Nämlich er, der Erzähler, heiße Lebrecht; sei des seligen Herrn Obersteuereinnehmers Dolmetsch und treuester Diener gewesen bis gestern Nacht, da es dem Himmel gefallen, den vortrefflichen Herrn Obersteuereinnehmer aus dieser Zeitlichkeit in ein besseres Sein zu befördern. Die Beförderung wäre freilich ganz gegen die Neigung des Seligen gewesen, der lieber bei seinem Einnehmerposten geblieben wäre. Allein als er sich gestern mit einigen polnischen Edelleuten ins Spiel eingelassen, und beim Glase Wein in ihm der preußische Stolz und in den Polen der sarmatische Patriotismus wach geworden, hätte es anfangs einen lebhaften Wort-, dann Ohrfeigenwechsel gesetzt, worauf einer der Sarmaten dem seligen Herrn drei bis vier Messerstiche ins Herz gegeben, ungeachtet schon einer derselben zum Tode hinreichend gewesen wäre. Um allen Verdrießlichkeiten der neuostpreußischen Justiz auszuweichen, hätten sich die Sieger noch in derselben Nacht, man wisse nicht wohin, entfernt. Der Selige habe noch kurz vor seinem Hintritt in die bessere Welt für den erwarteten Justizkommissar, nämlich für mich, einige Zimmer gemietet, eingerichtet, Hausrat aller Art gekauft, sogar eine wohlerfahrene deutsche Köchin gedungen, die jeden Augenblick in den Dienst eintreten könne, so daß ich wohl versorgt sei. Beiläufig bemerkte der Erzähler Lebrecht, daß die Polen geschworene Feinde der Preußen wären, und ich daher an Kleinigkeiten mich gewöhnen müsse, wie diejenige gewesen, welche mir die stumme Beredsamkeit der Dame unterm Tor ausgedrückt habe. Er erklärte zwar den Peter für einen albernen Tropf, der mir ohne Zweifel nur den Tod des Herrn Obersteuereinnehmers habe anzeigen wollen, wofür ihm ein hinlänglicher Vorrat an Worten gefehlt; daher möge ein beiderseitiges Mißverständnis entstanden sein: doch wolle er, der Erzähler, mir nichtsdestoweniger geraten haben, vorsichtig zu sein, weil die Polen in einer wahrhaft stillen Wut wären. Er selber, der Lebrecht, sei fest entschlossen, sich sogleich nach Beerdigung seines unglücklichen Herrn aus der Stadt zu entfernen.

Nach diesem Berichte führte er mich die breite steinerne Treppe hinab, um mir meine neue Wohnung anzuweisen. Durch eine Reihe großer, hoher, öder Zimmer brachte er mich in einen geräumigen Saal; darin stand ein aufgeschlagenes Bett, von gelben damastenen alten Umhängen beschattet; ein alter Tisch mit halbvergoldeten Füßen; ein halbes Dutzend staubiger Sessel. Ein ungeheuerer, mit goldenem Schnörkelwerk umzogener, blinder Spiegel hing an der Wand, deren gewirkte, bunte Tapeten, auf welchen die schönsten Geschichten des Alten Testamentes prangten, halbvermodert, an manchen Stellen nur noch in Fetzen herabhingen. König Salomo auf dem Throne, um zu richten, hatte den Kopf verloren, und dem lüsternen Greise in Susannens Bade waren die verbrecherischen Hände abgefault.

Es schien mir in dieser Einöde durchaus nicht heimisch. Ich hätte lieber ein Wirtshaus zum Aufenthalt gewählt, und – hätte ich's nur getan! Aber teils aus Schüchternheit, teils um zu zeigen, daß ich mich vor der Nähe des Toten nicht fürchtete, schwieg ich. Denn ich zweifelte nicht daran, daß Lebrecht und wahrscheinlich auch die wohlerfahrene Köchin mir die Nacht Gesellschaft leisten würden. Lebrecht zündete behende zwei Kerzen an, die auf dem goldfüßigen Tische bereit standen; schon fing es an zu dunkeln. Dann empfahl er sich, um mir kalte Küche zum Nachtessen, Wein und andere Bedürfnisse herbeizuschaffen, meinen Koffer vom Posthause holen zu lassen und der wohlerfahrnen Köchin von meiner Ankunft und ihren Pflichten Anzeige zu machen. Der Koffer kam, das Nachtessen desgleichen. Lebrecht aber, sobald er sein ausgelegtes Geld von mir empfangen, wünschte mir gute Nacht und ging.

