Zur Vergrößerung meiner Furcht vor der neuostpreußischen Bühne meiner Rechtskunst mochte auch nicht wenig der Umstand beigetragen haben, daß ich bisher im Leben noch nicht weiter von meinem Geburtsorte gekommen war, als man etwa dessen Turmspitze sehen konnte. Ungeachtet ich wohl aus den Lehrbüchern der Erdbeschreibung wußte, daß die Menschenfresser ziemlich entfernt wohnten, erregte es doch zuweilen mein billiges Erstaunen, daß man mich unterwegs nicht ein paarmal totschlug, wo Ort und Zeit dazu gelegen waren, und weder Hund noch Hahn um mein plötzliches Verschwinden vom Erdball gekräht haben würden. Wahrhaftig, man gewinnt erst Vertrauen auf die Menschheit, wenn man sich ihr, als Fremdling und Gast, auf Gnade und Ungnade überläßt! Menschenfeinde sind die vollendetsten, engherzigsten Selbstsüchtlinge; Selbstsucht ist eine Seelenkrankheit, die aus der Stetigkeit des Aufenthalts entspringt. Wer Egoisten heilen will, muß sie auf Reisen schicken. Luftveränderung tut dem Gemüte so wohl als dem Leibe.
Als ich mein Brczwezmcisl vom Postwagen hinab zum ersten Male erblickte – es schien in der Ferne ein aus der Ebene steigender Kothaufen zu sein; aber Berlin und Paris stellen sich mit ihren Palästen dem, der in den Wolken schifft, wohl auch nicht prächtiger dar – klopfte mir das Herz gewaltig. Dort also war das Ziel meiner Reise, der Anfang meiner öffentlichen Laufbahn, vielleicht auch das Ende derselben, wenn mich etwa die in Neuostpreußen verwandelten Polacken, als Söldner ihrer Unterdrücker, bei einem Aufruhr niederzumachen Lust bekommen haben würden. – Ich kannte dort keine Seele, als einen ehemaligen Universitätsfreund namens Burkhardt, der zu Brczwezmcisl als Obersteuereinnehmer, aber auch erst seit kurzem, angestellt war. Er wußte von meiner Ankunft; er hatte mir vorläufig eine Wohnung gemietet und das Nötige zu meinem Empfange angeordnet, weil ich ihn darum gebeten. Dieser Burkhardt, der mir vorzeiten ein ganz gleichgültiger Mensch gewesen, mit dem ich auf der Universität wenig Umgang gehabt, den ich sogar auf Anraten meiner Mutter gemieden hatte, weil er unter den Studenten als Säufer, Spieler und Raufer berüchtigt war, gewann in meiner Hochachtung und Freundschaft, je näher ich an Brczwezmcisl kam. Ich schwor ihm unterwegs Liebe und Treue bis in den Tod. Er war ja der einzige von meinen Bekannten in der wildfremden polnischen Stadt; gleichsam der Mitschiffbrüchige, welcher sich auf dem Brette aus den Wellen an die wüste Insel gerettet hatte.
Ich bin eigentlich gar nicht abergläubisch; aber doch kann ich mich nicht enthalten, dann und wann auf Vorbedeutungen zu halten. Wenn keine erscheinen wollen, mache ich mir sie. Ich glaube, man tut dergleichen im Müßiggang des Geistes; es ist ein Spiel, das für den Augenblick unterhaltend sein kann. So nahm ich mir vor, auf die erste Person acht zu haben, die mir aus dem Tore der Stadt entgegenkommen würde. Ich setzte fest, ein junges Mädchen sollte mir zum glücklichen, ein Mann zum üblen Vorzeichen dienen. Ich war noch nicht mit der Anordnung der verschiedenen möglichen Zeichen fertig, als ich schon das Tor vor mir sah, aus welchem eine, wie es schien, sehr wohlgebaute junge Brczwezmcislerin hervortrat. Vortrefflich! Ich hätte mit meinen von dem preußischen Postwagen pflichtmäßig zerstoßenen und zermalmten Gliedern hinabfliegen und die polnische Grazie anbeten mögen. Ich faßte sie scharf ins Auge, um mir ihre Züge tief einzuprägen, und wischte meine Lorgnette – denn ich bin etwas kurzsichtig – vom letzten Sonnenstäubchen rein.
Als wir aber einander näher waren, bemerkte ich bald, die Venus von Brczwezmcisl sei etwas häßlicher Natur, zwar schlank, aber schlank wie eine Schwindsüchtige, dürr, eingebogen, mit platter Brust. Auch das Gesicht war platt, nämlich ohne Nase, die durch irgend einen traurigen Unfall verloren gegangen sein mochte. Ich hätte geschworen, es wäre ein Totenkopf, wenn nicht seltsamerweise zwischen den Zähnen ein Stück Fleisch hervorgehangen hätte. Ich traute meinen Augen kaum. Als ich's jedoch näher durch die Brille betrachtete, merkte ich wohl, die patriotische Polin streckte vor mir zum Zeichen des Abscheus die Zunge heraus. Ich zog geschwind den Hut ab, und dankte höflich für das Kompliment. Das meinige war der Polin vermutlich so unerwartet, als mir das ihrige. Sie nahm die Zunge zurück und lachte so unmäßig, daß sie fast am Husten erstickte.
Unter diesen scherzhaften Umständen kam ich in die Stadt. Der Wagen hielt vor dem Posthause. Der preußische Adler über der Tür, ganz neu gemalt, war, vermutlich von patriotischen Gassenbuben, mit frischen Kotflecken beworfen. Die Klauen des königlichen Vogels lagen ganz unter Unrat begraben, entweder weil das vielgepriesene Raubtier mit den Klauen ebensoviel als mit dem Schnabel zu sündigen pflegt; oder weil die Polen zu verstehen geben wollten, Preußen habe am Nordostpreußischen so viel erwischt, als der gemalte Adler zwischen den Pfoten trage.
2.
Die alte Starostei.
Ich fragte den Herrn Postmeister sehr höflich nach der Wohnung des Herrn Obersteuereinnehmers Burkhardt. Der Mann schien nicht gut zu hören, denn er gab keine Antwort. Da er sich aber bald darauf doch mit dem Briefträger unterhielt, so schloß ich aus seiner Stummheit, er wollte mich durch die weltbekannte Postgrobheit überzeugen, daß ich in der Tat nirgendwo anders, als an einem der wohleingerichtetsten Postbureaus sei. Nach der sechsten Anfrage fuhr er mich heftig an, was ich wolle? Ich fragte zum siebenten Male dasselbe, und zwar mit der verbindlichsten Berliner oder Leipziger Artigkeit.
»In der alten Starostei!« schnauzte er mich an.
»Um Vergebung, wenn ich fragen darf, wollen Sie mir nicht gefälligst sagen, wo ich die alte Starostei finde?«
»Ich habe keine Zeit. Peter, führe ihn hin!«