»Natürlich, ich bitte dringend darum,« entgegnete Esther rasch.

»Gut, so mag es gleich geschehen, liebes Kind,« rief Pastor Krause und holte Bücher und Schreibzeug herbei, denn die Sache fing an, ihn aufs Aeußerste zu interessiren. Er ließ nun Esther lesen und übersetzen, richtete eine lange Reihe Kreuz- und Querfragen an sie, ließ sich kleine Vorträge über allerlei wissenschaftliche Gegenstände halten, und schließlich gab er ihr einige schriftliche Aufgaben, welche sie zu Hause ausarbeiten sollte. Sein Gesicht nahm während dieser Prüfung mehr und mehr den Ausdruck freudigen Staunens an, und als er endlich Esther entließ, reichte er ihr die Hand und sagte ernst: »Sie haben mich wahrhaft überrascht, Esther. Ich weiß nicht, was ich mehr anstaunen soll: Ihre trefflichen Kenntnisse oder Ihren verehrten Lehrer. Jedenfalls kann ich wegen Ihres Wissens die Knaben Ihnen überantworten; aber wir wollen uns Beide die Sache doch noch weiter überlegen. Wenn Sie mir die Arbeiten bringen, sprechen wir weiter davon.«

Aber als Esther einige Tage darauf das Studirzimmer mit ihren Ausarbeitungen wieder betrat, kam ihr Pastor Krause äußerst herzlich entgegen und sagte: »Esther, ich glaube, ich engagire Sie auf der Stelle. Ich habe noch viel über Sie nachgedacht und ich meine, Sie sind der Sache gewachsen. Alles, was ich über Sie gehört, zeigt mir, daß Sie ein Mädchen sind, stark an Seele und Geist, und ein solcher Lehrer ist einer Schaar Knaben wohl gewachsen. Sie werden schon mit den Bürschchen fertig werden, und im Uebrigen stehe ich Ihnen ja zur Seite.«

So trat Esther denn wenig Wochen darauf ihr neues Amt im Pfarrhause an. Drei fremde Knaben waren mit den beiden Söhnen des Pastors ihre Schüler, und der Unterricht ging vortrefflich. Pastor Krause hatte einige Stunden übernommen, die übrigen aber gab Esther. Die Knaben machten zwar Anfangs große Augen zu ihrer jugendlichen Lehrmeisterin, bald aber bekamen sie den höchsten Respect vor ihr; denn nicht nur, daß sie im Unterricht eifrig und tüchtig war, sie verstand auch, die oft unbändigen, übermüthigen Burschen vortrefflich im Zaume zu halten. Gerade daß sie selbst der tollen und wilden Streiche eine solche Menge gemacht hatte, schärfte ihren Blick für die Streiche ihrer Zöglinge, die oft ganz verblüfft waren, wie schnell Esther ihre Pläne und Absichten durchschaute. Für sie selbst aber erschloß sich eine reiche Quelle der Freude durch diese Thätigkeit, und lehrend lernte sie selbst alles das wieder, was im Laufe der Jahre ihrem Gedächtnisse entschlüpft war.

Und mit welch' freudigem Stolze empfing sie dann die Einnahmen, die ihr aus ihrer Lehrerthätigkeit erwuchsen! Mit leuchtenden Blicken zeigte sie eines Tages Frau von Ihlefeld ihren kleinen Schatz, den sie in Jahresfrist für Bertel gesammelt hatte.

»Du gutes Kind, welche Opfer bringst du!« seufzte die Wittwe traurig. »Wenn ich selbst doch nur nicht so gänzlich aller Mittel beraubt wäre! Immer habe ich noch gehofft, eine alte Schuld, die mein armer Mann ausstehen hatte, würde noch einmal einlaufen; aber auch diese Hoffnung ist sicher vergebens.«

»Eine Schuld, liebe Tante?« fragte Esther erstaunt. »Warum fordern Sie dieselbe denn nicht ein? Wer ist denn der Schuldner?«

»Das ist ja eben das Unglück,« entgegnete Frau von Ihlefeld klagend. »Der Schuldner ist todt, und durch ein unbegreifliches Versehen ist der Schein verschwunden, der die Schuld bestätigt. Ein Vetter meines Mannes, der uns vor einigen Jahren besuchte, bedurfte zu einem Unternehmen eines Kapitals, das mein Mann ihm vorschoß. Ich selbst war dabei, als sie es in meinem Zimmer besprachen und ich sah, wie der Vetter die Schuldverschreibung aufsetzte. Wo dies Papier dann aber hingekommen ist, weiß ich nicht; mein Mann suchte oft danach, besonders nachdem die Nachricht vom plötzlichen Tode des Vetters eintraf. O mein Gott, jenes Kapital von 15 Tausend Thalern hätte meinen unglücklichen Mann vielleicht gerettet! Aber da der Schuldschein verschwunden war, hat er nicht gewagt, von dem Erben des Vetters jene Summe zu fordern. Und so ist alles Wünschen vergebens, das Geld ist und bleibt verloren.«

»Wer ist denn der Erbe dieses Vetters, Tante?« fragte Esther. »Ein Kaufmann in Südfrankreich, in Nîmes glaube ich,« entgegnete Frau von Ihlefeld. »Er heißt Richard und ist ein Neffe unseres Vetters Etienne de Villemaud.«

»Und Sie glauben, er wisse nichts von der Schuld?« forschte Esther.