Einer der Suchenden schlug nämlich mit einem spanischen Rohr so unbarmherzig auf den Verstorbenen oder Sterbenden los, daß derselbe plötzlich aufsprang und auf geraden Beinen vor dem Bette stand. Auch auf meine Wenigkeit waren vom Übermaß des spanischen Rohrs so viel Hiebe abgefallen, daß ich mich nicht enthalten konnte, laut aufzuschreien und schnurgerade hinter dem Toten zu stehen. Diese altpolnische und neuostpreußische Methode, Leute vom Tode aufzuerwecken, war zwar bewährt – dagegen ließ sich nichts einwenden, denn die Erfahrung sprach laut dafür; allein auch so derb, daß man fast das Sterben dem Leben vorgezogen hätte.
Als ich mich aber beim Tageslicht recht umsah, bemerkte ich, daß das Zimmer voll Menschen war, meistens Polen. Die Hiebe hatte ein Polizeikommissar ausgeteilt, der beauftragt war, die Leiche des Fremdlings beerdigen zu lassen. Der Steuereinnehmer lag noch immer tot im Sarge, und zwar im Vorzimmer, wohin ihn die betrunkenen Polacken gestellt hatten, weil es ihnen befohlen worden war, den Sarg in das ehemalige Pförtnerstübchen zu tragen. Sie hatten aber mein Vorzimmer anstatt des Pförtnerstübchens gewählt, und einen ihrer betrunkenen Kameraden als Wache bei der Leiche gelassen, der vermutlich eingeschlafen, von meinem Geräusch in der Nacht erweckt, instinktmäßig zu meinem Bett gekommen war und da seinen Branntweinrausch ausgeschlafen hatte.
Mich hatte die gottlose Geschichte so arg mitgenommen, daß ich in ein hitziges Fieber verfiel, in welchem ich die Geschichte der einzigen schrecklichen Nacht sieben Wochen lang träumte. Noch jetzt – Dank sei der polnischen Insurrektion! ich bin nicht mehr Justizkommissar von Brczwezmcisl – kann ich an das neuostpreußische Abenteuer kaum ohne Schaudern denken. Doch erzähle ich's gern; teils mag es manchen vergnügen, teils manchen belehren. Es ist nicht gut, daß man das fürchtet, was man doch nicht glaubt.
Hausbücherei
der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung.
Bis Dezember 1904 sind erschienen folgende Bände:
Bd. 1. Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas. Mit Bildnis Kleists, 7 Vollbildern von Ernst Liebermann und Einleitung von Dr. Ernst Schultze. Preis gebunden 90 Pfg. 6.-10. Tausend.
Bd. 2. Goethe: Götz von Berlichingen. Mit Bildnis Goethes von Lips und Einleitung von Dr. Wilhelm Bode. Preis gebunden 80 Pfg.
Bd. 3. Deutsche Humoristen. Erster Band: Ausgewählte humoristische Erzählungen von Peter Rosegger, Wilhelm Raabe, Fritz Reuter und Albert Roderich. 221 Seiten stark. Preis gebunden 1 Mark. 6.-10. Tausend.
Bd. 4. Deutsche Humoristen. Zweiter Band: Clemens Brentano, E. Th. A. Hoffmann, Heinrich Zschokke. 222 Seiten. Preis gebunden 1 Mark. 6.-10. Tausend.
Bd. 5. Deutsche Humoristen. Dritter Band: Hans Hoffmann, Otto Ernst, Max Eyth, Helene Böhlau. 196 Seiten. Preis gebunden 1 Mark. 6.-10. Tausend.