Ein so unerfahrenes junges Mädchen, als Esther war, konnte wohl solchen Plan schmieden und auf dessen glückliche Ausführung rechnen. Welches nun aber die Erfolge ihrer Bemühungen waren, das wollen wir weiter sehen.

Ueber den Quai de Bergue eilten in Genf zwei Tage darauf eine ältliche und eine junge Dame der Messagerie zu, von wo aus die Posten nach Frankreich abfahren. Es war Mademoiselle Bertin und unsere Esther. Schon von Weitem sahen sie das hochgebaute und hochbepackte gelbe Gebäude, Postwagen genannt, das sie über die Grenze führen sollte. Die Französin traf bei der Post einen alten Herrn, Monsieur Martin, welcher mit ihnen reiste. Eben wollte dieser im Innern des Wagens Platz nehmen, als Mademoiselle plötzlich mit Schrecken bemerkte, daß ihre Postbillets aus Versehen Plätze auf der »Banquette« bezeichneten. Mit aller Lebendigkeit einer Südländerin fuhr sie auf den sie begleitenden Diener los, ihn zur Rechenschaft zu ziehen, dieser sagte aber ganz phlegmatisch: »Mademoiselle wollte doch absolument heute reisen, andere Plätze aber gab's nicht mehr.« La banquette war allerdings für eine ältliche Dame ein etwas bedenklicher Sitz, denn er befand sich in höchster Höhe der ohnehin schon himmelhohen Kutsche. Ihrer Verzweiflung machte jedoch ihr alter Freund bald ein Ende; denn sehr froh, seinen heißen Innenplatz mit dem luftigen auf der Banquette zu vertauschen, kroch er vergnügt wieder aus dem Wagen heraus und überließ der Dame sein Billet. Nun brachte der Knecht eine hohe Leiter herbei, und leicht wie ein Eichkätzchen kletterte Esther die Sprossen empor, ihrer ehemaligen Turnkünste sich erinnernd. Langsamer folgte ihr alter Nachbar, und während Esther auf der schmalen Banquette sich's möglichst behaglich zu machen suchte, bestieg der alte Herr einen bequemeren Sitz zur Seite, eine Art Lehnstuhl. Vergnügt hüllte er sich in einen weichen Schafpelz, der auf dem Sitze lag, und der ihm bei der rauhen Herbstluft sehr willkommen war; er freute sich seines köstlichen Platzes. Eben wollten die sechs starkknochigen Pferde ihr beschwerliches Tagewerk beginnen, da klimmte noch ein Passagier zur Banquette empor. »Oh, à la bonheur,« rief er, sich zu dem alten Herrn wendend, »Monsieur wollen den Hemmschuh führen?« »Was Hemmschuh?« rief dieser verwundert. »Nun ja, das ist der Platz für denjenigen, der dies Geschäft übernimmt,« sagte der Conducteur lachend und zeigte auf die Schraube, welche der Alte ganz gemüthlich als Stütze für seine Arme benutzt hatte. Mit sehr saurer Miene wickelte sich dieser nun aus seinem warmen Schafpelze heraus und kletterte auf die Banquette zu Esther, die ihm herzlich lachend neben sich Platz machte. Dies kleine Ereigniß hatte die ganze Gesellschaft der Außenkutsche einander näher gebracht; denn auch der Postillion auf seinem Sitz zu Füßen Esthers nahm an der allgemeinen Heiterkeit Theil, und unter Lachen und Scherzen fuhr man über Genf's holpriges Straßenpflaster und überschritt endlich die französische Grenze. Esther war kindlich vergnügt, von ihrem hohen Sitz aus die herrliche Gegend gemächlich überschauen zu können, und ihr alter Nachbar stimmte herzlich in diese Freude mit ein, denn auch er war ein großer Naturfreund. Bald erzählte er Esther, er sei eigentlich ein geborener Deutscher, lebe aber nun schon seit vielen Jahren in Nîmes.

»In Nîmes?« rief Esther hoch erfreut aus. »O kennen Sie da vielleicht einen Herrn Richard?«

»Richard?« sagte Herr Martin nachdenklich. »Welchen Richard, mein Fräulein? Es giebt deren eine ganze Menge in Nîmes.«

»Ich meine den Neffen eines Herrn Etienne de Villemaud, der vor einigen Jahren gestorben ist,« entgegnete Esther.

»Hm, da kann ich wirklich nicht dienen,« sagte der Alte kopfschüttelnd. »Haben Sie eine Empfehlung an ihn, so bin ich gern bereit, Ihnen behülflich zu sein, den richtigen Richard aufsuchen zu helfen.«

»O Sie sind sehr gütig,« rief Esther erfreut, »das wäre mir in der That sehr lieb, denn ich habe allerdings ein Anliegen an ihn.«

»Ich werde Ihnen die nähere Adresse des Herrn schreiben, mein Fräulein, wenn Sie es mir erlauben,« sagte Herr Martin verbindlich. Esther sprach nochmals ihre Dankbarkeit aus und fühlte ihr Herz sehr erleichtert, daß sie gleich im ersten Augenblick eine Hand gefunden hatte, die ihr den Weg zu bahnen versprach. Voll froher Hoffnungen schaute sie dem Gelingen ihres Unternehmens entgegen und genoß nun mit doppeltem Vergnügen die so mannigfachen Freuden, welche diese interessante Reise ihr darbot.

Ueberall, wo während der Postfahrt der Wagen hielt, umdrängte eine Schaar bettelnder elender Kinder die Reisenden, ihre zerfetzten Hüte hinhaltend mit dem Rufe: »Charité, s'il vous plaît, charité!« Esther mußte bei diesem Elend immer an die sauberen Schweizer Dörfer zurückdenken, die sie jetzt gesehen, und an ihr eignes freundliches Dorf Rahmstedt, in dem solche Armuth etwas Unbekanntes war.

Der schwerfällige Postwagen brachte seine Passagiere bis zu der Eisenbahnstation Seyßel, und von da aus flog Esther auf Dampfesflügeln ihrem Ziele zu, zur Rechten die Berge des Jura, links Savoyen mit seinen wilden, romantischen Landschaften und verfallenen Dörfern.