Das Recht der Uebersetzung ist vorbehalten.
[Inhalt.]
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|---|---|---|
| 1. | [Esther Wieburg] | 1 |
| 2. | [Verwaist] | 129 |
| 3. | [Neue Wege] | 199 |
[Esther Wieburg.]
»Wie gesagt, Herr Pastor, darin kann ich Ihnen nicht Recht geben, das ist keine Erziehung für ein Mädchen! Einen Jungen mögen Sie alle diese Dinge lernen lassen, meinetwegen; aber ein Mädchen kann in ihrem ganzen Leben nichts damit anfangen. Das ist meine Meinung, und dabei bleibe ich, sowahr ich Friederike Booland heiße!«
Frau Friederike Booland, die Sprecherin dieser energischen Worte, bekräftigte den Schluß ihrer Rede damit, daß sie ihre große, knochige Hand laut schallend auf den Schreibtisch niederfallen ließ, neben welchem sie stand. An diesem Schreibtische aber saß derjenige, dem ihre Rede galt, Pastor Wieburg, der Geistliche im Dorfe Rahmstedt. Seit Jahren schon lebte Frau Booland hier im Hause, nachdem ihr eigener Gatte, der Schulmeister des Dorfes, gestorben, und von jenem Tage an führte sie die Zügel des Haushaltes mit ebensoviel Energie als Gewissenhaftigkeit. Pastor Wieburg hätte keine bessere Haushälterin finden können und so überließ er ihr getrost alle Regierungssorgen. Nur ein Departement hatte er sich vorbehalten, und das war die Erziehung seines einzigen Kindes, eines kleinen, dunkeläugigen Mädchens. So großen Respect Frau Booland nun auch vor allen Meinungen und Ansichten ihres Brodherrn hatte, in diesem Punkte war sie seine stete Gegnerin, und sie scheute sich nicht, dies immer wieder gegen ihn auszusprechen, so wenig Erfolg ihre Worte auch haben mochten. Pastor Wieburg hörte ihre Reden geduldig an, ohne den Fluß derselben durch Widerspruch zu hemmen, so lange seine Pfeife brannte. War diese jedoch zu Ende, so stand er ruhig von seinem Stuhle auf, ging nach dem Ofen, die Asche aus der Pfeife zu klopfen, und dann sagte er gleichmüthig: »Schon recht, Frau Booland; aber jetzt möchte ich Ruhe haben, meine Predigt fertig zu arbeiten. Sie sind wohl so gut, und kommen ein andermal wieder.«
Frau Booland blieb alsdann freilich nichts übrig, als sich mit einem Knix zu empfehlen. Aber ihr sonst gutmüthiges Gesicht war dann durchaus nicht sonnenhell, und leise vor sich hin brummend ging sie die Treppe hinunter, um sie nach einiger Zeit von Neuem zu ersteigen und abermals ihre Vorwürfe anzubringen.
»Er ist und bleibt unverbesserlich!« rief sie auch heute voll Aerger, als sie die Thür der Studirstube etwas kräftiger als gewöhnlich geschlossen hatte und zu ihrem Haushalte zurückkehrte. »Es ist, als ob ich zur Wand redete, so wenig Eindruck machen meine Worte auf ihn! Wenn er nur wenigstens mit mir stritte oder mir seine Meinung sagte. Aber nein, steif und ruhig sitzt er in seinem Stuhle und läßt mich reden und reden, und am Ende muß ich wieder abziehen und alles bleibt beim Alten. O diese Männer!«