Ich verstand ihn erst, als er verschwunden war, so schnell machte sich der Kerl, nach eingestrichener Zahlung, davon. Ich sprang erschrocken auf, ihm nachzugehen, ihn zu bitten, mich nicht zu verlassen. Aber Scham hielt mich wieder zurück. Sollte ich den elenden Menschen zum Zeugen meiner Furchtsamkeit machen? Ich zweifelte nicht, daß er in irgend einem Zimmer seines ermordeten Herrn übernachten werde. Aber da hörte ich die Angeln der Hauspforte kreischen. Es drang mir durch Mark und Bein. Ich eilte ans Fenster und sah den Burschen über die Gasse fliegen, als verfolgte ihn der Tod. Bald war er im Finstern verschwunden; ich mit dem Leichnam in der alten Starostei allein.

3.
Die Schildwache.

Ich glaube an keine Gespenster; des Nachts aber fürchte ich sie. Sehr natürlich. Wer wollte auch alles mögliche glauben? Aber man hofft und fürchtet leicht alles mögliche.

Die Totenstille, die alten, zerlumpten Tapeten in dem großen Saal, das Unheimliche und Fremde, der Tote über meinem Haupte – der Nationalhaß der Polacken – alles trug dazu bei, mich zu verstimmen. Ich mochte nicht essen, ungeachtet mich hungerte; ich mochte nicht schlafen, so ermüdet ich auch war. Ich ging ans Fenster, um zu versuchen, ob ich im Notfalle auf diesem Wege die Straße gewinnen könne; denn ich fürchtete, mich in dem gewaltigen Hause und in dem Labyrinth von Gängen und Zimmern zu verirren, ehe ich den Hausflur erreichte. Allein starke Eisenstäbe verrammelten den Ausweg.

In dem Augenblicke ward alles in der Starostei lebendig; ich hörte Türen auf- und zugehen, Tritte nah und fern schallen, Stimmen dumpf ertönen. Ich begriff nicht, woher plötzlich dies rege Leben und Treiben. Aber eben das Unbegreifliche versteht man immer am schnellsten. Eine innere Stimme warnte mich und sprach: »Es gilt dir! Der dumme Peter hatte die Mordanschläge der Polacken verraten – rette dich!« Ein kalter Fieberschauer ergoß sich durch meine Nerven. Ich sah die Blutdürstigen, wie sie untereinander die Art meines Todes verabredeten. Ich hörte sie näher und näher kommen. Ich hörte sie schon in den Vorzimmern, die zu meinem Saale führten. Ihre Stimmen flüsterten leiser. Ich sprang auf, verriegelte die Tür, und in demselben Augenblicke versuchte man, die Tür von außen zu öffnen. Ich wagte kaum zu atmen, um mich nicht durch das Geräusch meines Atemzuges zu verraten. An der Sprache der Flüsternden vernahm ich, daß es Polen waren. Zum Unglück hatte ich gleich nach Empfang meiner Berufung zum Justizkommissariat so viel polnische Worte gelernt, daß ich ungefähr auch verstand, man spreche von Blut, Tod und Preußen. Meine Kniee bebten; kalter Schweiß rann mir von der Stirn. Noch einmal ward von außen der Versuch gemacht, die Tür meines Saals zu öffnen, aber es schien, als fürchte man, Geräusch zu machen. Ich hörte die Menschen sich wieder entfernen, oder vielmehr davon schleichen.

Sei es, daß die Polacken es auf mein Leben, oder nur auf mein Geld abgesehen hatten; sei es, daß sie ihre Anschläge ohne Lärmen ausführen, oder den Versuch auf andere Weise erneuern wollten; ich beschloß sogleich, mein Licht auszulöschen, damit sie es nicht von der Straße erblicken und mich daran erkennen möchten. Wer stand mir gut dafür, daß nicht einer der Kerle, wenn er mich wahrnahm, durchs Fenster schoß?

Die Nacht ist keines Menschen Freundin, darum ist der Mensch ein angeborener Feind der Finsternis, und selbst Kinder, die noch nie von Geistererscheinungen und Gespenstern gehört haben, scheuen sich im Dunkeln vor etwas, was sie nicht kennen. Kaum saß ich im Finstern da, die ferneren Schicksale dieser Nacht einsam erwartend, so stiegen vor meiner erschrockenen Einbildung die abscheulichsten Möglichkeiten auf. Ein Feind oder ein Unglück, das man sehen kann, sind nicht halb so entsetzlich, als solche, denen man sich blindlings überliefern muß, ohne sie zu kennen. Umsonst suchte ich mich zu zerstreuen; umsonst beschloß ich, mich auf das Bett zu werfen und den Schlaf zu suchen. Ich konnte nirgends ausdauern. Das Bett hatte den widerlichen Geruch von Leichenmoder; und saß ich im Zimmer, so erschreckte mich von Zeit zu Zeit ein Knistern in meiner Nähe, wie von einem lebenden Wesen. Am meisten schwebte mir die Gestalt des ermordeten Obersteuereinnehmers vor. Seine kalten, steifen Gesichtszüge erschienen mir so grausenhaft beredt, daß ich endlich alle meine beweglichen Güter darum gegeben hätte, wäre ich nur im Freien, oder bei guten, freundlichen Leuten gewesen.