Diese Nachricht war für Esther sehr betrübend. Alle ihre schönen Pläne, Hoffnungen und Wünsche schienen für jetzt scheitern zu sollen; denn wenn derjenige, von dem Esther die Schuld einfordern wollte, fern war, und niemand weder seinen Aufenthalt noch die Zeit seiner Rückkehr angeben konnte, so war ja alles vergebens. Selbst wenn sie Frau von Ihlefeld von der Auffindung des Scheines sagen wollte, erreichte sie damit weiter nichts, als diese unnöthig aufzuregen, denn in der Ferne hätte dieselbe ja noch weniger wirken können. Esthers hatte doch wenigstens noch immer die Hoffnung, daß Herr Richard während ihres Aufenthaltes in Frankreich zurückkommen würde. Sie prüfte lange, was das Beste sein möchte, und sehnlichst wünschte sie, sich mit jemand berathen zu können. Nach reiflicher Ueberlegung war sie entschlossen, ruhig in ihrer jetzigen Stellung zu bleiben und ihr Geheimniß wie bisher für sich zu behalten, bis sie dennoch vielleicht bald mit dem glücklichen Resultat vor ihre Lieben hintreten konnte. Das Opfer, welches sie brachte, war groß; denn die Existenz, in der sie auszuharren beschloß, wurde mit dem herankommenden Winter immer unerfreulicher. Frühe Kälte und sogar Schnee kamen Mitte December über die Berge gezogen und machten sich in dem kleinen hochgelegenen Städtchen, das im Sommer seiner kühlern Temperatur wegen als angenehmer Aufenthalt besucht wurde, ziemlich unangenehm fühlbar. Und man litt in diesen Gegenden vielmehr durch die Kälte, als im Norden, wo man sich dagegen zu schützen versteht. Aber hier besonders, in dieser wüsten Pensionsanstalt, wurde der Aufenthalt durch Kälte und Schnee fast unerträglich. Die steinernen Fußböden, durch keinen Teppich geschützt, waren ohnehin schon kalt wie Eis; aber mit ihren dicken Holzschuhen, Sabots genannt und wie kleine Kähne gestaltet, trugen die unruhigen Füße der quecksilberigen jungen Schaar unablässig alle Nässe und allen Schnee von Hof und Straße mit herein, so daß der Fußboden sich binnen Kurzem in einen wahren Sumpf verwandelte. Keine Thüre schloß und kein Fenster hielt Wind und Kälte ab, und wenn es dem schwarzen Kamin auch wirklich endlich gelungen war, nach unsäglichem Rauchen und Qualmen etwas Wärme um sich her zu verbreiten, der erste Windstoß warf diese oder jene Thür wieder auf, und aus dem offenen Hausflur strömte dann die ganze Winterkälte wie im Triumphe herein, denn niemand beeilte sich, ihr den Eingang wieder abzuschneiden. Besonders wenn der Mistrâl wehte, ein Wind, der dort heimisch und von markdurchdringender Schärfe und Intensität ist, wußte man sich mitten im Zimmer und selbst im Bett kaum zu retten vor Zugluft und Unbehagen. Dieser Wind dauert stets mehrere Tage, der Himmel ist dabei tiefblau und die Sonne blitzend, aber die Luft von einer Schärfe, daß nichts vor ihrem Eindringen schützt, und Thüren und Fensterrahmen Spalten bekommen, so trocknet der Wind sie aus.

Aber so sehr Esther durch diese Zustände litt, die muntern Französinnen ließen sich dadurch wenig aus ihrer guten Laune bringen, und wenn der Wind recht eisig durch Thür und Fenster pfiff, dann trappelten sie desto lustiger mit ihren hölzernen Sabots auf dem steinernen Fußboden umher, daß man meinen konnte, eine Schwadron Cürassire komme über das Steinpflaster geritten. Es war ein unaussprechlicher Spectakel; aber den lebendigen Kindern machte das gerade Vergnügen. Gut, daß Esthers Nerven von solider Stärke waren, sonst hätte sie diesen Lärm und dieses Treiben nicht lange ertragen. — So kam das Weihnachtsfest heran, und Esther's Herz übermannte jetzt eine so unsägliche Sehnsucht, daß sie all' ihrer tapfern Entschlossenheit bedurfte, um nicht die Flinte in das Korn zu werfen und auf und davon zu gehen, der lieben Heimath wieder zu, mit den Ihren das schönste aller Feste zu feiern. Hier in Frankreich hatte man keine Idee von der Feier des Weihnachtsfestes, wie Esther es kannte; Geschenke gab man sich am Neujahrstage, aber ohne besondere Festlichkeit.

