Jetzt erst bedachte ich, wie wunderlich abermals mein Benehmen war dem Baron gegenüber; aber er konnte nichts Uebles von mir denken, sah er doch, in welch' verzweifelter Lage ich mich befand, als ich um seinen Schutz bat, und natürlich erzählte ich ihm nun ausführlich, wie alles gekommen. Mein braver Begleiter sprach seine aufrichtige Freude aus, mir nützlich sein zu können, und war so herzlich und offen zu mir, wiederholte mir immer wieder, wie sehr das Vertrauen ihn beglücke, das ich ihm schenke, daß mir ganz froh und ruhig zu Muthe wurde, und ich dem guten Manne innig dankbar wie ein Kind in das Auge blickte, als ich endlich am Hause angelangt war. Er sah mich zwar dabei so sonderbar ernst mit seinen dunklen, schwermüthigen Augen an, daß ich nicht recht wußte, was ich dabei denken sollte; aber ich hatte ihn ja als einen Sonderling kennen gelernt, und so machte ich mir weiter keine Gedanken darüber. Küßte er mir ja doch sogar zum Abschied die Hand, er, der steife, ungelenke Menschenfeind, und bat um die Erlaubniß, anderen Tages sich nach meinem Befinden erkundigen zu dürfen. Das war doch mehr, als ich je von ihm erwartet hätte, und fröhlich eilte ich zu Tante Ulriken, dieser meine neuen Abenteuer zu erzählen und ihr den Besuch des Barons zu verkünden.

Die Tante war aber sehr ungehalten über meine Unvorsichtigkeit und verbot mir streng, je wieder lange Zeit an den Schaufenstern stehen zu bleiben, was am Tage schon wenig schicklich, Abends jedoch völlig ungehörig sei, und mir stets einen Wagen zu miethen, sobald die Dunkelheit mich überraschte. Ueber das Zusammentreffen mit dem Baron war sie ebenfalls nicht sehr erfreuet, kurz ich fühlte wohl, daß ich recht gründlich unvernünftig gewesen war und setzte mich sehr kleinlaut hinter meine Näharbeit.

Am andern Morgen erschien denn auch wirklich der angekündigte Besuch: Baron Senft ließ sich melden, und Tante Ulrike empfing ihn in ihrer feinen, liebenswürdigen Weise. Ich fand aber, daß sie zurückhaltender war, als gewöhnlich, und da der gute Baron sich auch wieder im äußersten Stadium der Verlegenheit und Steifigkeit befand, so verlief der Besuch sehr wenig erquicklich. Der arme Mann that mir wieder gar zu leid, denn ich konnte ihm seine Pein lebhaft nachempfinden, und so that ich mein Möglichstes, durch herzliches Entgegenkommen und kindliche Unbefangenheit ihm die Situation zu erleichtern.

Endlich empfahl er sich, und ich war ordentlich froh darüber, denn Tante Ulrike war unbegreiflich kühl und zurückhaltend. Ich konnte es mit dem liebevollen Urtheile, das sie des Tages zuvor über den Baron geäußert, gar nicht vereinigen, und sprach dies nun unverhohlen gegen sie aus.

»Es geschah, um der gar zu großen Freundlichkeit meines Gretchens ein Gegengewicht zu geben,« sagte die Tante ernst. »Ich muß dich bitten, mein Kind, bei all' deiner unbefangenen Herzlichkeit, mit welcher du dem Baron über seine Schüchternheit fortzuhelfen strebst, doch viel zurückhaltender zu sein. Du weißt nicht, ob solches Betragen auch so beurtheilt wird, als du in deiner Harmlosigkeit denkst, und eine andere Auslegung würde dir doch sehr schmerzlich sein.«

»Eine andere, Tantchen? Wofür könnte er denn sonst meine Freundlichkeit halten?« fragte ich betreten.

»Für Gefallsucht, Koketterie, mein Kind,« sagte die Tante, immer ernster werdend.

»O das ist doch aber nicht möglich, davon bin ich ja weit entfernt!« rief ich heftig. »Was habe ich denn gethan, daß er so etwas von mir denken sollte? Nein das wäre doch zu schlecht von ihm!«

»Ich hoffe, wir brauchen dies allerdings von dem Baron Senft nicht zu fürchten,« sagte die Tante sanft. »Aber zurückhalten mußt du dich von jetzt an, mein Kind; denn wenn er auch nicht von dir denken wird, du seist gefallsüchtig, so könnte er bei dir doch ein lebhafteres Interesse für ihn vermuthen, das er, wie ich denke, dir immerhin nicht einflößt.«

»Aber liebe Tante, wie kannst du so etwas nur sagen!« rief ich dunkelroth werdend. »Du meinst, er könnte denken, ich sei – ach Tantchen!«