So waren die ersten beiden Monate verstrichen, seit ich wieder in die Heimath zurückkehrte. Da kam eines Tages ein Brief an mich – ein Brief von einem Freunde aus Berlin – und wenige Tage darauf der Schreiber selbst. O nun wurde mit einem Male alles anders! Wie Schuppen fiel es von meinen Augen; jetzt wußte ich, was mir gefehlt, was meine leidenschaftliche Sehnsucht bedeutete. Wie helles Morgenroth leuchtete es empor an dem trüben Himmel, der mich umgeben, die Sonne des Glückes und ungeahnter Freude ging meinem jungen Leben auf! Ich war Braut, Braut des Mannes, der mir der Herrlichste schien von allen Männern, die ich je gesehen, der mir nun sagte, daß er mich liebe, seit jenem Augenblicke liebe, wo ich ihm so unbefangen kindlich entgegen getreten, und der seitdem keinen anderen Wunsch mehr gehabt, als mich zu erwerben. O welch' namenloses Glück kann doch ein kleines Menschenherz umfassen! Welch' namenloses Glück barg jetzt mein liebes trautes Vaterhaus!
Und nun war der Tag erschienen, der mich ganz glücklich machen, mich ganz mit dem vereinen sollte, außer welchem es für mich keine Freude mehr auf der Welt gab. Alle meine Freunde hatten mir versprochen, zu dem Feste zu kommen. Marie war schon wochenlang bei uns, ihre Eltern und Eduard wurden erwartet, Eugenie hatte sich mit ihrem Prachtsöhnchen aufgemacht, mir ihren Antheil zu beweisen, ihren Gatten, ihren Vater und vor allem Tante Ulrike erwarteten wir heute, und wer fehlte nun noch?
Die Wagen rollten durch das Dorf, die Hunde bellten, die Dorfjugend jubelte, und die Kutscher verkündeten mit der Peitsche knallend ihre Ankunft. War das ein Leben unter den Linden vor unserem Hause! Papa und Mama flogen Tante Ulrike an das Herz, Marie wanderte aus einem Arm in den andern, Eugenie versank vollständig bald in dem weiten Reisemantel ihres Vaters, bald in des Barons Armen, der Frau, Kind und Amme zu gleicher Zeit umschlang und sich umherspringend geberdete wie ein toller Junge, trotz seines noch immer etwas steifen Fußes. Und ich? Ja ich habe das alles eigentlich nur vom Hörensagen, denn ich sah nichts über mir als zwei blaue Augen, darin der ganze Himmel wohnte, und wurde von zwei Armen so fest umschlungen, daß ich von der ganzen übrigen Welt nichts sehen und hören konnte. – Wie? Waren denn wieder Zigeuner in der Nähe, daß ich mich so stürmisch an diese Brust flüchtete?
»Onkel Hausmann, Lieschen will auch guten Tag sagen,« rief es jetzt neben uns, und mein kleines Schwesterchen drückte ihren braunen Lockenkopf an die Knie dessen, der mich gar nicht wieder los zu lassen Miene machte.
»Guten Morgen, meine liebe kleine Schwägerin!« rief der Angeredete nun fröhlich, indem er mich frei gab und Lieschen zu sich emporhob. Jetzt drängten sich auch die Knaben herbei, den Schwager zu begrüßen, auf den die kleinen Burschen sehr stolz waren; Vater und Mutter hießen den geliebten Schwiegersohn willkommen, aber ich fand kaum Blicke und Worte genug zur Begrüßung der vielen lieben Gäste, welche mir alle so warme Glückwünsche entgegen brachten.
