Am liebsten hörte sie es, wenn ihr Vater über Bertel sprach. Jetzt, nachdem sein Schüler ihn verlassen, wagte der Prediger erst es auszusprechen, wie große Erwartungen er von Bertel hege, und was er für ein kluger, talentvoller Knabe sei. Seine Eltern lobten den Sohn zwar auch in unbegrenzter Weise, aber das hatten sie auch bisher schon gethan. Von Pastor Wieburg aber, dem strengen, schweigsamen Manne fiel ein Lob viel schwerer in die Wagschaale, als von allen anderen Menschen. Ihre eigenen Lehrstunden hatten für Esther allen Reiz verloren, seit sie allein lernte, und sie sah es nicht ungern, daß ihr Vater, durch körperliche Leiden belästigt, diese Stunden jetzt sehr beschränkte. Nur wenn sie dem Vater bei seinen Arbeiten helfen konnte, wozu die gelehrte Erziehung, welche sie erhalten, sie wohl befähigte, dann war sie eifrig und fleißig; und so verging ihr manche Stunde mit Vorlesen griechischer oder lateinischer Bücher, mit Nachschlagen oder Abschreiben, oder mit Niederschreiben von Dictaten, da der Vater seine schwachen Augen in dieser Weise gern schonte. Immerhin aber blieb für Esther jetzt viel mehr freie Zeit übrig als früher.
»Nun wird das kleine Ding wohl endlich einmal ein Frauenzimmer werden!« sagte Frau Booland oft still für sich, wenn sie ihres Zöglings häufige Musestunden mit Behagen bemerkte. »Jetzt kann man doch mit gutem Gewissen noch andere Dinge von ihr verlangen.« Aber der Geschmack an diesen anderen Dingen wollte bei Esther noch gar nicht kommen trotz dieser freieren Zeit, und Frau Booland sah nun wohl, daß ein Kind in späteren Jahren schwer etwas lernt, wozu es nicht von früh auf angehalten wurde. Esther lag trotz ihrer 13 Jahre mit der Ordnung und Sauberkeit noch immer in ewiger Fehde, und alles andere war ihr lieber, als stricken und nähen oder sonstige weibliche Beschäftigungen; die Arbeit für Bertel ausgenommen. Hart konnte Tante Booland unmöglich zu ihrem Herzblättchen sein, und so that sie selbst lieber nach wie vor alle die Dinge, die Esther zukamen, um nur das arme Kind nicht allzusehr zu quälen. »Sie wird es schon von selbst machen, wenn sie einmal verständiger ist,« tröstete sie sich selbst, »ich kann ihr die liebe Jugend unmöglich dadurch verbittern.« Und so blieb alles so ziemlich beim Alten.
Da brachte der Winter ein schweres Leid über die Bewohner des Pfarrhauses. Pastor Wieburg wurde von einem Schlagfluß zur Hälfte gelähmt und war unfähig, sich zu bewegen, ja fast zu sprechen und zu denken. Nun aber zeigte die wilde Esther plötzlich, daß ein braver Kern in ihr verborgen lag, und sie auch still und geduldig sein konnte. Vereint mit Frau Booland pflegte und versorgte sie unermüdlich den hülflosen Vater und übernahm Geschäfte, welche ihr bis dahin unerträglich oder langweilig gewesen waren. Stundenlang konnte sie still an dem Bette des Kranken sitzen, oder alles um ihn her ordnen und zurechtmachen, ohne ungeduldig zu werden, und oft stand sie selbst am Heerdfeuer, um ein Gericht zu überwachen, das sie ihm nach Frau Boolands Anweisung bereitete. Die wilden Sprünge und das ungestüme Davonstürmen vertauschte sie mit leisem Tritt und vorsichtigen Bewegungen, und wer die besonnene, sanfte Esther hier am Bette des Vaters sah, der hätte das wilde Kind aus Wald und Wiese nicht wieder erkannt. Frau Booland stand oft mit gefaltenen Händen still neben dem Lager und beobachtete ihren jungen Liebling, und eine Thräne stahl sich dann in ihr gutes Auge. »Gott segne und schütze das arme Herzchen!« sagte sie leise und seufzte tief auf, denn unwillkürlich schweiften ihre sorgenden Gedanken in die Zukunft.
Und nur zu bald sollten diese Sorgen Begründung finden. Statt der Genesung nahte ein sanfter Tod dem Erkrankten, und Esther weinte schon nach wenig Wochen am Sarge ihres geliebten Vaters. Das früh verwaiste Mädchen schmiegte sich in ihrem Kummer jetzt mit doppelter Innigkeit an das treue Herz, das ihre Kindheit behütet und bewahrt hatte.
