Und nun war der Augenblick gekommen, der ihr die Kunde bringen mußte, daß Esther jetzt mit Frau von Ihlefeld gehen und sie allein zurücklassen sollte! Die brave Frau Booland hatte all' ihre Kraft zusammen zu nehmen, um Frau von Ihlefeld ruhig und mit der gewöhnlichen höflichen Ergebenheit entgegen zu gehen. Die Gutsherrin war ein seltener Gast in dem Pfarrhause, nur während der Krankheit Pastor Wieburgs hatte sie dasselbe häufiger besucht, um Esther ihre Theilnahme zu beweisen; der Kranke selbst erkannte sie kaum noch. Hubert begleitete heute seine Mutter; denn zur Beerdigung seines theuren Lehrers war er auf einige Tage aus der Pension nach Hause gekommen. Während die beiden Kinder nun in Esthers Stübchen beisammen waren, und Bertel seine junge Freundin zu trösten und zu zerstreuen suchte, saß im Wohnzimmer Frau von Ihlefeld der erregten Frau Booland gegenüber und sagte nach einer kleinen Pause, während welcher das Herz der ehemaligen Frau Schulmeisterin fast hörbar klopfte: »Meine gute Frau Booland, ich habe Ihnen schon mehrfach angedeutet, daß nach Herrn Pastor Wieburgs Tode die Sorge für dessen Tochter mein und meines Mannes Sache sein wird; das sind wir demjenigen schuldig, der unserem Sohne ein so treuer, väterlicher Freund gewesen ist. Wir haben vielfach nachgedacht, was für Esther wohl das Beste sein möchte. Wollten wir sie zur Lehrerin ausbilden lassen, so müßte sie noch lange Zeit in eine Pensionsanstalt gehen; denn sonderbarer Weise hat sie gerade die Dinge, welche eine Erzieherin wissen muß, nicht gelernt trotz aller Gelehrsamkeit. Moderne Sprachen kann sie nicht und mit Musik und Zeichnen ist es auch nicht viel geworden. Aber bei der Eigenthümlichkeit Esthers würde sie ein solcher Aufenthalt sehr unglücklich machen, denke ich mir. Das Einfachste wäre, sie zu uns in das Haus zu nehmen. Aber auch dagegen spricht vieles. Esther ist ein armes Mädchen, eines schlichten Landpredigers Tochter, angewiesen auf eine Zukunft voll bescheidener Aussichten und einfacher Lebensstellung. In unserem Hause aber würde sie sehr verwöhnt werden, würde Ansprüche lernen, welche für ein Mädchen bürgerlicher Herkunft und ohne Vermögen nicht passend wären. Und doch würde es, glaube ich, kränkend für sie sein, wollte ich, um diese Uebelstände zu vermeiden, ihr eine untergeordnete Stellung in unserem Hause zuweisen.

So haben wir denn beschlossen, ihr ein kleines Eigenthum zu schenken, in dem sie mit dem mütterlichen Vermögen, welches ihr geblieben ist, eine bescheidene selbständige Existenz finden kann. Sie, meine brave Frau Booland, würden ein gutes Werk thun, wenn Sie Esther zur Seite blieben, wie bisher. Das kleine Haus, das neben der Försterei liegt, und ein Stückchen Garten und Feld soll Esthers Eigenthum werden. Ich denke, das wird ihr lieb sein, besonders wenn sie hört, daß es Bertels Idee war, ihr dies zu schenken; er glaubt, der nahe Wald wird für Esther einen besonderen Reiz haben. Er ist immer so sinnig und gut, unser braver Sohn, und möchte jedem eine Freude machen, und wir kommen seinen Wünschen immer gern nach, wenn es möglich ist. Ich denke, Esther wird sich gegen uns und gegen Hubert auch stets dankbar beweisen, denn sie ist ja ein liebes, bescheidnes Mädchen und wird es hoffentlich auch stets bleiben. Nun aber rufen Sie mir Esther, liebe Booland, damit ich mit ihr über diese Sachen sprechen kann.

Frau Booland war froh, daß sie einen Grund hatte, hinaus zu gehen; denn in ihr jagten und überstürzten sich tausend Gedanken und Gefühle, und doch wagte die bescheidene Frau nicht, dieselben gegen die stolze Gutsherrin auszusprechen. Mit einer leichten Verbeugung erhob sie sich vom Stuhle und schritt dann rasch zum Zimmer hinaus.

»Gott sei Dank, daß ich fort konnte!« sagte sie tief aufathmend und legte die große Hand wie beruhigend auf ihr weißes Brusttuch. »Ist das eine Welt! Sind das Menschen! Hochmuth, Hochmuth und nichts als Hochmuth! Ja, sorgen wollen sie für das arme, herzige Kindchen; aber mit welcher Miene, welcher beleidigenden Art und Weise! Die Füße soll sie ihnen wo möglich dafür küssen, und daß sie sich nur ja nicht etwa untersteht, sich jemals ihres Gleichen zu dünken! Und da muß Bertel erst noch kommen und ihnen den Weg zeigen, und eigentlich ist's nur, um ihm einen Wunsch zu erfüllen, sonst hätten sie es sicher gar nicht gethan. Nun Gott sei Dank, daß es so gekommen ist, da kann ich doch bei meinem Herzblättchen bleiben! Mir konnte ja kein größeres Glück passiren. Aber für Esther! Nein, nein, auch für Esther ist es besser so, als um Gotteswillen in einer Familie zu leben, die ihr hochmüthig das Bürgerblut vorwirft und sie wohl gar zum Hauspudel herabwürdigen möchte. Was? Meine Esther, dies kluge, liebreizende Geschöpfchen, meine Wonne und mein Augentrost, die Gespielin des braven Bertel, soll die etwa Kammerjungfer der gnädigen Frau werden, damit sie nur nicht vergißt, daß sie kein von vor ihrem Namen hat und also nicht werth ist, in Gemeinschaft mit solchen hochgebornen Leuten die Füße unter den Tisch zu stecken? Nein, mein Goldkind, das litte ich nun und nimmer, da wollte ich mir lieber die Hände abarbeiten, um dich vor solcher Existenz zu bewahren. Aber so sind sie nun, diese vornehmen Leute! Den Sohn herzuschicken Tag für Tag, daß er von unserem Herrn Pastor die schönsten gelehrtesten Dinge lernt, von denen sie sich alle zusammen kein Tütelchen können träumen lassen, dazu sind sie nicht zu vornehm, das nehmen sie von dem armen bürgerlichen Pfarrer recht gern an Jahr für Jahr. Aber der Dank dafür, wenn er auch schließlich gegeben wird, hat einen gar unangenehmen Beigeschmack. Nun Estherchen soll's aber nicht merken, das liebe unschuldige Herz; sie soll nur die Freude von dem Geschenk haben, mir zähen Alten kann der Beigeschmack doch nichts mehr schaden.«

