Aus den Fenstern des Gutshofes konnte man den ganzen Weg bis zur Pfarre übersehen. Sobald nun Esthers leichte Gestalt daher geflogen kam, dauerte es nicht lange, da knarrte die Gartenthür, und ein mächtig großer schwarzer Neufundländer sprang laut bellend in langen Sätzen über Hecken und Zäune, der kleinen Esther entgegen, die er fast umrannte. Hinter dem Hunde drein aber kam athemlos ein blonder Knabe daher, der Esther fröhlich anlachte. Dann faßten die beiden Kinder sich an den Händen, und lustig ging's nun zusammen in die weite Welt hinein, bis sie zuletzt den Hafen aufsuchten, nämlich den Blumengarten im Gutshofe. Auf der Freitreppe am Hause saß dann zuweilen eine stattliche junge Frau, welcher Esther freundlich die Hand zum Gruß entgegenstreckte, und dann verließ das kleine Mädchen ihren Spielgefährten, um sich neben die Dame zu setzen, welche gern mit der Kleinen plauderte. Auch ein großer, freundlicher Herr kam dann wohl seitwärts über den Hof geschritten, wo er mit den Dienstleuten gesprochen oder in den Ställen nachgesehen hatte, und begrüßte das Kind. Das war Herr von Ihlefeld, der Gutsherr von Rahmstedt, die schöne, junge Dame aber seine Frau und Hubert, auch Bertel genannt, das einzige Kind der Beiden. Ein behagliches, glückliches Familienleben herrschte in dem Hause, und die kleine Esther war ein täglicher, gern gesehener Gast in demselben. Man rechnete sie so zur Familie, daß stets ein Gedeck mit für sie aufgelegt wurde, und jederzeit ein Bett für sie bereit stand, besonders im Winter, wenn die Kleine Abends nicht in Wind und Wetter den Weg nach Hause machen sollte. Und wie Esther hier, so war auch Bertel täglich der Gast im Pfarrhause. Pastor Wieburg hatte es übernommen, den Knaben zu unterrichten, und so war derselbe neben Esther sein täglicher Schüler. Bertel war zwei Jahr älter als Esther; das kleine Mädchen lernte aber so rasch und war so eifrig und ehrgeizig, daß sie vielen Unterricht mit dem Knaben gemeinsam hatte, und das waren für Esther die herrlichsten Stunden. »Die kleinen Gelehrten,« nannte man die Kinder in der Umgegend, denn nirgends wußten andere Kinder ihres Alters so viel, als diese Beiden.

»Ich werde einmal ein Gelehrter, wie du, Onkel Pastor,« pflegte Bertel zu sagen, und wirklich schien er auch dauernd Freude am Lernen zu haben. Esther aber lernte eigentlich nur darum so eifrig, weil Bertel lernte und sie eben nichts thun und denken mochte, was dieser nicht auch that. Hätte ihr junger Spielgefährte angefangen, Seil zu tanzen oder Schuhe zu nähen, Esther wäre ohne Zögern auch mit auf das Seil gestiegen, oder hätte sich hingesetzt, Schuhe zu flicken, denn Bertel that es ja. Wenn sie früh aufwachte, so flogen ihre Gedanken hinüber nach dem Gutshofe, und ihre Blicke wanderten beim Ankleiden fortwährend nach dem Gartensteg woher Bertel ja nun kommen mußte. Der Tag bestand für sie eigentlich nur aus zwei Hälften: der, wo sie mit Bertel, und der, wo sie ohne ihn war. Die letzte Hälfte suchte sie immer möglichst abzukürzen, denn es war ja die Schattenseite ihres Tages, die Zeit mit Bertel aber das Licht, die Sonne, dem ihre junge Seele zustrebte mit allem Denken und Fühlen. Und wie Esther, so ging es ihrem kleinen Freunde. Auch er kannte keine Freude, keinen Genuß ohne seine junge Gespielin, und am liebsten wäre er oft den ganzen Tag auf dem Pfarrhofe geblieben. Er nannte Esther seinen besten Kameraden, und wie Kameraden verkehrten die beiden Kinder auch mit einander.

Man konnte nicht schöner und liebenswürdiger sein, als es der schlanke Bertel war, das gestand Jeder, der den Knaben sah, und für Esther aber war ihr Kamerad der Inbegriff alles Schönen, Guten und Ausgezeichneten. Das dunkeläugige und tief brünette Mädchen bildete einen ganz eigenthümlichen Contrast zu dem rosigen Knaben, dessen feines, mädchenhaft zartes Gesicht von einer Fülle dichter blonder Locken umgeben wurde. Esther war kaum hübsch zu nennen; denn etwas scharfe, unregelmäßige Züge und die bräunliche Haut hätten sie wenig anziehend gemacht, wenn nicht die großen schwarzen Augen mit strahlendem Feuer aus diesem Gesichtchen geleuchtet und dicke, seidenweiche schwarze Flechten den kleinen Kopf umkränzt hätten. Und verschieden wie im Aeußeren waren die beiden Kinder auch an Charakter und Temperament. Die braune Esther war Feuer und Leben bis in die kleinste Fingerspitze hinein, furchtlos und unternehmend, rasch und leicht erregbar. Ihr warmes Herz bestand harte Kämpfe mit ihrem Eigensinn und ihrem sehr energischen Willen; aber wenn dieser Wille sich beugte, dann war sie sanft und weich und gut. Der blonde Hubert hingegen hatte bei einem äußerst scharfen Verstande ruhigere Besonnenheit und Ueberlegung und einen weichen, fügsamen Sinn, der sich durch fremde Einflüsse sogar allzuleicht bestimmen ließ. Etwas Scheues und Abgeschlossenes im Charakter des Knaben wurde durch die eigenthümliche Erziehung, welche der ernste Pastor Wieburg ihm ertheilte, noch vermehrt, und außer Esther besaß der kleine Gelehrte eigentlich keinen nennenswerthen Umgang. Aber lebendig und kraftvoll wie sein kleiner Kamerad Esther war auch Hubert trotz dieser Gelehrsamkeit und trotz seines schlanken, mädchenhaften Körpers. Doch war er nicht so wild und ungestüm als jene, ja zuweilen erschien er mit dieser Besonnenheit sogar feige und zaghaft. Erreichte seine Geduld aber die Grenze, dann konnte er heftig und leidenschaftlich aufflammen mit Esther um die Wette.

