriftsteller ersten Ranges: klar, gediegen, von energischem und lebendigem Vortrag. »Die Abenteuer der Neujahrsnacht«, »Addrich im Moos«, »Die Branntweinpest«, »Das Goldmacherdorf« sind einige seiner bekanntesten Erzählungen, neben denen eine große Zahl volkstümlicher Geschichtswerke und die bekannten »Stunden der An dacht« stehen. Auch durch Herausgabe allgemeinverständlicher Zeitschriften (namentlich des trefflichen »Schweizerboten«) hat sich Zschokke verdient gemacht. Daß er bei der von ihm entwickelten gemeinnützigen Tätigkeit großen Stils auch durch seine Dichtungen wirken wollte, kann nicht wunder nehmen; tatsächlich haben auch nicht nur die beiden letzten der obengenannten Erzählungen tiefgreifenden Einfluß geübt. Aber er moralisiert nicht nur. Wenn er ernste Mahnungen geben will, wie das häufig geschieht, weiß er sie dem Leser freundlich ans Herz zu legen, und er ist der Erzählung schwankhafter Ereignisse, wie »Die Nacht in Brczwezmcisl« zeigt, durchaus nicht abgeneigt.

E. S.

Die Nacht in Brczwezmcisl.

1.
Fahrt nach Brczwezmcisl.

Ich zweifle gar nicht, das Jahr 1796 mag wohl manche schreckliche Nacht gehabt haben, zumal für die Italiener und Deutschen. Es war das erste Siegesjahr Napoléon Bonapartes und die Zeit von Moreaus Rückzug. Damals hatte ich in meiner Vaterstadt auf der Universität die akademischen Studien beendigt; war Doktor beider Rechte, und hätte mich wohl unterstanden, den Prozeß sämtlicher europäischer Kaiser und Könige mit der damaligen französischen Republik zu schlichten, wenn man mich nur zum Schiedsrichter verlangt hätte.

Ich war indessen bloß zum Justizkommissar einer kleinen Stadt des neuen Ostpreußens ausersehen. Viel Ehre für mich. Mit dem einen Fuß schon im Amte, mit dem andern fast noch im akademischen Hörsaale, heißt seltenes Glück. Das dankte ich der Eroberung oder Schöpfung eines neuen Ostpreußens und dem Falle Kosciuszkos. Man macht es zwar dem hochseligen Könige – wir andere Christen sterben nur schlechtweg selig, und die Bettler vermutlich nur tiefselig; man sagt, im Tode sind wir einander alle gleich, ich beweise im Vorbeigehen das Gegenteil! – also man macht ihm zwar zum Vorwurf, an einer schreienden Ungerechtigkeit teilgenommen zu haben, da er ein selbständiges Volk verschlingen half; aber ohne diese kleine Ungerechtigkeit, ich möchte sie gar nicht schreiend nennen, wären tausend preußische Musensöhne ohne Anstellung geblieben. In der Natur wird eines Tod das Leben des andern; der Hering ist für den Magen des Walfisches, und das gesamte Tier- und Pflanzenreich, auch das Steinreich, wenn es nicht zuweilen unverdaulich wäre, für den Magen des Menschen da. Übrigens läßt sich sehr gut beweisen, daß ein Mädchen, welches seine Ehre, und ein Volk, welches seine Selbständigkeit überlebt, an ihrem eigenen Unglücke schuld sind. Denn wer sterben kann, ist unbezwingbar, und eben der Tod ist der feste Stützpunkt eines großen, ruhmreichen Lebens.

Meine Mutter gab mir ihren besten Segen, nebst Wäsche und Reisegeld; und so reiste ich meiner glänzenden Bestimmung nach Neu-Ostpreußen entgegen, von dem die heutigen Geographen nichts mehr wissen, ungeachtet es doch kein Zauber- und Feenland war, das auf den Wink eines Oberon entsteht und ver schwindet. Ich will meine Leser mit keiner langen Reisebeschreibung ermüden. Flaches Land, flache Menschen, schlechte Postwagen, grobe Postbeamte, elende Straßen, elender Verkehr, und nebenbei jedermann auf seinen Misthaufen stolz, wie ein Perser-Schah auf seinen Thron. Es ist einer der vortrefflichsten Gedanken der Natur, daß sie jedem ihrer Wesen ein eigenes Element anwies, worin es sich mit Behaglichkeit bewegen kann. Der Fisch verschmachtet in der Luft, der polnische Jude in einem prunkvollen Damengemache.

Also kurz und gut, ich kam eines Abends vor Sonnenuntergang nach, ich glaube, es hieß Brczwezmcisl, einem freundlichen Städtchen; freundlich, obgleich die Häuser rußig, schwarz, die Straßen ungepflastert, kotig, die Menschen nicht säuberlich waren. Aber ein Kohlenbrenner kann in seiner Art so freundlich aussehen, wie eine Operntänzerin, deren Fußtriller von Kennern beklatscht werden.

Ich hatte mir das Brczwezmcisl, meinen Berufsort, viel schrecklicher vorgestellt; vermutlich fand ich's gerade deswegen freundlicher. Der Name des Orts, als ich ihn zum ersten Male aussprechen wollte, hatte mir fast einen Kinnbackenkrampf zugezogen. Daher mochte meine heimliche Furcht vor der Stadt selbst stammen. Der Name hat immer bedeutenden Einfluß auf unsere Vorstellung von den Dingen. Und weil das Gute und Böse in der Welt weniger in den Dingen selbst, als in unserer Vorstellung von ihnen liegt, ist Veredlung der Namen eine wahre Verschönerung des Lebens.