Esther war bereits einige Monate im Hause Madame Gautier's und ihr eifriges Bestreben war, die französische Sprache möglichst schnell und gründlich zu erlernen. Sie machte auch bald die besten Fortschritte, hatte ja doch Frau von Ihlefeld schon vortrefflich vorgearbeitet, als sie Esther Unterricht ertheilte, dem das junge Mädchen freilich wegen ihrer anderweitigen Beschäftigungen wenig Zeit hatte widmen können. Frau von Ihlefeld hatte Esther einige französische Bücher zur Lectüre mitgegeben, welche sie aus ihrem einstigen Besitzthum mit sich genommen, und Esther war erfreut, so gute Fortschritte zu machen, daß sie diese Bücher bald selbständig lesen konnte. Eines Tages wagte sie sich sogar an Gedichte und griff nach einem Buche, das längst schon ihr lebhaftes Interesse erweckt hatte. Es war sehr elegant eingebunden und von ziemlich großem Format, auf dem inneren Deckel aber standen die Worte: »A son cousin Oscar de Ihlefeld Etienne de Villemaud. Auteur.«

Esther kam beim Anblick dieses Namens das Gespräch wieder in den Sinn, das sie mit Frau von Ihlefeld gehabt hatte, und die Erinnerung an jenen unglücklichen verschwundenen Schuldschein. Jener Etienne war also Dichter und hatte dies sein Werk dem Vetter als Geschenk hinterlassen. Zerstreut ließ Esther die Blätter des Buches durch ihre Finger gleiten und überblickte die Ueberschriften der Gedichte. Dabei schob sich ein zusammengefaltetes Papier aus dem Buche, und Esther schlug es gleichgültig auseinander, irgend ein abgeschriebenes Gedicht vermuthend. Aber wer beschreibt ihre Ueberraschung — das zusammengefaltete Papier war der verloren geglaubte Schuldschein!

Esther zitterten die Kniee von dem freudigen Schreck, und lange wollte sie ihren Augen nicht trauen. Aber da stand ja alles, wie Frau von Ihlefeld es ihr mitgetheilt: Oscar von Ihlefeld, Besitzer vom Rittergut Rahmstedt, hatte am 6. Mai 18.... an Etienne de Villemaud eine Summe von fünfzehntausend Thalern übergeben; die Zinsen sollten zum Kapital geschlagen werden. Unterzeichnet war der Schein von den beiden Vettern und alles in voller Ordnung und Richtigkeit.

Wahrscheinlich lag das Buch als Geschenk Etienne's auf dem Tische, und Herr von Ihlefeld hatte in Gedanken den Schein da hinein gelegt, als er ihn in sein Zimmer trug; denn Frau von Ihlefeld sagte ja, die Sache sei in ihrer Gegenwart und ihrem Zimmer verhandelt worden.

O welch ein Fund war das! Und wie gut, daß der Schuldschein bis jetzt verborgen gewesen, sonst wäre das Geld sicher auch noch verloren gegangen wie alles andere. Nun hatte ja alle Noth und Sorge ein Ende! Nun konnte Bertel studiren und reisen nach Herzenslust, wie er so sehnlich wünschte, und die arme Frau von Ihlefeld sah nun wieder bessere Tage. Esther schwindelte der Kopf von der Fülle der Gedanken, und lange saß sie sinnend und Pläne schmiedend an ihrem Fenster. Zum erstenmale schaute ihr Auge theilnahmlos auf die wunderschöne Welt, die sich vor ihr ausbreitete, und ihr Herz jubelte nicht auf über die Pracht und Herrlichkeit, in welcher die Abendsonne das stolze Haupt der Jungfrau umkleidete, deren Gipfel in Gluth getaucht in den glänzenden Abendhimmel hinein ragte, während der See zu Füßen des Berges wie ein rosiger Spiegel blitzte und schimmerte.