Esther hingegen gab sich der augenblicklichen Regung ganz hin, und besonders, wenn es galt, für Bertel etwas zu thun, da gab es kein Ueberlegen. Die Liebe zu ihrem kleinen Freunde war für sie schon in den ersten Jahren ihres Beisammenseins der Punkt, um den sich alles bewegte, was sie dachte und that, und für ihn schien ihr kein Opfer zu schwer. Das Beste, was sie bekam an Naschwerk, oder Obst oder sonstigen Dingen legte sie stets für ihn zurück; alles was ihm lästig oder unangenehm war, nahm sie in ihre Hand, und wo sie dem älteren Knaben mit ihren schwachen Kräften Hülfe leisten konnte, that sie es ohne Zagen. Bekam er Schelte, so klagte sie sich oft auch als Missethäterin an, um ihn nicht allein leiden zu lassen, und sie konnte ganz außer sich gerathen, wenn er Schmerzen litt und sie ihm nicht helfen konnte. In den Unterrichtsstunden, die sie gemeinsam hatten, freute sie sich vielmehr über ein Lob, das Bertel gespendet wurde, als über ihr eigenes, und wenn Bertel, wie es in den Naturwissenschaftsstunden oft geschah, für die der Knabe am wenigsten Interesse zeigte, eine Arbeit schlecht gemacht hatte oder Fragen verfehlte, da setzte Esther oft absichtlich in ihre nächste Arbeit auch Fehler, oder stellte sich unwissend, nur um nicht besser zu sein als Bertel.

Eines Tages war Hubert krank geworden und konnte nicht zum Pfarrhause kommen. Esther wollte natürlich gleich zu ihm eilen, Tante Booland aber ließ sie nicht fort, denn der Arzt hatte ihr gesagt, Bertel werde das Scharlachfieber bekommen, sie möge Esther's Zusammensein mit dem Kranken verhüten, damit sie nicht angesteckt würde. Esther war außer sich, daß man sie nicht zu Bertel lassen wollte. Drei Tage hielt sie es aus, ging aber jammernd und klagend umher; als sie nun aber hörte, Bertel läge im Fieber, sie dürfe unter Wochen nicht zu ihm, sonst bekomme sie auch diese Krankheit, da sah sie Frau Booland stumm und thränenlos an. Dann ging sie hinaus in den Garten, in der Dämmerung aber rannte sie in einem unbewachten Augenblicke mit Blitzeseile nach dem Gutshofe. Hier schlich sie leise die Treppe hinauf, ohne gesehen zu werden und versteckte sich hinter einem Schranke, der neben der Thür von Bertels Krankenstube stand. Dort wartete sie lange geduldig, bis sie sah, daß die Wärterin und dann auch Frau von Ihlefeld das Zimmer verlassen hatten; da huschte sie zur Thür hinein. Wirklich war in diesem Augenblicke niemand als der Kranke in der Stube, und mit einem leisen Jubelrufe stürzte Esther zu Bertel hin, der ihr voll Entzücken die Arme entgegenstreckte. »Nun bleibe ich bei dir, Bertel!« sagte Esther, ihm das heiße Gesicht streichelnd, »ich halte es nicht aus ohne dich, und wenn du krank bist, will ich es auch werden!«

Frau von Ihlefeld sah bei ihrem Eintritt voll Schrecken, wer an Bertels Bett saß. »Kind,« sagte sie, Esther zurückziehend, »wer hat dir erlaubt, herzukommen, und wer hat dich hier hereingelassen? Willst du auch das Scharlachfieber bekommen?«

»Ja, wenn Bertel krank ist mag ich nicht gesund sein,« rief Esther und schmiegte sich an den Kranken. In demselben Augenblicke kam Frau Booland herein, ganz außer sich vor Angst und Schrecken. Sie schalt Esther wegen ihres Ungehorsams und wollte sie sogleich wieder mit sich fort nehmen. Esther aber weinte und sträubte sich und wollte bei Bertel bleiben, den sie umschlungen hielt. Da trat der Arzt herein und Esther flog auf ihn zu und bat, er möge erlauben, daß sie hier bleibe.

Frau Booland aber rief angstvoll: »Nein, ich leide es nicht! Wenn du noch länger bei dem Kranken bleibst, wirst du unfehlbar angesteckt, und mich trifft dann die Verantwortung für deine Thorheiten. Gleich komm mit mir, ehe es zu spät ist!«

»Es ist schon zu spät, Frau Booland,« sagte der Arzt leise. »Esther hielt den Kranken umschlungen, als ich eintrat, da ist der Krankheitsstoff bereits in sie übergegangen, wenn sie überhaupt dafür empfänglich ist. Ein längeres Bleiben schadet jetzt nicht, lassen wir die Kinder ruhig beisammen; Bertel kann es nur zuträglich sein, Esther um sich zu haben.«