»Was du für ein stattlich Mädchen geworden bist, Gretchen!« sagte die Mutter, mich mit frohen Blicken musternd. »Die Stadtluft scheint dir gut zu bekommen.«

»Sie sieht wie eine Dame aus, höllisch fein!« bemerkte der Gymnasiast und zupfte an den sehr zweifelhaften Bartsprossen auf seiner Oberlippe.

»Hast du mir was mitebracht, Gretsen?« sagte die kleine Liese, und zog an den Schnüren meiner Reisetasche.

»Ja auspacken, Gretchen, auspacken!« riefen auch die anderen Kinder, und nun ging's an ein Wühlen und Kramen in meinen Sachen, daß ich die kleinen Quälgeister ernstlich abwehren mußte. Am besten geschah dies, indem ich ihnen die Geschenke an Näschereien gab, die ich ihnen »mitebracht«, wie Lieschen sagte. Dann machte ich mich selbst über das Auspacken meiner Sachen, und mit innigem Behagen räumte und kramte ich in dem niedlichen Stübchen, das Mama mir jetzt als Eigenthum anwies. Ein eben solch zierliches Himmelbett, wie ich bei Tante Ulrike besessen, schmückte auch hier mein Zimmer; die gute liebe Mama hatte mich damit gar freudig überrascht, und über meiner Kommode hing, von einem grünen Kranze umschlungen, Tante Ulrike's Bild! O das war doch gar zu schön und zart! Mit Thränen des Dankes und der Liebe küßte ich die beste der Mütter, und unter dem Bilde der Tante fanden augenblicklich meine beiden lieben Freundinnen Marie und Eugenie ihren Platz. Nun hatte ich sie alle beisammen, und jeden Abend und jeden Morgen nickte ich ihnen zu und schickte den Lieben in der Ferne die innigsten Grüße.

Neben meiner Stube schlief Hannchen, deren besondere Erziehung und Aufsicht meine gute Mutter mir nun anvertraute. »Ich denke, du wirst eine gelehrige Schülerin in dem Kinde haben,« sagte Mama dabei. »Es ist das beste Mittel für dich, deine eigene Erziehung nicht wieder zu vernachlässigen, wenn du der Schwester als gutes Vorbild dienen willst. Nun kannst du zeigen, ob du bei der Tante etwas lerntest.«

Ich freute mich unbeschreiblich über das Vertrauen, das Mama in mich setzte, indem sie mir Hannchens Erziehung übergab. Schon während meines Aufenthaltes bei Tante Ulrike war dieser Wunsch oft in mir rege geworden; denn meine sanfte Schwester, welche viel zierlicher und anmuthiger war, als ich selbst je im Leben gewesen, wuchs gleich mir in ländlichen Sitten und Manieren empor, wie wir sie zu Haus eben nicht anders kannten. Was Tante Ulrike nun an mir Gutes und Liebes gethan, das sollte jetzt meinem hübschen Schwesterchen zu Gute kommen, das war mein innigster Herzenswunsch, und die Liebe und Fügsamkeit, mit welcher das sanfte Kind mir entgegentrat, erneuerte mein Verlangen. Außerdem hoffte ich jetzt, meiner zarten Mama die Sorgen des Hauswesens durch treue Hülfe zu erleichtern und die kleinen Geschwister, besonders Lieschen, unter meine besondere Aufsicht zu nehmen. Papa hatte seit Kurzem einen Hauslehrer engagirt, welcher die Knaben in Zucht hielt und unterrichtete, und bei ihm nahm auch Hannchen ihre Stunden. Nun sollte auch ich noch seine Schülerin werden, da er sich erbot, mir in Sprachen und Musik einige Nachhülfe zu ertheilen. Natürlich nahm ich dies mit Dank an, und so lag denn ein stilles, schönes, glückliches Leben vor mir, voll Thätigkeit und Freude im Kreise meiner Lieben, und die Erinnerung an die vergangenen Tage in Berlin schmückte dieses Stillleben mit freundlichem Glanze. Ein eifriger Briefwechsel verband mich außerdem mit den fernen Freunden; denn sowohl die Tante als Marie schrieben mir lange, ausführliche Briefe, welche mich von allem unterrichteten, was sich in ihrem Kreise zutrug. Eugenie schrieb seltener, denn Briefschreiben war nicht ihre Sache, das wußte ich wohl; um so dankbarer nahm ich deshalb aber ihre heiteren, neckischen Briefchen auf, welche, wie die anderen Lebenszeichen meiner Lieben, immer großen Jubel erregten. Mit welcher Ungeduld erwartete ich stets den Boten, der drei Mal wöchentlich unsere Postmappe mit Zeitungen und Briefen aus der nächsten Stadt brachte! Stundenweit lief ich ihm oft entgegen, wenn ich auf Nachricht von Tante Ulrike oder Marie hoffte, und die Erfüllung dieser Erwartungen war der größte Festtag für mich.

