Ihrer Augen schwarze Kohlen
Haben mir das Herz gestohlen?

Wahrhaftig, du bist ja ganz vernarrt in ihren Brief, laß doch 'mal sehen, was die schwarzhaarige Schöne dir schreibt!« Und dabei blickte er frech in Esthers Brief, als wollte er ihn lesen. Bertel wurde dunkelroth vor Aerger, bekämpfte seinen Verdruß aber und sagte nur, sich rasch abwendend: »Ach Unsinn, Esther ist eine Predigertochter und keine Jüdin.« Unwillkürlich aber blickten ihn dabei seiner Freundin schwarze Augen aus dem Briefe an, die allerdings einer kleinen Jüdin alle Ehre gemacht hätten, und er achtete bei diesem Gedankengange so wenig auf seine Umgebung, daß er nicht bemerkte, wie Franz sich herbeischlich und plötzlich einen raschen Griff nach dem Briefe that. Bertel jedoch hielt fest, und so bekam der Brief einen großen Riß. Nun aber war Huberts Geduld zu Ende. Mit dem Rufe: »Wart', das sollst du büßen!« flog er wie ein Pfeil auf den schlechten Kameraden los, faßte ihn um den Leib und warf ihn zu Boden. Franz war einer der stärksten Burschen der Stube, und nachdem er sich von der ersten Ueberraschung erholt hatte, fing er an mit Bertel zu ringen. Ein heißer Kampf entspann sich, denn Franz war stärker als sein Angreifer; Bertel aber besaß trotz seines zarten, schlanken Körpers eine große Zähigkeit und Gewandtheit, und mit Vorsicht wußte er sich stets gegen alle Angriffe zu decken. Er hatte zu Hause viel geturnt und oft mit den Dorfkindern gerungen, denn sein Vater pflegte zu sagen, ohne richtige Balgerei wird keiner ein rechter Junge. So gelang es ihm endlich, den Gegner zu bezwingen und ihm das Knie auf die Brust zu setzen.

»Jetzt versprichst du mir, mich ungeschoren zu lassen!« rief er mit funkelnden Augen. »Ich dulde eure Flegeleien nicht länger, daß ihr es nur wißt. Wer mich nicht in Ruhe läßt, dem zeige ich, daß ich Fäuste habe.« Und damit schlug er auf den großen Burschen so tapfer los, daß es schallte, und Walter ganz verblüfft daneben stand. Franz knirschte vor Aerger, konnte sich aber nicht rühren, und da er ein weicher Junge war trotz seiner groben Glieder, so bat er schließlich himmelhoch, Bertel möchte ihn loslassen, er verspräche auch alles, was er verlange. Hubert sprang auf und ließ ihn frei, Franz aber schüttelte sich, strich sich die Haare glatt und dann trat er zu seinem Gegner heran. »Du hast mich gut verarbeitet, Bertel,« sagte er stöhnend und reckte seine langen Glieder. »Bis jetzt dachte ich, du wärst feige, weil du dir alles gefallen ließest; aber nun habe ich Respect vor dir. Wer Courage hat, den lasse ich in Ruhe. Wollen wir Frieden schließen?«

Hubert sah dem ehrlichen Burschen ganz erstaunt in das feuerrothe Gesicht; es war ein guter Zug darin, und Bertel ergriff ohne Zögern die dargebotene Hand. »Recht gern, Franz«, sagte er herzlich, »mir soll's recht sein; ich bin kein Freund von Zank und Streit.«

So hatte die Schlägerei ein gutes Ende und in ihren Folgen trug sie vortreffliche Früchte. »Bertel hat den Franz gezwungen!« hieß es bald in der ganzen Anstalt, und das war wie ein Orden; denn Franz war für einen tüchtigen Raufer bekannt und also nicht gut mit ihm anzubinden. Niemand hielt den blonden Bertel ferner für einen Feigling und wagte ihn böswillig zu foppen; hatte derselbe doch auch jetzt an dem älteren Franz einen Kameraden zur Seite, der sich des jüngeren in allen Dingen annahm, denn er hing dem neuen Schüler mit immer wachsender Freundschaft an. Hubert war diese Freundschaft zwar ganz angenehm und schmeichelhaft, eigentlich aber wagte er nicht recht, dieselbe anzunehmen; hatte er nicht Esther gelobt, sie allein solle sein Kamerad sein und bleiben? Und war es nicht Wortbruch, wenn er hier nun doch eine neue Freundschaft schloß? Lange aber hielten solche Gedanken nicht vor; es war doch eben gar zu angenehm, nicht allein dazustehen unter so viel Schülern, und Esther selbst hatte sicher nichts dagegen. Sie konnte doch einmal nicht bei ihm sein, warum sollte er sich da nicht an jemand aus seiner jetzigen Umgebung anschließen? Esther blieb ihm ja doch immer so lieb, als sie ihm je gewesen war, das verstand sich von selbst. —