Der Arzt der Pension, dessen Frau eine Deutsche war, hatte sich sehr freundlich gegen Esther bewiesen und das junge Mädchen durfte diese Familie zuweilen besuchen. O wie athmete sie hier auf in dieser sauberen, geordneten Häuslichkeit, und hier fühlte sie erst, wie leicht man bei verständiger Vorsorge den dortigen Winter ertragen konnte, der trotz Mistrâl doch unendlich viel milder war als ein deutscher. Von dieser Familie wurde Esther eingeladen, das Weihnachtsfest mit ihnen zu feiern, und freudig folgte das junge Mädchen dieser Aufforderung. Am Nachmittage schon machte sie sich auf den Weg, und bei köstlich warmem Sonnenschein, wie er in der Heimath etwa im Mai die Erde wärmt, durcheilte sie die Straßen. Ihr Weg führte sie durch einen großen öffentlichen Garten, auf dessen Terrassen eine Menge Frauen bei ihrer Spindel saßen, gerade wie im Sommer, die Kinder zu ihren Füßen spielend.

Aber wie köstlich war auch noch alles grün trotz Winter und Schnee! Ueppiges Moos deckte überall die ruinenhaften Mauern, saftig grüne Wiesen zogen sich weithin, Cypressen und Lorbeer und immergrüne Eichen standen mit vollem Laube in dichten Gruppen, Oliven mit ihrem matten Grün breiteten sich dazwischen aus. Eine Menge wundervoller fremdartiger Bäume wölbten ihr Laubdach über Esther, von denen besonders einer mit brennend rothen Früchten ihr Auge entzückte, man nannte ihn Arbousier. Dichte Hecken von hohem Oleander und in weißen Dolden blühenden Gewächsen zogen sich ringsum, üppige Schlingpflanzen rankten sich hernieder, und überall blühte die Monatsrose in Fülle, von Veilchen, Narcissen, Tazetten und tausend anderen Blumen umringt. Es war eine Pracht und ein Reichthum in der Natur, daß Esthers Herz laut jubelte und sie sich nicht satt sehen konnte an all' dem Schönen. Wie herrlich mußte diese Natur erst im Frühjahr sein, wenn am Weihnachtsabend, mitten im Winter, schon alles in dieser Weise blühte und duftete!

Die Doktorin empfing Esther mit großer Herzlichkeit, und das junge Mädchen verlebte den Abend so angenehm, daß ihr Heimweh fast gänzlich Abschied nahm. Mit Jubel begrüßte sie eine schöne grüne Tanne, den lieben nordischen Weihnachtsbaum, der in vollem Lichterglanze ihr entgegenlachte, als wäre sie zu Hause in ihrem trauten Waldhause. Man hatte den Baum in eine riesige Vase gepflanzt, und statt der Aepfel lachten goldene Apfelsinen aus dem grünen Laube. Eine dicke Guirlande von frischen rothen Rosen, die man am Morgen im Weinberge gepflückt, zog sich um den Rand der Vase; hohe silberne Candelaber waren mit Gewinden von Lorbeer und Oleander umschlungen und durch Rosenketten verbunden, und an diesen Guirlanden wie an dem Tannenbaum hing eine Menge buntes Zuckerwerk und silberne und goldene Kugeln. Es war ein reizender Anblick. Für Esther lagen einige hübsche Geschenke unter dem Baume, und als beste Gabe ein dicker Brief aus der Heimath, den der Doktor heimlich dem Briefträger abgenommen hatte. Esthers Dank und Freude war namenlos, einen so herrlichen Weihnachtsabend hätte sie nimmer in der Fremde erwartet, und diese Freude stärkte sie wieder für all' die vielen unangenehmen Tage, welche noch vor ihr lagen.