Unter derartigen Worten und Gedanken hatte Frau Booland das Zimmer erreicht, in dem Hubert und Esther beisammen saßen. Bertel hatte seiner kleinen Freundin bereits den Plan mitgetheilt, den seine Mutter Frau Booland eröffnete; aber freilich in sehr anderer Weise, als Frau von Ihlefeld es gethan. So fand denn Tante Booland ihren jungen Liebling mit freudig strahlenden Augen und glühenden Wangen an Bertels Seite sitzend, und voll Entzücken flog sie ihrer braven Pflegemutter entgegen und verkündete ihr die erfreuliche Neuigkeit. Frau Booland lachte mit ihr durch ihre Thränen hindurch, dann aber führte sie beide Kinder zu Frau von Ihlefeld hinab. Hier hatte sie die Genugthuung, zu bemerken, daß Hubert, als seine Mutter anfing, auch gegen Esther von der bescheidenen Lebensstellung und Herkunft zu sprechen, an welche sie allein Ansprüche machen könne, plötzlich feuerroth wurde und heftig sagte: »Mama, laß doch, das ist ja alles ganz egal. Ich bin Esthers Bruder, und also ist Esther ebensoviel als ich. Sie hat mir versprochen, sie will als meine Schwester alles von mir annehmen, wenn sie etwas braucht, und als erstes Geschenk gebe ich ihr das hübsche kleine Haus, niemand anders, nicht wahr? So hast du's mir wenigstens versprochen, Mama. Esther hat sich auch schon bei mir bedankt; aber eigentlich braucht sie das gar nicht, da sie meine Schwester ist.«

Frau von Ihlefeld war sehr roth geworden bei dem kindischen Gespräch ihres Sohnes; doch lächelte sie und sagte ausweichend: »Schon gut, lieber Bertel! Esther wird sich hoffentlich recht wohl in der neuen Heimath fühlen und ihr Vaterhaus nicht zu schmerzlich entbehren. Wir aber, mein liebes Kind, wollen dir auch ferner treu zur Seite stehen, das verspreche ich dir.«

Dabei küßte sie das junge Mädchen liebevoll, und Esther weinte bald, bald lachte sie wieder, innig aber dankte sie für alle Liebe und Güte, die ihr zu Theil wurde. Und wie viel Grund hatte sie zu Glück und Freude! Der Gedanke, ihr liebes Dorf nicht verlassen zu müssen, in der Nähe von Bertel und dessen Eltern zu bleiben, und bei der Pflegerin ihrer Kindheit, der treuen Tante Booland, ferner leben zu können — es war eine schöne, beglückende Aussicht mitten in ihrer Trübsal, und sie gab sich diesem Glücke mit vollem Herzen hin.


So sehen wir denn mit dem beginnenden Frühjahr unsere kleine Esther als Bewohnerin eines hübschen, freundlichen Häuschens, das rings von einem netten Gärtchen umgeben ist. Unmittelbar hinter dem Hause erhebt sich der dichte Laubwald, und in einiger Entfernung davon liegen die Häuser des Dorfes und der Gutshof. In nächster Nachbarschaft steht das Haus des Försters, und Esther sowohl als ihre treue Tante Booland sind hier wie im ganzen Dorfe liebe, gern gesehene Gäste. Ein harmlos glückliches, friedliches Dasein erblühte für Esther in dieser traulichen Häuslichkeit, sie selbst aber wuchs heran zu einem frischen, schönen, fröhlichen Mädchen, das alle Menschen lieb hatten.

Mehr als ein Jahr war so vergangen, da durchlief eine schreckliche Kunde das Dorf Rahmstedt. Oft schon hatte man sonderbare Gestalten auf dem Gutshofe ein- und ausgehen sehen, schäbig gekleidete, jüdische Männer. Man sprach vom Verkauf des Gutes und von großen Verlusten, welche Herr von Ihlefeld gehabt habe, eines Morgens aber fand man den unglücklichen Gutsherrn erschossen in seinem Zimmer. Ein Brief an seine Gattin sagte dieser, daß sie am Bettelstabe wären in Folge unglücklicher Speculationen, in welche er sich eingelassen habe, und daß er nicht im Stande sei, diesen Schlag zu überleben. Auch sie und seinen armen Sohn habe er durch seinen Leichtsinn unglücklich gemacht, das könne er nicht mit ansehen. Dem Todten würden sie eher verzeihen als dem Lebenden, darum scheide er lieber von ihnen.