Trotz dieser Ueberzeugung sprach er in seinen Briefen an Esther doch nicht viel von seinem neuen Freunde. Die Scene aber, welche ihr Brief veranlaßt hatte, berichtete er ihr getreulich, und Esther glühte vor Wonne und Stolz, daß ihr Bertel sich so tapfer gehalten hatte, und tief innen im Herzen regte sich etwas, wie ein Jauchzen, daß sie der Anlaß zu diesem ersten Kampfe Bertels gewesen war. Davon sagte sie aber Tante Booland nichts, als sie den Brief vorgelesen, sie wußte selbst nicht warum. Freilich ahnte Esther nicht, daß Bertel gerade in Folge davon, daß sie es war, die jenen Kampf veranlaßt hatte, von jetzt an sorgfältig vermied, wieder von ihr zu sprechen. Er fürchtete abermalige Neckereien seiner Kameraden, die ohnehin nicht ganz ausblieben; denn ab und zu erkundigte man sich nach seiner jungen Freundin, welche für die Knaben durch jene Schlägerei einen geheimnißvollen Reiz erhalten hatte. Bertel gab aber immer verlegene ausweichende Antworten, und wenn er Esther auch nicht völlig verleugnete, so wünschte er doch, die Sache todt zu schweigen, um die Neckereien der Jungens los zu werden. »Mädchen passen einmal nicht in eine Jungenpension, nicht einmal in Gedanken!« entschuldigte er sich heimlich, und wirklich verging jetzt mancher Tag, wo Bertel so von seinen Arbeiten und seinen Kameraden in Anspruch genommen wurde, daß er seiner kleinen Esther gar nicht gedachte. Dann aber fiel ihm sein Unrecht plötzlich wieder schwer auf die Seele, und nun schickte er ihr, wie um vor sich selbst sein Erkalten wieder gut zu machen, einen so herzlichen, kameradschaftlichen Brief, erzählte ihr so getreulich von seinem Lernen und Leben und Treiben, daß Esther voll Entzücken ihres lieben getreuen Kameraden gedachte, der sie unter all' den neuen Verhältnissen nicht vernachlässigte. Sie wollte ihm auch zeigen, daß sie seiner in treuer Anhänglichkeit gedachte, und trotz ihrer Abneigung gegen weibliche Handarbeiten mühte sie sich jetzt häufig ab, um für Bertel irgend etwas anzufertigen. Zum ersten Male im Leben zeigte sie Geduld und Ausdauer bei diesen Arbeiten. Die Knaben in der Pension trugen hellblaue Mützen mit roth und silbernen Bändern, und wenn das Band besonders schön war, so bestanden die silbernen Streifen aus kleinen gestickten Blätterchen. Eine solche Mütze hatte Bertel sich gewünscht, und Esther saß nun mit eiserner Geduld und nähte mit ihren kleinen ungeschickten Fingern unermüdlich Blättchen um Blättchen, so sauer ihr auch die ungewohnte Arbeit wurde. Endlich war das Werk vollendet und zu seinem nächsten Geburtstage prangte die Mütze unter Bertels Geschenken, die ihm nach der Pension gesandt wurden. Ein feuriger Dankesbrief lohnte Esther die gewaltige Mühe, und von nun an war sie immer mit irgend einer Arbeit für ihren kleinen Freund beschäftigt, zur stillen Freude Tante Boolands, die ihr getreulich beistand, wo die Schwierigkeiten gar zu groß wurden. Aber gut war es, daß Esther nicht erfuhr, wie Bertel alle solche Arbeiten vor seinen Schulkameraden verleugnete, um sich nicht neuen Neckereien auszusetzen. Die Mütze machte den Anfang. Als seine Geburtstagsgeschenke bewundert wurden, betrachtete sein neuer Freund Franz mit etwas neidischen Blicken den zierlichen Streifen an der Mütze.

»Wer hat dies gestickt, Bertel?« fragte er neugierig. Bertel wurde roth und wandte sich ab. »Deine Mutter?« forschte Franz weiter. »Ja!« sagte Bertel kurz und fing ein anderes Gespräch an. Aber die Lüge brannte wie Feuer auf seiner Seele, und er schalt sich selbst wegen seiner Feigheit, die ihm nicht erlaubte, dem Spotte der Mitschüler zu trotzen. »Sie würden mir nimmer Ruhe lassen, und ich könnte die Mütze nie tragen ohne gefoppt zu werden!« rechtfertigte er sich vor sich selbst; aber gegen Esther hätte er diese Untreue nie eingestehen mögen. Aber freilich folgten diesem ersten Verleugnen bald andere, bis er sich schließlich gar kein Gewissen mehr daraus machte, alle Geschenke Esthers vor seinen Kameraden zu verheimlichen, nur um Ruhe zu haben.


Esther war seit Bertels Fortgang viel stiller und ernster geworden. »Die wilde Hummel,« wie man sie im Hause nannte, saß jetzt oft stundenlang bei Tante Booland, ihr vorlesend oder auch wohl bei einer kleinen häuslichen Beschäftigung helfend. Nur manchmal sprang sie plötzlich rasch auf, rannte durch Hof und Garten oder hinüber nach dem Gutshofe, und dann kam sie mit roth geweinten Augen zurück. Aber selten nur sprach sie es aus, wie unsäglich Bertel ihr fehle, und wenn irgend jemand sie fragte, ob sie den Kameraden nicht sehr vermisse, dann zuckten ihre dunkeln Augenbrauen leise und sie sagte stolz: »Ein Junge kann nicht ewig mit Mädchen spielen, er muß fort und lernen, wenn er ein Gelehrter werden will.«