Es war ein furchtbarer Schlag für die unglückliche Frau. Sie, die so stolz und erhaben über all' denen gestanden hatte, welche sie umgaben, sie mußte es nun ertragen, daß man sie von ihrer Höhe stürzte und sie hinausstieß in die Welt, arm und hülflos wie das ärmste Weib ihres Dorfes. Das ganze prachtvolle Gut ging in andere Hände über, und die arme Frau rettete von der ganzen Habe kaum so viel, sich vor der bittersten Noth zu schützen. Wie verzweifelt irrte sie durch die wüsten Zimmer des schönen Hauses, nicht wissend, wohin sie sich wenden sollte in ihrem grenzenlosen Elend; denn erbarmungslos achteten die hartherzigen Gläubiger wenig ihres Kummers. Suchte doch jeder so schnell wie möglich sich für seine Verluste an dem hinterlassenen Besitzthum schadlos zu halten, und obwohl der Todte noch nicht bestattet, wühlten doch schon fremde Hände in seinen Papieren und versiegelten die ganze Hinterlassenschaft. Da flogen hastige Schritte die Stufen der Freitreppe hinauf, und an das Herz der trostlosen Wittwe schmiegte sich weinend und zärtlich ein schlankes Mädchen. Es war Esther. Noch zitterte das Entsetzen über die fürchterliche Nachricht in allen ihren Gliedern; aber der unglücklichen Frau gedenkend kämpfte sie alle andern Gefühle nieder und gab nur dem einen Raum: der Mutter Bertels Hülfe und Trost zu bringen so viel in ihren Kräften stand. Und sie konnte es ja, dem Himmel sei Dank, konnte es durch die einstige Güte derer, denen sie nun helfen wollte. Jetzt war sie ja die Reiche ihren ehemaligen Wohlthätern gegenüber und konnte ihnen den Zins abtragen für so viele Güte und Liebe. O wie glücklich machte sie der Gedanke, und mit welchem Entzücken erfüllte sie diese Aussicht!

Frau von Ihlefeld umschlang Esther mit einem Schrei der Verzweiflung, und dann brach sie in einen Strom von Thränen aus. Bis dahin hatte das Entsetzen über das furchtbare Schicksal, das sie betroffen, wie eine Felsenlast auf ihr gelegen und sie aller Thränen und aller klaren Gedanken beraubt. Beim Anblick des Kindes aber, das weinend an ihr Herz sank, wich der Bann, der auf ihr lastete, und sie fand erlösende Thränen. Als die arme Frau endlich ruhiger wurde, da schlang Esther ihre Arme um sie und zog sie mit sich hinaus aus den wüsten, unheimlichen Räumen, in denen so Schreckliches über sie gekommen war, und führte sie schweigend nach ihrem eigenen kleinen Hause am Walde.

»Hier ist jetzt Ihre Heimath, liebe Tante Ihlefeld,« sagte Esther freudig. »Bertel hat mich seine Schwester genannt, so habe ich also ein Recht, unsere theure Mutter in meinem Hause zu haben und zu pflegen, denn es ist ja auch das Ihre. Nicht wahr, Tante Ihlefeld, Sie bleiben bei uns?«

Frau von Ihlefeld verbarg ihr Gesicht in den Händen und weinte bitterlich. »O Kind, Kind,« schluchzte sie, »Gott segne dich, du bist ein braves Mädchen! O, was wird Bertel sagen!« Und wieder brach das unglückliche Weib unter der Last ihres Jammers zusammen. Aber in der jetzigen Umgebung fand sie doch eher Ruhe und Fassung, und Esther, wie auch die gute, einfache Frau Booland verstanden es, ihr das schwere Schicksal zu erleichtern.

Und nun kam Hubert. Man hatte ihm erst nach und nach das schreckliche Schicksal mitgetheilt, das über ihn und seine Mutter hereingebrochen war, und der arme Knabe war wie vernichtet von der Nachricht. Einer seiner Lehrer begleitete ihn nach Rahmstedt, da er den Fassungslosen nicht allein lassen wollte, und es war ihm gelungen, den armen Bertel wenigstens so weit zu beruhigen, daß er der Mutter gegenüber seinen Kummer zu beherrschen versprach, um dieselbe nicht noch unglücklicher zu machen. Esther hatte mit großer Umsicht dafür gesorgt, daß Hubert bei seiner Ankunft den Gutshof gar nicht betrat. In ihrem Häuschen fand das erschütternde Wiedersehen statt zwischen Mutter und Sohn, und hier bereitete Esther auch für Bertel die Wohnung. So klein das Haus war, die unteren Räume genügten für sie und für Tante Booland, die oberen aber gehörten Frau von Ihlefeld und Bertel.

Ein ganz neues Leben begann nun für unsere Esther. Sie hatte die Sorge für zwei geliebte Wesen übernommen, das forderte all' ihre Kräfte heraus sowohl des Geistes als des Körpers. Die Mittel zum täglichen Unterhalt waren sehr beschränkt; denn Frau von Ihlefeld rettete aus den Trümmern ihres Besitzthums nur einen ganz unbedeutenden Rest. Und doch galt es, die arme verwöhnte Frau nicht allzuschmerzlich fühlen zu lassen, was sie alles zu entbehren hatte, vor allem aber galt es, Bertels Pension weiter zu bezahlen, damit er seine Studien nicht unterbrechen mußte. Und doch besaß Esther nur das kleine mütterliche Vermögen, welches gerade für ihre eigenen bescheidnen Bedürfnisse ausreichte. Aber sie blickte mit frohem Muthe all' diesen Schwierigkeiten in das Antlitz. Sie hatte versprochen, für Bertel und dessen Mutter zu sorgen, und nun mußte sie auch die Mittel dazu finden.

»Ich bin gesund und kann arbeiten, Tante,« sagte sie entschlossen zu Frau Booland, als diese bedenklich hin und her überlegte, wie man sich einzurichten habe. »Bis jetzt habe ich dir und andern überlassen, für mich zu arbeiten, nun will ich selbst mit angreifen, dadurch ersparen wir gewiß manche Ausgabe. Für fremde Hülfe dürfen wir jetzt nichts mehr bezahlen, denn du sollst sehen, deine faule, kleine Esther wird die Hände besser rühren als bisher.«

Wirklich fing das junge Mädchen jetzt mit energischem Entschlusse an, sich des Hauswesens und aller sonstigen Geschäfte anzunehmen. Nur die groben Arbeiten in Haus, Hof und Garten überließ sie einer jungen Magd, bei allen andern Geschäften in Küche und Haus aber und allen Arbeiten der Nadel stand sie der fleißigen Frau Booland jetzt unermüdlich zur Seite. Die frühe Morgenstunde fand Esther schon in voller Thätigkeit; denn früh müßte sie anfangen, wollte sie mit allem fertig werden, was sie übernommen hatte. Mit wahrhaftem Heroismus griff sie in den vor ihr stehenden hochaufgepackten Korb, in dem die Wäsche Bertels und seiner Mutter ihrer ausbessernden Hand wartete, und wenn die ungewohnte Arbeit sie auch manchen Seufzer und manchen Schweistropfen kostete, das brave Kind verlor die Ausdauer nicht. Sie hatte die Pflichten einmal übernommen, so wollte sie auch nicht als Feigling der Fahne wieder entfliehen, der sie Treue gelobt. Die sorglose Esther früherer Tage, welche leichtsinnig alle Mühe des Ordnens und Aufräumens ihrer nachsichtigen Pflegemutter überließ, sie trippelte schon von früh ab geschäftig im Hause herum, für Tante Ihlefeld alles fertig zu machen, was diese bedurfte. Mit dem Morgenkaffee erschien Esthers lachendes Gesichtchen in dem stillen Zimmer ihres Gastes und verscheuchte die traurigen Gedanken, welche auf der gebeugten Frau lasteten. Geschäftig räumte sie die beiden Zimmer auf, welche Frau von Ihlefeld bewohnte; denn es war ihr Stolz, dies selbst zu machen; niemand durfte ihr das abnehmen. Dann half sie derselben bei ihrem Anzuge, kämmte ihr das schöne blonde Haar, das Bertel von der Mutter geerbt, und verrichtete freiwillig und eifrig alle Dienste einer Kammerjungfer bei der verwöhnten Frau, welche nie im Leben selbst dergleichen Dinge gethan hatte. Was Frau Booland einst mit Zorn und Unwillen erfüllte, der Gedanke, daß ihr Goldkind Esther eine dienende Stellung bei Frau von Ihlefeld einnehmen könnte, das war jetzt etwas so Selbstverständliches geworden, daß auch Tante Booland es nur loben konnte. Aber freilich, unter wie andern Verhältnissen geschah es jetzt!

»Es ist wirklich ein Prachtmädel, die Esther!« dachte Frau Booland eines Tages und blickte voll Stolz in das frische, bräunliche Gesicht ihres Lieblings, das von Eifer und Freudigkeit glühte, während es sich über einen feinen Kuchenteig bückte, zu dessen Bereitung ihre Pflegemutter sie angeleitet hatte.