»Nacht? Die nächste Nacht? Er ist wohl nicht bei Trost?«
– Gar wohl Polak, aber Preuße nicht!
Ich schüttelte den Kopf und schwieg. Offenbar verstanden wir beide einander nicht! Und doch lag in den Reden des trotzigen Kerls etwas Fürchterliches. Denn der Haß der Polen gegen die Deutschen, oder was dasselbe sagen wollte, gegen die Preußen, war mir bekannt. Es hatte schon hin und wieder Unglück gegeben. Wie, wenn der Kerl mich warnen wollte? Oder wenn der dumme Tölpel durch seinen Übermut eine allen Preußen bevorstehende Mordnacht verraten hätte? – Ich ward nachdenkend und beschloß, meinem Freunde und Landsmann Burkhardt das Gespräch mitzuteilen, als wir vor der sogenannten Starostei ankamen. Es war ein altes, hohes, steinernes Haus in einer stillen, abgelegenen Straße. Schon ehe wir dahin kamen, bemerkte ich, daß die, welche vor dem Hause vorübergingen, scheue, verstohlene Blicke auf das grauschwarze Gebäude warfen. Ebenso tat mein Führer. Der sagte nun kein Wort mehr, sondern zeigte mit dem Finger auf die Haustür und machte sich ohne Gruß und Lebewohl davon.
Allerdings war mein Eintritt und Empfang in Brczwezmcisl nicht gar anmutig und einladend gewesen. Die ersten Personen, welche mich hier begrüßten, die unhöfliche Dame unter dem Tor, der grobe, neuostpreußische Postmeister und der kauderwelsche, verpreußete Polack hatten mir Lust und Liebe sowohl zu meinem neuen Aufenthaltsorte, als zu meinem Justizkommissariat verbittert. Ich pries mich glücklich, endlich zu einem Menschen zu gelangen, der wenigstens mit mir schon einmal dieselbe Luft geatmet. Zwar hatte Herr Burkhardt bei uns zu Lande nicht des besten Rufes genossen; allein was ändert sich nicht im Menschen mit dem Wechsel der Umstände? Ist die Gemütsart etwas anderes, als das Werk der Umgebungen? Der Schwache wird in der Angst zum Riesen; der Feige in der Schlachtgefahr zum Helden; Herkules unter Weibern zum Flachsspinner. Und gesetzt, mein Obereinnehmer hätte bisher für seinen König alles eingenommen, für sich selbst aber keine bessern Grundsätze angenommen gehabt: noch besser immer ein gutmütiger Zecher, als das schwindsüchtige, nasenlose Gerippe mit der Zunge; besser ein leichtsinniger Spieler, als ein grober Postmeister; besser ein tapferer Raufer und Schläger, als ein mißvergnügter Polacke. Burkhardts letztgenannte Untugend gereichte ihm vielmehr in meinen Augen zum größten Verdienst; denn – unter uns gesagt – mein sanfter, bescheidener, schüchterner Charakter, den Mama oft hochgepriesen, konnte mir unter den Polen beim ersten Aufstande zum schmählichsten Verderben gereichen. Es gibt Tugenden, die an ihrem Orte zur Sünde, und Sünden, die zur Tugend werden können. Es ist nicht alles zu allen Zeiten das gleiche, ungeachtet es das gleiche geblieben.
Als ich durch die hohe Pforte in die sogenannte alte Starostei eintrat, geriet ich in Verlegenheit, wo mein alter, lieber Freund Burkhardt zu finden sei. Das Haus war groß. Das Kreischen der verrosteten Türangeln hallte im ganzen Gebäude wieder; doch veranlaßte das niemanden, nachzusehen, wer da sei? Ich stieg die breiten Steintreppen mutig hinauf.
Weil ich links eine Stubentür bemerkte, pochte ich fein höflich an. Kein Mensch entgegnete mit freundlichem »Herein!« Ich pochte stärker. Alles stumm. Mein Klopfen weckte den Widerhall im zweiten und dritten Stocke des Hauses. Ich ward ungeduldig. Ich sehnte mich, endlich dem lieben Seelenfreunde Burkhardt ans Herz zu sinken, ihn in meine Arme zu schließen. Ich öffnete die Stubentür, trat hinein und sah mitten im Zimmer einen Sarg. Der Tote, der darin lag, konnte mir freilich kein freundliches Herein zurufen.
Ich bin von Natur gegen die Lebendigen sehr höflich, noch weit mehr gegen die Toten. So leise als möglich wollte ich mich zurückziehen, als ich plötzlich bemerkte, der Schläfer im Sarge sei kein anderer, denn der Obersteuereinnehmer Burkhardt, von welchem nun selbst der Tod die letzte Steuer eingezogen. Da lag er, unbekümmert um Weinglas und Karten, so ernst und feierlich, daß ich mich kaum unterstand, an seine Lieblingsfreuden zu denken. In seiner Miene lag etwas dem menschlichen Leben so Fremdes, als hätte er nie mit demselben zu schaffen gehabt. Ich glaube wohl, wenn eine unbekannte allmächtige Hand den Schleier des Jenseits lüpft, das äußere Auge bricht und das innere hellsehend wird, da mag das irdische Leben winzig genug erscheinen, und alle Aufmerksamkeit nur dorthin streben.
Betroffen schlich ich aus der Totenstube, in den finstern, einsamen Hausgang zurück. Jetzt erst überfiel mich ein solches Grausen vor dem Toten, daß ich kaum begreifen konnte, woher ich den Mut genommen, dem Leichnam so lange ins Antlitz zu schauen. Zu gleicher Zeit erschrak ich vor meiner eigenen Verlassenheit, in der ich nun lebte. Denn da stand ich hundert Meilen weit von meiner teuern Vaterstadt, vom mütterlichen Hause, in einer Stadt, deren Namen ich nie gehört hatte, bis ich ihr Justizkommissar werden sollte, um sie zu entpolacken. Mein einziger Bekannter und kaum erst von mir adoptierter Herzensfreund hatte sich im vollen Sinne des Wortes aus dem Staube gemacht, und mich ohne Rat und Trost mir selbst überlassen. Die Frage war: wohin soll ich mein Haupt legen? wo hat mir der Tote die Wohnung bestellt?
Indem kreischten die rostigen Türangeln der Hauspforte so durchdringend, daß mir der Klang fast alle Nerven zerriß. Ein windiger, flüchtiger Kerl in Bedientenlivree sprang die Treppe herauf, gaffte mich verwundert an und richtete endlich das Wort an mich. Mir zitterten die Kniee. Ich ließ den Kerl nach Herzenslust reden; aber der Schreck hatte mir in den ersten Minuten zum Antworten die Sprache genommen. Ohnehin hatte ich auch schon vorher die Sprache nicht gekonnt, die dieser Bursche redete, denn es war die polnische.
Als er mich ohne Zeichen der Erwiderung vor sich stehen sah, und sich nun ins Deutsche übersetzte, welches er so geläufig, wie ein Berliner, sprach, gewann ich Kraft, nannte meinen Namen, Stand, Beruf und alle Abenteuer seit meinem Einzuge in die verwünschte Stadt, an deren Namen ich noch immer erstickte. Plötzlich ward er freundlich, zog den Hut ab und erzählte mir mit vielen Umständen, was hiernach in löblicher Kürze folgt: