Es traf sich gerade, daß man einen Geburtstag in der kaiserlichen Familie feierte, wozu die ganze Stadt sich mit Fahnen, Guirlanden und Teppichen geschmückt hatte, was den Straßen einen äußerst freundlichen Anblick verlieh. Große Processionen durchzogen die Stadt, Abends war brillantes Feuerwerk und Illumination, das Schönste aber war am andern Tage ein Volksfest in den alten Mauern der Arena, wozu jedermann freien Zutritt hatte. Unser altes Pärchen führte natürlich seinen Gast auch dahin, und mit Staunen und Entzücken sah Esther dieses prächtige Schauspiel mit an. Die vortrefflich erhaltenen Ruinen der einst durch die Römer erbauten Arena waren jetzt von oben bis unten überdeckt von vielen Tausend Menschen, und jedes Plätzchen, so klein oder gefährlich es auch sein mochte, war besetzt. Alle diese Terrassen, Bogen, Arkaden, ja selbst der oberste Rand der Umfassungsmauer, alles stand gedrängt voll Menschen, und da war kein Stein, kein Pfeiler, der nicht seine interessante Gruppe aufwies. Auf einzelnen losgebrochenen Mauerresten standen und hingen kühne Burschen, und während ihre braunen Gesichter vor Vergnügen leuchteten, baumelten sie lustig mit den nackten Beinen über dem Abgrunde und lachten der ängstlichen Rufe und Blicke um sie her. Männer und Weiber, Kinder und Greise, zerrissene Bettler und elegante Damen, alles drängte sich dicht an einander, sitzend, stehend, hängend, kauernd oder liegend, wie es eben ging; aber alles jubelnd, schreiend, lachend und hoch oben darüber der tiefblaue Himmel, wie ihn eben nur der Süden aufzuweisen hat. Während unten in der Arena Seiltänzer und Jongleure ihre Künste zeigten, ein Luftballon emporgelassen wurde und bei laut kreischender Musik allerlei Tänze und Scherze aufgeführt wurden, wanderten auf der untersten Terrasse eine Menge Verkäufer umher, die Zuschauer mit Früchten und Gebäck zu versorgen. Mit wahrhafter Virtuosität schleuderten diese Händler ihre Waaren bis hoch zu den obersten Sitzen hinauf, und gelbe Citronen, goldene Apfelsinen, lange Weißbrode, Feigen, Pfirsiche, Stücke Melonen, alles flog und schwirrte durch die Luft und wurde ebenso geschickt aufgefangen als geschleudert. Verfehlte aber ein unglückliches Gebäck oder eine leckere Frucht einmal ihr Ziel und rollte in ein Gebüsch oder in das lose Steingeröll, dann zitterte die Luft von endlosem Jubel, und tausend Hände und Füße waren in Bewegung, den Schatz zu erobern. Esther war ganz hingerissen von dem Zauber dieses echt südlichen Festes, und feurig und lebendig wie auch ihr Temperament war, jubelte sie mit ihren französischen Nachbarn um die Wette und vergaß es vollständig, daß von allen Seiten der verhaßte Knoblauchgeruch sie einhüllte, und eine Menge höchst uncivilisirter Beine über ihrem Kopfe baumelten.
Nach einigen in Nîmes froh verlebten Tagen reiste Esther in Gesellschaft der alten Frau Martin nach Cette ab, das prächtig am Gestade des Mittelmeeres sich hinzog. Von dort gedachte sie einige Wochen später in die Heimath zurückzukehren, und Frau von Ihlefeld dann selbst die Erlangung jenes Kapitals zu überlassen, da ihr diese Freude nicht vergönnt ward. Der Anblick des Meeres war ein neuer Genuß für Esther, und mit Entzücken badete sie ihre Glieder in dieser herrlichen Fluth. Sie fühlte sich durch die Bäder bald wunderbar gestärkt und belebt, und da auch das Zusammensein mit Frau Martin durchaus angenehm war, so freute sich Esther aus voller Seele dieser schönen Tage. Leider aber war Frau Martin schon nach Kurzem genöthigt, wieder nach Hause zurückzukehren, da ihr Mann heftig erkrankte; da sie aber hoffte, bald wieder nach Cette kommen zu können, blieb Esther zurück, durch die alte Dame den braven Hauswirthen warm empfohlen.
In dieser Zeit war es, wo eine junge Dame Esthers Bekanntschaft erneuerte, welche schon in Nîmes in der Arena neben ihr gesessen und sie mehrfach angesprochen hatte. Esther freute sich, Gesellschaft zu haben, und obwohl sie eigentlich keinen großen Gefallen an der Dame fand, kam sie doch täglich mit derselben zusammen. Sie nannte sich Mademoiselle Lasson, war sehr heiter und gesprächig, und Esther vergaß in ihrer Gesellschaft alle trüben Sehnsuchtsgedanken. Dies veranlaßte sie, häufiger mit Mademoiselle Lasson zusammen zu sein, als sie sonst wohl gethan hätte.
An einem herrlichen Sommerabend ging Esther auch wieder mit ihrer neuen Freundin am Meeresstrande spazieren, und mit ihnen noch viele andere Badegäste. Man hatte in der Ferne das Herankommen eines Schiffes gesehen, und das Einlaufen eines solchen in den Hafen war stets ein Vergnügen für die Fremden. Auch Esther freute sich des Anblicks, wie das schöne, stolze Schiff auf den Wellen daher segelte, und als dann die Ankommenden ausstiegen, betrachtete sie dieselben voll natürlicher Neugierde. Da ging einer der angekommenen Herren an ihr vorüber. Mademoiselle Lasson begrüßte denselben und zwar mit so lauten Worten und fröhlichem Lachen, daß Esther etwas scheu zurücktrat. Der Herr blickte auf und schien über die Begrüßung durchaus nicht erfreut; denn mit einem kurzen Seitenblick auf Esther ging er leicht grüßend davon.
»Wer war der Herr, Mademoiselle?« fragte Esther rasch.
»O, ein alter Bekannter von mir, Monsieur Richard; er schien mich nicht recht zu erkennen,« sagte die Dame achselzuckend.
»Herr Richard?« rief Esther freudestrahlend. »Herr Richard aus Nîmes? Der Neffe des Herrn Etienne de Villemaud?«
»Wie seine Verwandten alle heißen, weiß ich wahrlich nicht,« lachte Jene, »ich glaube aber, den Namen gehört zu haben. Er that diesem Herrn hier den Gefallen, zu sterben und ihm sein schönes Geld zu hinterlassen, wenn ich nicht irre. Was wissen Sie denn von diesem Kauz, liebe Kleine?«
Esther war so aufgeregt vor Freude, Glück und Wonne, daß sie zitterte und ihrer Begleiterin in kurzen Worten sagte, daß es für sie von unendlicher Wichtigkeit sei, diesen Herrn zu treffen. »O bitte, wir wollen ihm schnell nacheilen, daß er nicht abreist, ehe ich ihn gesprochen habe!« rief sie glühend und zog Mademoiselle Lasson mit sich fort.