Als Frau Booland in ihrem gerechten Grimme das Wohnzimmer im Untergeschoß des Pfarrhauses betrat, flogen ihre Blicke nach einer Ecke in der Nähe des Fensters, wo ein niedriger Arbeitstisch stand, an dem ein kleines Mädchen schrieb. Es war Esther, ihre junge Pflegebefohlene, für deren Wohl und Wehe die brave Frau soeben vergeblich gekämpft hatte.
»Schreiben und schreiben, und nichts als lesen und schreiben den ganzen Tag!« rief Frau Booland verdrießlich. »Bist du denn noch nicht bald fertig für heute, Estherchen? Du sollst noch ein Bischen in die Luft, Kind, ich denke, du hast genug gelernt. Hast den ganzen Nachmittag schon studirt, der Kopf muß dir ja brummen von all' der grausamen Gelehrsamkeit, du armer kleiner Fisch.«
»Ich bin bald fertig, Tante, nur noch dies eine Verbum muß ich zu Ende schreiben,« entgegnete das kleine Mädchen aufsehend. »Vater schilt sonst, denn er sagt ohnehin immer, ich sei nicht fleißig genug!«
»Das Gott erbarm! Noch nicht fleißig genug!« rief die Wittwe, ihre Hände zusammenschlagend. »Es ist ein Elend, daß du kein Junge geworden bist, dann hätte dies Gelerne einen Sinn, aber so? Was in aller Welt willst du damit anfangen?«
»Ich wollte auch lieber, ich wär' ein Junge, das weißt du ja, Tante! Und Vater will gewiß einen aus mir machen, daß er mich so viel lernen läßt,« rief Esther lachend und nickte der erzürnten Frau begütigend zu. »Aber bitte, Tante, ich möchte das Bischen Tageslicht noch gern benutzen, um meine Arbeit fertig zu machen. Ich komme dann auch gleich zu dir in den Garten.« Und ohne sich weiter stören zu lassen, schrieb das Kind eifrig weiter, während die letzten Strahlen der Herbstsonne über ihr dunkles Haar forthuschten und ihre blassen Wangen vom Abendroth leise geröthet wurden.
Frau Booland hatte von ihrem Standpunkte aus allerdings guten Grund, sich über die Art und Weise zu beklagen, in welcher ihre kleine Pflegebefohlene von ihrem Vater erzogen wurde. Pastor Wieburg war ein durch und durch braver, rechtschaffener Mann und für seine Gemeinde ein trefflicher Seelsorger; außerdem aber ein ernster, ja strenger und verschlossener Gelehrter, der den Verkehr mit der Außenwelt mied und nur seinem Amte und seiner Wissenschaft lebte. So lange Esther, das einzige Kind seiner früh verstorbenen Gattin, noch zu klein war, um lernen zu können, hatte er sich sehr wenig um sie bekümmert, und sie völlig der Sorge Frau Booland's überlassen. Das schüchterne, kleine Mädchen war auch viel lieber in der Gesellschaft dieser guten Frau, als in der des ernsthaften, schweigsamen Vaters, der nur immer Ruhe gebot, wenn sie in seiner Nähe spielte und ihre Puppen stets sehr unsanft in die Ecke warf, hatte sich ja einmal eine in die Nähe seiner Bücher verirrt.
Als Esther jedoch älter ward und ihr Vater bemerkte, daß in dem kleinen Körperchen eine starke Seele und viel Verstand wohnte, da wuchs sein Interesse für das Kind. Er hatte sich einen Sohn gewünscht, um auf ihn all' sein Wissen und seine Gelehrsamkeit zu übertragen; nun hatte er statt dessen eine kluge kleine Tochter bekommen, sie sollte ihm den Sohn ersetzen. Wirklich lernte die kleine Esther bald mit so viel Eifer und Erfolg, daß ihr Vater immer mehr Gefallen an ihr fand und sie wie einen Knaben unterrichtete. In der Zeit, wo andere kleine Mädchen mühsam einzelne Worte zusammen buchstabiren, und mit dem Schieferstifte unsichere Kritzeleien auf die Tafel malen, konnte unsere kleine Esther schon recht geläufig lesen und schreiben, und nicht etwa nur in ihrer Muttersprache, sondern auch in den Anfangsgründen des Lateinischen, dem sich später sogar das Griechische zugesellte. Bei diesem eifrigen Lernen und Studiren blieb freilich zum steten Leidwesen der braven Frau Booland wenig Zeit übrig zur Erlernung all' der weiblichen Künste und Kenntnisse, welche diese häusliche Frau in der Erziehung eines Mädchens für unerläßlich hielt. Esther zeigte leider auch wenig Vorliebe für dergleichen Dinge, und die Geheimnisse der fünf Stricknadeln blieben ihr sehr lange Zeit ein Buch mit sieben Siegeln. Tante Booland strickte und nähte ja den ganzen Tag, was sollte Esther sich damit quälen, und die kleinen Dienste in Küche und Kammer, wozu ihre Erzieherin sie anzuleiten sich abmühte, erschienen Esther ebenfalls erstaunlich überflüssig. Was kam denn darauf an, ob ein Kleid drinnen im Schranke hing oder draußen, ob die Schuhe absolut im Kasten stecken mußten, und Kamm und Bürste nicht mit der reinen Wäsche Gemeinschaft halten durften. Wenn Esther nur fand, was sie suchte, so war sie zufrieden; für alles andere mochte Tante Booland sorgen, die immerfort hinter ihr her lief, um wieder aufzuräumen, was ihr kleiner Wildfang in Unordnung gebracht hatte. Wenn dann Frau Booland böse werden und darauf dringen wollte, daß die leichtfertige kleine Dirne selbst Ordnung schaffe, dann hatte Esther immer Nöthigeres zu thun und absolut gar keine Zeit für dergleichen.
