»Bitte, meine liebe Esther, sprechen Sie, Sie stören mich nicht,« entgegnete der Pfarrer freundlich, indem er des jungen Mädchens Hand ergriff und sie nach dem Sopha führte, wo er sich erwartungsvoll neben sie setzte.
»Lieber Herr Pastor,« sagte nun Esther etwas zaghaft, »Sie sagten mir, daß Sie bald einige Knaben erwarten, die Sie mit Ihren Söhnen erziehen und unterrichten lassen wollen. Haben Sie für diese schon einen Lehrer engagirt?«
»Nein Esther, noch nicht bestimmt, ich bin noch in Unterhandlung mit einem jungen Manne. Aber warum? Wollten Sie mir vielleicht einen vorschlagen?« entgegnete der Pfarrer.
»Ja, Herr Pastor, das wollte ich allerdings und zwar mich selbst!« sagte Esther erröthend.
»Wie, Sie selbst, liebe Esther? Wie soll ich das verstehen?« erwiederte Jener lächelnd.
»Sie wissen vielleicht, daß mein Vater mich im Lateinischen und Griechischen, sowie in den Wissenschaften sehr sorgfältig unterrichtet hat,« sagte Esther nun muthig aufschauend. »Ich bin genöthigt, mir jetzt Geld zu verdienen, und durch Unterricht vermöchte ich das doch wohl am besten. Aber bei Mädchen könnte ich nicht Erzieherin oder Lehrerin werden; alte Sprachen lernen diese nicht, neue Sprachen aber sind mir fremd, und diese werden von einer Erzieherin gefordert. Knaben jedoch kann ich das lehren, was ich gelernt habe. Deshalb kam mir der Gedanke, mich Ihnen als Lehrerin anzubieten, vielleicht versuchen Sie es mit mir. Geht es nicht, so ist ein Wechsel ja bald gemacht. Sie würden mich unendlich glücklich machen, wollten Sie den Versuch wagen, Herr Pastor.«
Pastor Krause blickte ganz erstaunt in Esthers brennend rothes Gesichtchen, das sich ihm erwartungsvoll zuwandte. »Mein liebes Kind,« sagte er sanft, »es ist eine Riesenaufgabe, für welche Sie, ein Mädchen, sich melden. Abgesehen davon, daß ich bezweifle, Ihre Kenntnisse würden ausreichen, so ist so ein Rudel wilder Jungen kein Spaß; ein zartes Mädchen ist dem nicht gewachsen.«
»Ich bin kein zartes Mädchen, Herr Pastor,« sagte Esther lachend, »mein Vater hat mich nicht nur im Unterricht wie einen Jungen erzogen. Ich bin eigentlich immer ein wilder Bursche gewesen und würde mit den Jungens sicher auskommen.«
Der Prediger sah von Neuem überrascht in Esthers flammendes Auge, und zum ersten Male fiel ihm der feste, energische Zug auf, der auf ihren Lippen ruhte. Er schüttelte nun lächelnd den Kopf und sagte: »Ja, liebe Esther, ein solcher Lehrer muß sich aber erst einer Prüfung unterziehen.«