»Und du, was willst du denn nun noch länger im fremden Lande, fern von deinen Lieben?« dachte Esther mit leuchtenden Blicken. »Nun ist es ja nicht mehr nöthig, Geld zu verdienen; denn nun hat Bertel ja mehr, als du in deinem ganzen Leben für ihn zusammenscharren könntest. Ade Freunde, ade Schweiz und England, nun geht's wieder heim in mein kleines Waldhaus, dem schönsten Orte der Welt trotz Alpen und Gletscher und Seen.«

Eben wollte sich Esther an den Schreibtisch setzen, um einen jubelnden Brief nach Hause zu senden mit der herrlichen Botschaft, da trat Frau von Gautier in ihr Zimmer.

»Meine liebe Esther,« sagte sie dann freundlich, »obwohl Sie mir ein gar lieber Gast sind, und ich Sie ungern wieder fort lassen möchte, so gebietet mir doch die Rücksicht auf Ihre Verhältnisse, von denen meine Schwester mir einiges mitgetheilt hat, Ihnen ein Anerbieten zu machen, welches soeben an mich gerichtet ist. Die Vorsteherin eines Pensionates in Süd-Frankreich, in le Vigan bei Nîmes, wünscht eine junge Dame für ihr Institut zu engagiren und bietet ihr sehr annehmbare Bedingungen. Wollen Sie diese Stelle annehmen, so erreichen Sie Ihren Zweck, französisch zu lernen, dort ebensogut, verdienen in dieser Zeit noch nebenbei etwas und lernen ein neues Land und andere Verhältnisse kennen, was immer ein Vortheil ist für jedermann. Aber besinnen freilich dürfen Sie sich nicht lange; denn schon übermorgen will Mademoiselle Bertin wieder abreisen und Sie dann natürlich gleich mitnehmen, denn für ein junges Mädchen ist eine so weite Reise allein nicht sehr rathsam.«

Esther hatte bei den ersten Worten Madame Gautier's gleich sagen wollen, daß es mit ihren Plänen jetzt überhaupt ein Ende habe und sie so bald als möglich wieder nach Hause reisen werde. Aber als sie hörte, wohin sie mit jener Dame gehen sollte, da schwieg sie plötzlich betroffen. Das war ja wie eine Sendung vom Himmel gerade im entscheidenden Momente! Süd-Frankreich, Nîmes, dahin sollte sie? Und war es nicht gerade dort, wo jener Herr Richard wohnte, der Erbe jenes Etienne und jener Schuld? Wie, wenn sie diesem Winke folgte und in dem Orte selbst diesen Mann aufsuchte? Eine Reihe von Jahren war seit jener Zeit verstrichen, wenn nun der Mann nicht mehr dort lebte? Eine schriftliche Erfahrung konnte große Schwierigkeiten bereiten, während man an Ort und Stelle sicher leicht zum Ziele gelangte. Und wie, wenn auch dieser Mann vielleicht todt war und man wieder neue Personen vor sich hatte? Wie viel Zeit und Mühe war vielleicht nöthig, um an's Ziel zu kommen, wo persönliches Eingreifen rasch alles in Ordnung bringen konnte! Und besser, sie sagte erst gar nichts von der Auffindung des Scheines, sondern trat ihren Freunden gleich mit dem glücklichen Resultate entgegen. Warum ihnen erst vorher so unruhige Stunden bereiten, ehe sie ihr Ziel erreichen konnte? Nein, rasch ohne Besinnen und Zögern wollte sie mit dieser Französin reisen, rasch dort in Frankreich diesen Herrn Richard oder seine Erben aufsuchen und erst dann mit der vollen, glücklichen Lösung hervortreten. Zeit zum Fragen, ob sie reisen sollte, hatte sie ja auch gar nicht, d'rum lieber ganz schweigen, bis alles glücklich erreicht war. Dann war die Freude voll und ungetheilt, und wie im Triumphe wollte sie dann wieder nach der Heimath ziehen, beladen mit Schätzen für ihren geliebten Bertel.