»Aber Tante, ich muß doch jetzt lernen, Papa wird sonst zu böse! Bitte bitte, mache du es doch nur, das nächste Mal will ich es gewiß thun!« So hieß es stets, wenn das kleine Fräulein etwas vornehmen sollte, was ihr nicht behagte, und da Frau Booland nicht beurtheilen konnte, in wieweit Esther's Entschuldigung begründet war, sondern nur immer mit stillem Grauen des Kindes Gelehrsamkeit anstaunte, so wagte sie auch nie, energisch gegen Esther's Unarten einzuschreiten. Beim Vater fand die arme Frau für derartige Klagen auch kein Gehör; denn dieser hatte jene wunderlichen Ideen über Freiheit in der Erziehung, wie sie Rousseau einst lehrte, und ihm war es ganz recht, wenn seine Tochter frei und ungebunden und nicht geleckt und geschniegelt aufwuchs. »Sie soll mir ein tüchtiges Frauenzimmer werden ohne weibische Faxen und Narrheiten!« pflegte er auf Frau Booland's Klagen zu antworten. »Solche hausbackne Tugenden lernt sie noch zeitig genug! Jetzt laßt mir das Mädel damit in Ruhe, sie kann ihre Zeit besser anwenden.«
So wuchs die kleine Esther denn heran mit allen Neigungen und Beschäftigungen eines Knaben, und kräftig wie ihr Geist entwickelte sich auch ihr Körper bei dieser Lebensweise. Obwohl sie weder blühende Farben, noch besonders kräftigen Körperbau besaß, so war sie doch ein gesundes, frisches Kind, und ihre feinen Glieder besaßen eine auffallend große Gewandheit und Festigkeit. Sie sprang und turnte, lief und kletterte wie der tollste Junge, und für sie war kein Baum zu hoch und kein Graben zu breit. Freilich in welchem Zustande Kleider und Schuhwerk nach solchen Thaten vor den entsetzten Blicken der Frau Booland erschienen, das kümmerte Esther wenig, ihr thaten nie die Finger weh vom Ausbessern dieser Sachen, denn wie hätte sie dazu Zeit gehabt! Tante Booland schalt und brummte zwar stets bei jedem neuen Riß, aber im Grunde freute sie sich doch, wenn ihr blasser Schützling lieber in Feld und Wald umhersprang, statt immer über den bösen Büchern zu sitzen. Deshalb, wenn Esther ihrer Ansicht nach genug studirt hatte, nahm Frau Booland des Kindes Strohhütchen vom Nagel, drückte ihr ihn auf die schwarzen Flechten und sagte: »Basta für heute, mein kleiner Fisch! Jetzt lauf' hinüber zum Bertel. Aber zum Nachtessen sei wieder hier, du weißt, dein Vater liebt die Pünktlichkeit!«
Dann blitzten Esthers tiefschwarze Augen in heller Freude auf, und wie ein Pfeil sprang sie empor. Gewöhnlich nahm sie noch einige Bücher unter den Arm, wenn ihre Arbeiten noch nicht fertig waren, dann aber jagte sie wie ein Reh durch die Laubgänge ihres Gartens, und weiter hinaus über die Dorfstraße, Wiesen und Felder. Sie hatte nur ein Ziel und das war der Gutshof ihres Dorfes Rahmstedt.