»O Tante Booland,« rief sie weinend, als sie an der Seite dieser braven Frau vom Friedhofe zurückkehrte und das einsame Pfarrhaus wieder betrat, aus dem man ihren Vater zur ewigen Ruhe hinweggetragen, »nicht wahr, du verläßt mich nicht auch, sondern bleibst bei deiner armen kleinen Esther?«
»Nein, mein liebes Herzenskind, ich verlasse dich nicht, wenn's der liebe Gott nicht anders bestimmt,« sagte Frau Booland sanft und streichelte die Wange des Mädchens. Dabei aber flogen ihre Blicke unruhig und sorgenvoll hinüber nach dem Gutshofe, und eine erwartungsvolle Spannung trieb sie rastlos umher, so daß sie zum ersten Male im Leben selbst bei ihrer Näharbeit keine Ruhe fand. Rasch fuhr sie oft empor, als höre sie jemand kommen, und immer wieder blickte sie nach dem Wege hinaus, der durch das Dorf führte.
Endlich steigerte sich die Erwartung der braven Frau bis zum Aeußersten; denn sie hörte draußen im Hofe Schritte und sah gleich darauf Frau von Ihlefelds schlanke Gestalt in das Haus eintreten.
Herr und Frau von Ihlefeld hatten mit dem Pfarrhause stets freundlichen Verkehr gepflogen, so lange Pastor Wieburg Pfarrer ihres Dorfes Rahmstadt gewesen, und die Freundschaft der Kinder hatte die beiden Häuser in mannigfache Verbindung gebracht. Der ernste, abgeschlossene Pfarrer besuchte den Gutshof zwar nur selten; aber er war jederzeit dort ein geehrter und lieber Gast. Herr von Ihlefeld besaß wirkliche Hochachtung für ihn und auch die Gutsherrin, obwohl sie vor dem ernsten Manne eine kleine Scheu nicht überwinden konnte, ehrte in demselben den würdigen Geistlichen und langjährigen Freund. Beide Gatten aber waren vom tiefsten Danke beseelt für die treue Liebe und Hingebung, mit welcher Pastor Wieburg jahrelang ihren einzigen Sohn unterrichtete und ihm der sorgsamste Lehrer und liebevollste Erzieher gewesen war.
Aber trotz dieses freundschaftlichen Verkehrs und trotz der steten Freundlichkeit, welche Esther im Gutshofe genoß, konnte man doch bemerken, daß Herr und Frau von Ihlefeld jederzeit etwas Zurückhaltendes im Umgang mit den Gliedern des Pfarrhauses behielten. Sie waren und blieben stets die adlige Herrschaft von Rahmstedt, und ihre Freundlichkeit glich nur zu häufig der Gunstbezeugung eines Höheren gegen Niedriggestellte. Besonders die einfache Frau Booland hatte oft von dem Stolze der Gutsherrin zu leiden; aber in ihrer Demuth klagte sie nie über derartige Kränkungen. Der Pfarrer bemerkte dergleichen Schwächen bei seinen Freunden kaum, oder lächelte nur im Stillen darüber, Esther aber war viel zu sehr sorgloses Kind, um dergleichen zu empfinden.
Bei der Erkrankung des Pfarrers aber hatten sich Herr und Frau von Ihlefeld theilnehmend und wahrhaft freundschaftlich bewiesen, und mehr als einmal hatte die Gutsherrin, wenn sie auf den leider zu erwartenden Trauerfall Bezug nahm, mit inniger Theilnahme zu Frau Booland gesagt: »Um Esthers Zukunft soll der Kranke keine Sorge haben, dieses lieben Kindes werden wir uns annehmen, das versteht sich von selbst.« Aber in welcher Weise dies geschehen würde, darüber sprach sie sich nie weiter aus, und so war es natürlich, daß Frau Booland der jetzigen Entscheidung mit lebhafter Unruhe entgegensah. Drohte der braven Pflegerin ja doch die Trennung von ihrem Lieblinge, der sie mit wirklich mütterlicher Liebe anhing. Und doch wagte sie nicht zu klagen und solche Gedanken laut werden zu lassen; denn was konnte es für Esther's Zukunft denn Besseres geben, als im Hause von Bertels Eltern liebevolle Aufnahme zu finden? Ihre Phantasie wob dann in reger Geschäftigkeit weiter an den herrlichen Zukunftsträumen für ihren jungen Pflegling, und wenn ihr auch die hellen Thränen dabei über das ehrliche Gesicht tropften, dachte sie an die Trennung und an ihr eigenes einsames Leben, so schalt sie sich doch immer wieder selbst über solchen Egoismus, der noch an das eigene Glück neben dem der geliebten Esther denken konnte.