Frau Booland war leichenblaß geworden, denn sie sah schon ihren Liebling von der Krankheit ergriffen in Fieberphantasien liegen; aber zu ändern war hier nichts mehr. Esther erhielt die Erlaubniß, auf dem Gutshofe zu bleiben und war glückselig. Sie wich nicht von Bertels Lager, und sobald der Kranke nur wieder Unterhaltung haben durfte, war sie unermüdlich, ihm vorzulesen, mit ihm zu spielen, oder ihm sonst wie die Zeit zu vertreiben. Freilich dauerte es nicht lange, da mußte auch sie sich legen, von der Krankheit ergriffen, und nun stellte man die Betten der Kinder neben einander. Frau Booland kam, ihren kleinen Liebling zu pflegen, und nach kurzer Zeit war es dann der genesene Hubert, der Esther unterhielt, wie sie es erst an seinem Bette gethan. Aber so sehr Esther auch zu leiden hatte, denn sie wurde bedeutend kränker als Bertel, keine Klage kam über ihre Lippen. Sie hatte es ja so gewollt und war bei Bertel, da war alles gut!
Und wie sie hier keine Furcht kannte, so zeigte sie kurze Zeit darauf abermals ihre muthige, selbstvergessende Liebe zu Hubert. Pastor Wieburg kam eines Tages sehr erregt in das Zimmer und sagte: »Frau Booland, lassen Sie Esther nicht auf die Straße; ich höre soeben von unserem Knechte, daß sich ein fremder, toller Hund auf dem Felde vor dem Gutshofe herumtreiben soll. Die Bauern sammeln sich eben im Dorfe, Jagd auf ihn zu machen.« Esther blickte bei diesen Worten nach der Uhr. Die Zeit war ganz nahe, in der Bertel zu den Stunden kommen mußte. Wenn er nun von dem tollen Hunde nichts wußte und ihm vielleicht gerade in den Weg lief! Auf dem Felde beim Gutshofe trieb sich das Thier herum, er mußte es ja treffen! Kaum hatte Pastor Wieburg und Frau Booland den Rücken gewendet, als Esther in den Garten flog und durch den Garten hindurch auf die Landstraße, den Weg nach dem Gutshofe einschlagend. In athemloser Hast stürzte sie vorwärts, damit sie noch auf dem Gutshofe ankam, ehe Bertel ihn verließ. Und wenn nun gar vielleicht Hector mit ihm kam, wie gewöhnlich, dann war die Gefahr eine doppelte; denn dieser würde unfehlbar den fremden Hund angreifen, wenn er in der Nähe war.
Schon war Esther über ein Stück jenes Feldes gelaufen, auf dem der Hund sich heruntertreiben sollte. Sie sah nichts Verdächtiges und rannte dem Hofthore zu, das vor ihr lag und aus dem jeden Augenblick Bertel treten konnte. Da plötzlich hörte sie es hinter sich schnaufen und röcheln, und als sie sich umblickte, rannte der tolle Hund hinter ihr drein. Zur Seite springen, einen dicken Pfahl ergreifen, der am Wege lag, und mit diesem dem Hunde einen wuchtigen Hieb über den Kopf versetzen, war das Werk eines Augenblickes. Der Hund taumelte, bellte dumpf und schlich dann in der Richtung fort, in der er gekommen, Esther aber stürzte in Todesangst ohne umzuschauen nach dem Hofthore, das sie aufriß und blitzschnell hinter sich wieder zuwarf. Die Leute des Gutes, die hier auf dem Hofe versammelt waren, um sich zur Jagd auf den Hund zu rüsten, sahen voll Schrecken auf Esther, deren einzige Worte beim Hereinfliegen waren: »Ist Bertel noch zu Haus?« Erst als er ihr selbst entgegentrat gab sie sich zufrieden und sank erschöpft auf eine Bank im Hofe, sich den Angstschweis von der Stirn trocknend. Nun umringte man sie und ließ sich von ihr erzählen, daß der tolle Hund ihr ganz in der Nähe des Hauses begegnet sei, und während die Knechte hinauseilten, Jagd auf das unglückliche Geschöpf zu machen, zog Bertel sie in das Haus hinein, sie mit Vorwürfen überschüttend, daß sie sich um seinetwillen solcher Gefahr ausgesetzt habe.
Esther blickte den Knaben lachend an und sagte: »Daran, daß mich der Hund beißen konnte, habe ich gar nicht gedacht, als ich vom Hause fortgerannt bin. Aber jetzt wird sich Tante Booland schön um mich ängstigen, nun will ich nur schnell wieder nach Haus laufen.« »Nicht eher, als bis der Hund unschädlich gemacht ist!« rief Bertel sie zurückhaltend. Da aber hörte man einen Schuß in der Nähe, und gleich darauf kamen die Leute zurück und erzählten, daß man den Hund getödet habe, der wie betrunken umher getaumelt sei. »Daran ist der Schlag Schuld, den ich ihm mit dem Pfahle gegeben habe,« lachte Esther, und dann lief sie eiligen Schrittes wieder zu Frau Booland zurück, die in Todesangst nach ihr ausschaute. —
So wuchsen die beiden Kinder mit einander auf Jahr um Jahr, und von Liebe umgeben und glücklich durch stetes Beisammensein, vergingen ihnen die sorglos frohen Jugendjahre wie ein heller Sommertag. Während der blonde Bertel zu einem schönen schlanken Burschen emporwuchs, war Esther noch immer das braune Mädchen mit den feurigen Augen und dunklem Haar; aber ihre Gesichtszüge wurden weicher und anmuthiger, und mit ihrem schlanken, graziösen Körperchen war sie ein allerliebstes Mädel geworden. Aber ein Wildfang blieb sie trotz ihrer 13 Jahre, und Frau Booland hatte oft ihre Noth mit ihr; böse freilich konnte niemand ihr sein. Aber auch geistig entwickelten sich beide Kinder sehr zur Zufriedenheit der Ihren, und den »kleinen Professor« besonders, wie man Bertel nannte, war Pastor Wieburg mit unermüdlichem Eifer bestrebt, immer mehr zu fördern, so lange er seiner Leitung anvertraut blieb, denn er war ein selten begabter Knabe. Aber endlich mußte man sich doch zu einer Aenderung entschließen, um so mehr, da Pastor Wieburg anfing zu kränkeln und den Unterricht oft unterbrechen mußte. Das Gymnasium der nächsten Stadt war vortrefflich, und so entschlossen sich Hubert's Eltern schweren Herzens, den Knaben künftige Ostern dorthin zu geben.
Das war das erste große Ereigniß in dem Leben der beiden Kinder. Sie hatten die Trennung, so oft auch davon die Rede war, doch immer in so ferne Zeiten verschoben, daß es wie ein entsetzlicher Donnerschlag über sie kam, als sie erfuhren, daß in wenig Wochen Hubert's Abreise erfolgen sollte.
»Ich gehe mit dir nach H..,« sagte Esther entschlossen und stellte sich an Bertel's Seite. »Vater hat gewiß nichts dagegen; ich werde ja dann studiren wie du, und ohne dich lerne ich hier keine Zeile mehr, das weiß ich. Was sollst du denn ohne mich anfangen, Bertel?«
Hubert sah das kecke Mädchen nachdenklich an.
»Ich glaube, das wird doch nicht gehen, Esther,« sagte er traurig, »denn ich werde ja auf ein Gymnasium kommen, wo lauter Knaben sind, da paßt kein Mädchen hinein.«
»So ziehe ich Knabenkleider an, das ist köstlich, das habe ich mir ja immer gewünscht!« jubelte Esther und klatschte in die Hände.