Eines Tages aber kam eine sehr traurige Nachricht, welche mich tief bewegte. Tante Ulrike hatte mir schon einige Male mitgetheilt, daß Eugeniens Mutter sehr leidend zu sein scheine. Ihren versprochenen Besuch auf Schloß Senftenburg hatte sie aufgeben müssen, und Eugenie war deshalb mit dem Baron zu ihr gereist, um ihr den geliebten Gatten vorzustellen. Sie hatte die lebenslustige Frau sehr verändert gefunden, zwar immer noch voll Interesse für alle Eitelkeiten des Lebens, aber doch viel theilnahmloser und matter als früher, und von einer Weichheit des Gemüthes und einer Sehnsucht nach theilnehmender Umgebung, daß Eugenie in ihrer Herzensgüte sich kaum von ihr trennen konnte. In Folge ihrer Mittheilung kehrte Herr von Jagow augenblicklich zu seiner Gattin zurück, kam aber nur eben zur rechten Zeit, um der schwer Erkrankten ihre letzten Lebenstage zu verschönen. Ein schleichendes Fieber, das jetzt mit aller Macht ausgebrochen, setzte ihrem Leben ein Ziel; aber was die gesunde, lebensfrische Frau nie erkannt hatte, das empfand jetzt die Sterbende voll bitterster Reue. Ihr letztes Wort an ihren Gatten war eine Bitte um Vergebung des Leides, das sie ihm angethan, ihr letzter Blick ein Dank für seine treue, unverdiente Liebe.

So hatte denn der Tod dieses Leben geendet, das so wenig im Stande gewesen, Glück und Segen um sich zu verbreiten! Eugenie betrauerte die Mutter aufrichtig, denn ihr gutes Herz hing an derselben trotz aller Fehler und Schwächen, welche sie besessen. Sie wußte ihren tief gebeugten Vater zu bestimmen, die erste Trauerzeit in ihrem Hause zu verleben, und die Liebe seiner Kinder war der schönste Ersatz für alle Leiden und Entbehrungen, welche diesen edlen Mann so schwer getroffen. Ueber seine fernere Zukunft war er für den Augenblick noch unentschlossen; doch durch einen Brief Eugeniens erfuhr ich, daß ihres Vaters innigster Wunsch dahin gehe, Tante Ulrike zu bestimmen, mit ihm zusammen zu ziehen, wodurch sein einsames Leben wieder Reiz erhalten, und das so lange entbehrte Glück einer stillen Häuslichkeit ihm sein Alter versüßen würde. Ich zweifelte keinen Augenblick daran, daß Tante Ulrike, welche von jeher mit besonderer Liebe an dem einzigen Bruder ihres Gatten gehangen, den Wunsch desselben erfüllen werde; auch ihr Leben erhielt dadurch neue Bedeutung, ihre Thätigkeit einen so passenden Wirkungskreis. Freilich mußte sie alsdann Berlin verlassen, wo sie so lange Jahre gelebt, denn Herr von Jagow kehrte jetzt wieder in seine Stellung nach Braunschweig zurück; aber diese edle, allgemein verehrte Frau verstand ohne Zweifel, sich überall eine schöne Heimath zu schaffen; an ihr mußten sich die Worte Schillers bewähren, welche er in der Huldigung der Künste seinem Genius auf die Lippen gelegt, als die junge Erbprinzessin von Weimar aus ihrer russischen Heimath in deutsche Erde verpflanzt wurde, gleich jenem fremden, blühenden Baum, den die Landleute pflanzten:

Ein schönes Herz hat bald sich heim gefunden,

Es schafft sich selbst, still wirkend, seine Welt.