»Halt, liebe Kleine, nicht so hitzig!« lachte diese und machte ein so sonderbares Gesicht, daß Esther verlegen stehen blieb.

»Sie sind ja sehr eilig hinter dem Herrn her, der wenig von uns wissen zu wollen schien. Ich weiß, er kehrt hier bei einem Bekannten ein, da werden Sie ihn zeitig genug treffen auch ohne so große Eile. Aber hingehen wollen wir, da Ihnen so viel daran zu liegen scheint. Ich darf doch mit Ihnen gehen?«

Esther dankte ihrer Begleiterin herzlich, daß sie ihr zur Seite bleiben und sie zu der Wohnung Herrn Richard's führen wollte. Zuerst aber eilte sie nach Hause, das wichtige Papier zu holen, das ihr bisher so viel Angst und Sorge, Hoffnung und Enttäuschung gebracht hatte. Ihre Begleiterin führte sie bis zu dem betreffenden Hause, dann aber verabschiedete sie sich, was Esther im Grunde nicht unlieb war, sollte doch niemand weiter von ihrem Geheimniß erfahren.

Als sie Herrn Richard gegenüber stand, schlug ihr doch das Herz gewaltig vor banger Erwartung, besonders da jener Herr ihr sehr kalt und erstaunt entgegentrat und sie mit wenig freundlichen Blicken anschaute und nach ihrem Begehr fragte. Esther nannte ihren Namen und versicherte sich zuerst, daß sie auch die gesuchte Persönlichkeit vor sich habe; dann aber nahm sie mit zitternder Hand den Schuldschein aus ihrer Brieftasche und sagte: »Mein Herr, wissen Sie von dieser Schuld?«

Herr Richard blickte das Blatt voll Staunen an und sagte: »Der Empfang der Summe ist in den Büchern meines Vetters notirt, aber kein Name. Ich habe bisher umsonst gewartet, daß der Gläubiger sich melden solle. Aber mein Fräulein, wie kommen Sie zu dem Schuldscheine?« Und wieder blickte er Esther prüfend in das glühende Gesicht.

»Der Schein war seit Jahren verloren, durch einen Zufall kam er in meine Hände,« sagte Esther ruhig, aber unwillkürlich noch tiefer erröthend.

»So, durch einen Zufall? Und Sie wünschen, ich soll das Geld an Sie auszahlen?« entgegnete der Kaufmann scharf.

»Ja, natürlich wünsche ich das,« sagte Esther unbefangen.

»So besitzen Sie eine Vollmacht, welche Sie berechtigt, die Summe von mir zu fordern im Namen des Gläubigers?« entgegnete Herr Richard.