Unser liebes altes Wohnhaus war gewiß sehr verwundert über die vielen Fremden, die es in seinen Mauern aufnehmen mußte; aber es blickte so stolz und stattlich durch die alten Lindenbäume hernieder, als wisse es die Ehre zu würdigen, die ihm wurde, und die Störche auf dem Giebel klapperten lustig ein lautes Willkommen. Von allen Seiten fuhren jetzt noch liebe Freunde, Verwandte und Nachbarn herbei, welche das Fest mit uns begehen wollten, und in den schattigen Gängen des Parkes, wie in Haus und Hof schwirrte es lustig durcheinander. Ein herrlich warmer Herbsttag gestattete uns den Aufenthalt im Freien, und so ließ Papa auf dem Platze unter den Linden die Mittags- und Abendtafeln für alle die aufschlagen, welche drinnen im Hause keinen Raum mehr fanden. Es war ein fröhliches Treiben, und Lust und Freude belebte alle Gemüther; ich aber war die Glücklichste von allen, und wenn auch meine Lippen nicht aussprechen konnten, was mein Herz so unnennbar beseeligte, in meinen Augen stand es sicher deutlich geschrieben, denn diese Augen sahen nur eins, und das war der Geliebte meiner Seele, Theodor Hausmann.
Den Abend dieses freundlichen Festes beschloß ein prächtiges Feuerwerk, das Herr Reier im Garten abbrannte. Den Schluß desselben bildete ein höchst ergötzliches Transparent, das sich auf meinen Aufenthalt in Berlin bezog, und dessen Urheber die gottlose Eugenie gewesen. Rings um das Mittelbild gruppirten sich kleinere Scenen. Da war denn z. B. Backfischchens erste Reise dargestellt, aus nichts bestehend als aus einem Haufen Schachteln, Packeten und Kisten, über denen hoch oben ein Mädchenkopf schwebte. Ferner Backfischchen in großer Bedrängniß, die Scene bei Geh. Rath Delius, wo ich hoch aufgeschürzt mit triefendem Schirm und zerrissenen Handschuhen Amanda gegenüber auf der Stuhlecke schwebe, und dicke Schweißtropfen von Stirn und Regenschirm auf den Fußboden rollen. Dann die Straßenscene, in der ich Marie um den Hals fliege, indeß ein daneben stehender Stutzer seine Arme verlangend nach uns ausstreckt. Dann vor allem Backfischchens erstes Rencontre mit dem Freunde: unser trauliches Gespräch in jener Gesellschaft, belauscht von umstehenden Gästen, in der Ferne Tante Ulrike, die sich verzweiflungsvoll das Haar rauft. Natürlich auch Backfischchen im Ballfieber, wie sie eben im Begriff ist, Tante Ulrike in die Kleidertasche zu kriechen, später dann die Ueberreichung des Cotillonordens an »den Freund«, alles war dargestellt. So ging es fort. Unzählige kleine peinliche Momente, die ich während meines Aufenthaltes in Berlin zu bestehen hatte, gab die lose Eugenie in posirlicher Darstellung zur Schau, und Eduard, als würdiger Bänkelsänger, erklärte in köstlichen Reimen dem Publikum die Bilder zu dieser wunderbaren Geschichte. Die Hauptsache aber war das Mittelbild, betitelt: »Beelzebubs Meisterstück, eine schreckliche Mordgeschichte, zur Warnung für alle Backfischchen.« Ein Trupp wilder Teufelchen, als Zigeuner gekleidet, stürzt, Keulen, Knüttel und andere Waffen schwingend, aus dem Gebüsch hervor, gerade auf ein junges Mädchen los. Dieses aber fliegt mit ausgebreiteten Armen einer Gestalt entgegen, welche soeben auf einer Wolke zu ihr hernieder schwebt, und die zwar mit Flügeln und einem Strahlenkranze versehen ist, wie man die Engel darstellt, deren Pferdefuß aber und kleine Bockshörnchen nichts weniger als einen Engel vermuthen lassen. Er trägt die Züge Th. Hausmanns, und streckt der Flehenden die Arme entgegen, um sie in sein Reich zu entführen, das hinter ihm als höllisches Feuer lodert. Der Schluß dieses Wunderwerks lautete dazu:
Drum, lieben Mädchen, habt wohl Acht,
Nun wißt ihr, wie's Herr Satan macht!
Mit siebzehn Jahren komme ja