»O sehr, sehr, lieber, guter Herr Pastor,« rief Esther, welche jetzt wie aus einem Traum erwachte. Hastig ergriff sie die dargebotene Hand Pastor Krauses. »Verzeihen Sie mir nur, daß ich nicht augenblicklich mit Entzücken aufjuble,« sagte sie und eine Thräne glänzte in ihrem Auge. »Aber eine Trennung von meinen Lieben ist mir ein gar zu beängstigender Gedanke. Ich war ja noch nie auch nur einen Tag vom Hause fort, und nun.... Aber haben Sie Geduld mit mir, Herr Pastor! Ich werde schon alles in mir verarbeiten und Ihnen dann Ehre machen, das verspreche ich Ihnen. Jetzt aber muß ich zuerst mit Tante Booland sprechen, früher kann und darf ich nichts bestimmen.«

Aber Frau Booland nahm die Nachricht freudiger auf, als Esther gefürchtet hatte. Muthig bekämpfte das brave Weib allen Jammer ihres Herzens, den eine lange Trennung ihr verursachen mußte, nur um Esther den Abschied leicht zu machen. Die Pastorin Krause hatte schon seit einiger Zeit geheime Besprechungen mit Frau Booland gehabt und ihr alle diese Pläne mitgetheilt, welche ihr Gatte Esther darlegte. So überraschten sie Esthers Mittheilungen denn nicht mehr, sondern fanden schon ein vielfach bearbeitetes Terrain vor sich.

»Ich bin froh, daß du einmal ein Stückchen von Gottes schöner Welt sehen sollst, meine kleine Esther,« sagte Frau Booland heiter. »Hier in unserem Dorfe versauerst du ja ganz und gar, und Arbeit hast du hier wie anderswo. Die Schwester unserer lieben Pastorin freut sich schon auf dich, da wirst du eine schöne, vergnügte Zeit verleben, und was die Sache mit England betrifft, nun, gute Menschen sollen es ja auch sein, zu denen du kommst, sagt der Herr Pastor. Du lernst dort ein Bischen von der großen Welt kennen, das ist auch gut, und für alles andere lassen wir den lieben Gott sorgen. Deine alte Tante Booland wird dir dein Häuschen indessen gut versorgen, daß du jeden Augenblick wieder in dein warmes Nest zurückkommen kannst. Mit bösen Gedanken über die Trennung wollen wir uns das Herz nicht unnütz schwer machen, mein Goldkind; denn wir haben ja alle Beide starke Herzen und sind nicht aus Wachs oder aus Marzipan gemacht.«

Aber Esther hatte noch eine andere Trennung zu überwinden, mit welcher ihr junges Herz noch viel schwerer kämpfte. Ihren Bertel sollte sie verlassen! Und doch war er es ja gerade, der sie hinaustrieb in die Welt; denn für wen sonst hätte sie diese Opfer gebracht, für wen sonst das friedliche Stillleben ihrer Heimath aufgeben mögen? Nur damit ihr junger Freund sorglos und unbekümmert seinen Studien obliegen, noch Jahr für Jahr ungetheilt der Wissenschaft leben konnte, ohne für sein tägliches Brod sorgen zu müssen, unterwarf sie sich all' diesen Dingen freudig und unverdrossen. Deshalb, wie sehr ihr auch das Herz blutete, schrieb sie dennoch einen jubelnden Brief an Bertel, der ihm alle diese Pläne mittheilte. Er durfte ja nicht ahnen, wie schwer ihr das Opfer wurde. Ein letzter Besuch Bertels vor Esthers Abreise war das Einzige, was sie sich von ihm erbat, und in vollen Zügen genossen Beide noch einmal das Glück ihres Beisammenseins.


So sagte denn Esther eines Morgens der lieben, traulichen Heimath Lebewohl, von ihren Freunden im kleinen Waldhause wie von Pastor Krauses bis zur nächsten Stadt begleitet, von wo die Eisenbahn sie gen Süden weiter führte. Sie war einer befreundeten Dame anvertraut worden, die nach der Schweiz reiste, und bald vertrieben die stets neuen Eindrücke, welche Esther auf dieser ersten Reise fast überstürzten, die Schmerzen des Abschiedes.

Die großen Städte, in denen sie übernachteten, erregten ihr Staunen und ihre Neugierde; als sich aber endlich die hohe Kette der Alpen vor ihren Blicken ausbreitete mit ihren majestätischen Häuptern, auf denen Eis und Schnee lagerte, während saftig grüne Matten und Wälder die Vorberge deckten, und unzählige Ortschaften wie Spielzeug auf der Ebene verstreut lagen, da jubelte Esther auf vor Wonne und Entzücken, und ihr junges Herz gab sich rückhaltlos den Eindrücken hin, die sie bestürmten. Und nun gar der herrliche Genfersee, der schimmernd blau zu ihren Füßen ruhte, rings umkränzt von köstlichen Bergen, grünen Fluren und lachenden Dörfern, hoch oben alles überragend, aber die Jungfrau mit ihren ewigen Eisfeldern und der leichten Wolke, welche fast immer ihren höchsten Gipfel krönt. Es war so namenlos herrlich, daß Esther fromm ihre Hände in einander legte und thränenden Auges Gott dankte, der sie in diese Wunderwelt geleitet. Denn hier am Fuße dieser herrlichen Jungfrau, am Rande dieses köstlichen Sees sollte sie ja leben und Tag für Tag diese Wunder vor Augen haben! Welch eine Aussicht war dies, und wie schlug ihr das Herz bei diesem Gedanken voll Freude und Wonne.

Genf selbst freilich, die alte Stadt mit ihren vielen engen Straßen gefiel Esther weniger; aber das Haus Madame Gautier's lag vor dem Thore mitten in einem hübschen Garten, da hatte man die schönste Aussicht gleich vom Fenster aus vor sich. Man empfing Esther mit großer Freundlichkeit, und besonders Madame Gautier war so herzlich und gut, als sei die neue Hausgenossin die Tochter ihrer Schwester. Eine Menge fröhlicher junger Mädchen umgab sie früh und spät, und diese schienen sich förmlich den Rang streitig zu machen, ihr Angenehmes zu erzeigen.

So fühlte sich Esther denn wie in eine neue herrliche Welt versetzt und ihre Briefe, die sie nach Hause schickte, athmeten nichts als Glück und Behagen.