Nun Gott sei Dank, endlich waren wir wieder auf der Straße! Ich ging ganz stumm und beschämt neben der Tante her, und diese sprach Anfangs auch kein Wörtchen. Endlich aber sagte sie: »Nun Gretchen, heut' hast du dich mit Ruhm bedeckt, das muß ich sagen!«

»Ach Tantchen, ich bin ganz außer mir über meine Dummheiten!« rief ich nun schluchzend, denn jetzt brach meine ganze Haltung zusammen, und trostlos dachte ich an alles, was so eben vorgegangen war.

»Nun nun, Kind, tröste dich nur, was sollen denn die Leute denken, wenn du großes Mädchen auf offner Straße so weinst und schluchzest!« sagte die Tante beruhigend. »Etwas Unrechtes hast du ja nicht gemacht, nur einige Versehen gegen Anstand und feine Bildung, und das wird schon besser werden!«

»O ich bin ein zu großer Tölpel, Tantchen, schilt mich nur tüchtig, ich verdiene es nicht anders!« rief ich noch immer schluchzend.

»Schelten werde ich dich wegen solcher Dinge niemals, Kind, denn du weißt es noch nicht besser!« entgegnete die Tante liebevoll. »Aber die Erlaubniß, noch länger mein armes Battisttaschentuch mit deinen Thränen zu tränken, die entziehe ich dir jetzt!«

Trotz meiner Thränen mußte ich nun lachen, und bald fand sich denn auch mein Gleichmuth wieder.

»Unsern Besuch bei diesen meinen Freunden betreffend,« fuhr die Tante freundlich fort, »will ich dir nur das noch sagen, was du dir nebst den andern Dingen, die zum Anstand gehören, merken magst: Wenn du dich hinsetzest, es sei auf einen Stuhl oder was sonst, so bleibe nicht auf dem äußersten Rande oder der einen Ecke hängen, sondern nimm ruhig und sicher den vollen Sitz ein, du erscheinst sonst linkisch und ängstlich. Ferner warte, ob man dir die Hand reicht, ehe du die deinige hinhältst, du kannst nicht wissen, ob man auch gesonnen ist, sie dir zu drücken. Endlich aber richte dich mit deinen Verbeugungen, in denen ich dich noch ein wenig zurecht stutzen werde, nach dem Alter und Stande der Personen, vor denen du sie machst. Heut' bekam die würdige Frau Geheimräthin kaum einen kleinen unbedeutenden Knix von dir, während du der prätentiösen Fräulein Tochter ein Compliment setztest, das wenigstens für eine Prinzessin feierlich und tief genug war.«

»Sie war aber auch so unnahbar wie eine Prinzessin!« seufzte ich leise für mich hin.

»Da hast du nun zwar so unrecht nicht!« sagte die Tante lachend, »aber um so weniger huldige ihr nur, die Erlaubniß gebe ich dir. Aber jetzt komm nach Haus, die andern Besuche machen wir ein andres Mal, wenn besser Wetter ist und sich ein Taschentuch in deiner Tasche und anständige Handschuh an deinen Fingern befinden!«

Dachte ich's doch, ihren Augen kann nichts entschlüpfen! Hatte sie doch richtig die Rosenknospen unter ihrer Hülle entdeckt, so sehr ich auch bemüht war, diesen Anblick ihren forschenden Augen zu ersparen. O Tante Anstand!