»Eine Vollmacht?« sagte Esther betroffen. »Nein, wozu bedürfte es einer solchen? Herr von Ihlefeld ist todt, seiner Familie aber stehe ich so nahe, daß Sie mir das Geld getrost ohne solche Vollmacht einhändigen können. Ich bin mit dem Sohne des Hauses erzogen und besitze das volle Vertrauen der Mutter, welcher ich mit der Ueberbringung des Geldes eine unerwartete Freude machen will, da sie in sehr dürftigen Umständen lebt. Ich habe ihr die Auffindung des Schuldscheines, den ich in einem Buche fand, welches sie mir geliehen, nicht mitgetheilt, um ihr unnöthige Unruhe zu ersparen. Mein Weg führte mich nach Frankreich, und so nahm ich Gelegenheit, den Erben jenes Herrn Etienne von Villemaud aufzusuchen, um Frau von Ihlefeld bei meiner Heimkehr das Geld statt des Scheines zu überreichen. Schon glaubte ich meine Hoffnungen betrogen, da Sie für unbestimmte Zeit von der Heimath abwesend waren; da führte ein günstiger Zufall mich heute in Ihre Nähe, und so ist der Zweck meines Aufenthaltes in Frankreich doch nicht vergebens.«
Herr Richard hatte Esther's Erzählung mit einiger Ungeduld angehört; jetzt sagte er kalt: »Darf ich um Ihre Legitimation bitten, mein Fräulein?«
»Mein Paß liegt in Nîmes bei Herrn Martin,« sagte Esther unbefangen, »ich glaubte ihn hier nicht zu brauchen.«
»So?« entgegnete der Kaufmann ironisch. »Ich weiß nicht, mein Fräulein, über was ich mich mehr wundern soll: über Ihre Dreistigkeit, ohne jegliche Vollmacht und Legitimation eine solche Forderung zu stellen, oder über die Naivität, mir jenes Märchen zu erzählen, den Schein betreffend. Haben Sie in der That geglaubt, irgend jemand würde Ihnen ohne Sicherheit und ohne Vollmacht jene Summe auszahlen? Wer bürgt denn dafür, daß Sie das Geld auch den Erben bringen, da diese gar nichts davon wissen, daß der Schein gefunden ist?«
»Mein Herr!« fuhr Esther empört auf, »wie können Sie mich so beleidigen? Ich bin die Tochter eines Predigers und keine Diebin.«
»Wenigstens wären Sie eine sehr ungewitzigte Diebin, mein Fräulein,« sagte Jener trocken. »Denn ohne Vollmacht würde Ihnen schwerlich jemand das Geld geben, ich wenigstens bin kein solcher Thor. Aber da Sie glaubten, das Geld werde Ihnen ausgezahlt werden ohne Vorzeigung des Scheines, so entstand diese Hoffnung vielleicht schon bei Erlangung desselben. Gerade daß Sie der Familie so nahe standen, ermöglichte ja die Erwerbung jenes Papieres. Jene Dame, in deren Gesellschaft ich Sie soeben am Strande sah, ist eine sehr schlechte Empfehlung für Ihre Solidität und Ehrlichkeit, mein Fräulein. Sie selbst habe ich nicht die Ehre zu kennen, ich gestehe Ihnen aber ehrlich, daß ich Ihnen gleich mit Mißtrauen entgegen kam, denn Sie werden das Sprichwort kennen: »Dis-moi que tu hantes, et je te dirai que tu es.«
Esther war außer sich. »Mein Herr!« rief sie, in Thränen ausbrechend, »Sie beschimpfen ein ehrliches, schutzloses Mädchen! Meine Unerfahrenheit hat mich in eine böse Situation gebracht; aber gerade diese sollte Ihnen dafür bürgen, daß ich unschuldig bin. Jene Dame kenne ich kaum und habe keine Ahnung davon, daß sie für ein ehrliches Mädchen keine passende Gesellschaft ist. Uebrigens verlange ich jetzt, daß Sie augenblicklich an Frau von Ihlefeld schreiben und sich nach Esther Wieburgs Ruf erkundigen; ich selbst werde ein Gleiches thun und die Auffindung des Scheines und alles andere berichten. Sie haben die unbescholtene Tochter eines Predigers tödtlich beleidigt; Gott verzeihe es ihnen.« Dann schrieb sie rasch Frau von Ihlefelds Adresse auf einen Zettel und wandte sich stolz nach der Thür; mit einem kalten Gruß ging sie hinaus. Zu Hause angekommen sank sie weinend auf ihre Knie. Lange schluchzte sie krampfhaft und leidenschaftlich; denn der Gedanke, hier als eine Diebin, als eine schamlose Betrügerin behandelt worden zu sein, war ihr entsetzlich. Wenn auch nach kurzer Zeit der Verdacht von ihr genommen wurde, der Schatten hatte doch auf ihr geruht und ihr war, als sei sie nun für ewig gebrandmarkt. »O Bertel, Bertel, deinetwegen habe ich alles das zu ertragen!« rief sie, das Gesicht in den Händen verbergend.
Aber endlich ermannte sie sich und eilte nach ihrem Schreibtische. Sie mußte Herrn Martin brieflich bitten, ihren Paß ihr zu übersenden, den sie bei ihm deponirt hatte, damit sie sich durch diesen legitimiren konnte. Dann aber schrieb sie an Frau von Ihlefeld, dieser ihr ganzes Wünschen und Hoffen darlegend, und wie sie vergebens durch die Auffindung jenes Schuldscheines und die Erwartung, gleich selbst die Geldsumme erheben zu können, zu der Reise nach Frankreich bestimmt worden sei. Dann erzählte sie ihr die Behandlung, welche sie durch Herrn Richard erlitten und bat dringend um jene wichtige Vollmacht, damit sie das Geld erheben könne, und ihre Ehre wieder hergestellt werde. Als sie das Schreiben fortgetragen, fand sie bei ihrer Rückkehr einen Brief in ihrem Zimmer. Er war aus der Heimath. Welch ein herrlicher Trost in aller Trübsal und Kränkung. Voll Freude öffnete sie das Schreiben, es war ein Brief von Bertel und ein kurzer von Frau Booland. Esther las den kurzen Brief zuerst, er lautete:
»Mein liebes theures Kind!
Heute schreibe ich Dir nicht viel, obwohl mir das Herz zum Zerspringen voll ist. Bertels Brief enthält das Weitere. Ich habe es immer gedacht, so werde es einmal kommen; denn Adel bleibt Adel, und Geld hat einen schönen Klang. Bertel ist ein guter Sohn, er will seine Mutter nicht betrüben, indem er ihrem Willen entgegen ist, er ist ja so leicht zu etwas zu bestimmen. Ob er dadurch freilich den Dolch in das Herz stößt, das ihm anhängt mit unerschütterlicher Treue, und dessen dieser Undankbare nie und nimmer würdig war, das kommt nicht in seinen Sinn. Aber genug, mein Herzblatt, ich will meine bittern Thränen still für mich weinen und Dir dein armes Herzchen nicht noch schwerer machen. Nun gehst Du nicht nach England, sondern bleibst bei mir, Deiner ewig und unwandelbar getreusten
Friederike Booland.«