Unter wenig erfreulichen Verhältnissen, in welche Esther ihr Geschick geführt, verging der Winter, und ein Frühjahr kam herbei, so warm und wonnig und so reich an Blüthen und Düften ringsum, daß Esther alles Ungemach vergaß und mit vollem Herzen diese Zauberwelt genoß. Sie schrieb glückselige Briefe an ihre Lieben in der Heimath, bei denen der Winter noch mit all' seinen rauhen Lüften und mit Kälte und Schnee regierte, während es rings um Esther schon blühte und duftete.

Als dann aber auch in Deutschland das Frühjahr gekommen war, da brannte die Sonne schon so heiß und sengend auf die Fluren hernieder, in denen Esther umherwanderte, daß sich diese gar oft ihren nordischen Himmel herbei wünschte.

Mit dem Frühjahr sollte sich ja vielleicht Esthers Hoffen und Harren belohnen, so glaubte sie sicher, und ihr alter Freund hatte ihr versprochen, sobald er Kunde über die Rückkehr Herrn Richard's erhalten könne, wolle er sie sogleich benachrichtigen. Aber Woche um Woche verging abermals, und kein Brief kam. Die warmen Frühlingstage verwandelten sich in heißen Sommer, unter dessen sengender Sonnengluth alles verdorrte und verbrannte, so daß statt der saftigen Fluren eine gelbbraune Decke sich überall ausbreitete, und Menschen und Thiere nach Kühlung schmachteten.

Jetzt bot das eisig kalte Steinhaus, in dem Esther wohnte, allerdings angenehmen Schutz vor der Sonnengluth; aber doch freute sich das junge Mädchen, daß einige Wochen Ferien die Stunden unterbrechen sollten, denn sie fühlte sich oft unendlich müde und angegriffen. Das stete vergebliche Hoffen machte sie nervös und niedergeschlagen, sie sah ja, daß ihr Opfer vergebens sein und sie ohne das Geld nach Hause zurückkehren mußte. Sie hatte gehofft, die Erlangung dieses Schatzes werde ihr die Stellung in England ersparen, und sie könne wieder zurück in ihr Waldhaus. Nun schwand auch diese Freude; denn wenn sie nichts verdiente, litt Bertel Mangel und konnte nicht weiter studiren. So mußte sie also jene Stelle binnen Kurzem antreten; man wollte dort nicht länger warten, wie Pastor Krause ihr schrieb. Schon beabsichtigte Esther, gleich beim Beginn der Ferien nach Hause zurück zu kehren, da schrieb ihr Herr Martin, seine Frau wollte für einige Wochen in das Seebad nach Cette gehen und würde sich freuen, wenn Esther sie begleiten wolle. Er bitte sie, vorher für einige Tage in Nîmes ihr Gast sein zu wollen. Esther zögerte anfangs, dies Anerbieten anzunehmen, ihre angegriffene Gesundheit aber bedurfte allerdings der Stärkung durch Seebäder; denn neue Pflichten erwarteten sie ja, für welche sie eines kräftigen Körpers bedurfte. So nahm sie denn Abschied von ihren liebenswürdigen Pensionsgefährtinnen, die ihr trotz aller Mängel und Fehler herzlich lieb geworden waren, und eilte unter das gastliche Dach ihres guten alten Freundes in Nîmes.

Hier wurde sie mit großer Herzlichkeit aufgenommen und fand eine angenehmere Häuslichkeit, wenn auch ein deutsches Hauswesen diese südlichen Zustände bedeutend an Behagen übertraf. Frau Martin war eine lebendige, liebenswürdige, alte Dame, und die beiden guten Alten machten es sich zur Aufgabe, Esther alle Sehenswürdigkeiten von Stadt und Umgegend zu zeigen.