Mit zitternder Hand faltete nun Esther Bertels Brief von einander. Was konnte er enthalten, daß Tante Booland so gegen ihn erzürnte? Die Buchstaben schwammen vor ihren Augen, lange Zeit konnte sie die geliebten Schriftzüge nicht festhalten. Endlich aber las sie, was Bertel schrieb. Nach einigen unwichtigeren Notizen erzählte er ihr, daß er seit einiger Zeit ein häufiger Gast in seinem einstigen Vaterhause in Rahmstedt sei, das jetzt in den Besitz eines entfernten Anverwandten, eines Herrn von Sassen, übergegangen sei. Die Frau sei todt, eine ältliche Cousine vertrete ihre Stelle im Hause. Er sei hier mit großer Freundlichkeit aufgenommen worden, und auch seine Mutter sei, nachdem sie den ersten Schmerz überwunden, in das Haus wieder eingetreten, wo sie so Schreckliches erlebt. Nun verkehrten sie Beide häufig mit diesen Verwandten, welche früher im Auslande lebten, und es habe sich ein sehr inniges Verhältniß zwischen beiden Familien gebildet. Die höchst anmuthige junge Tochter Susanne, das einzige Kind des Onkels, sei ihm wie eine Schwester entgegengekommen, und er sei dem hübschen Kinde herzlich zugethan. Mit Esther freilich dürfe er sie nicht vergleichen, aber wer käme dieser überhaupt gleich? — Seine Mutter habe ihm nun vor einigen Stunden gesagt, daß der Onkel eine Verbindung ihrer beiden Familien sehr wünsche, und Bertel ihm trotz seiner Armuth einst ein willkommner Gatte für sein Kind sein werde. Frau von Ihlefeld habe keinen höhern Wunsch, als daß ihr Sohn zu diesem Plane die Hand reiche, und auch Susanne werde sich sicher damit einverstanden erklären, das dürfe er erwarten; denn sie sei ein gutes, fügsames Kind, das dem Willen des Vaters schwerlich entgegen sein würde. »Der Reichthum des Onkels,« schrieb Bertel weiter, »sichert meiner Mutter eine sorgenfreie Zukunft, und für mich selbst erschließt sich eine neue Welt. Mein einstiges Vaterhaus nimmt mich wieder auf als Sohn und Erben, und der Besitz dieses lieben Mädchens giebt mir zugleich die Mittel in die Hand, die Träume meiner Jugend zu verwirklichen und im Dienste meiner Wissenschaft Reisen zu machen. Ein Archäolog, zu dem ich mich bilden will, ist nichts ohne Reisen, und so verschafft dieser Bund allen Theilen Glück und Vortheil. Aber so sehr ich entschlossen bin, einen so wichtigen Schritt zu thun,« schrieb Hubert weiter, »so muß ich doch wissen, wie Du darüber denkst, meine gute Esther. Schreibe es mir ganz ehrlich; denn einen bessern Freund als Dich habe ich ja nie besessen, und nie im Leben habe ich etwas Wichtiges ohne Deinen Rath und Deine Billigung unternommen. Wohl weiß ich es, meine liebe theure Schwester, mein Glück ist auch immer das Deine gewesen, das hast Du mir bewiesen, seit wir als kleine Kinder schon alles Leid und alle Freuden mit einander getheilt haben. Doch ich möchte ein Wort von Deiner lieben Hand sehen, möchte von Dir selbst hören, daß Du mein Vorhaben billigst, sonst kann ich meines Glückes nicht froh werden. Lange war ich unschlüssig, ob ich mich in dieser Weise binden sollte; aber meine Mutter drängt, und ich sehe ja selbst ein, daß diese Verbindung große Vortheile für uns hat. Aber dennoch — ach Esther, mein lieber, getreuer Kamerad, sage auch Du, daß ich recht thue, daß Du es vernünftig und gut findest, und daß Du auch ferner meine liebe, treue Schwester bleiben willst. Dann erst bin ich ruhig darüber, daß ich dem Drängen meiner Mutter nachgegeben und will das innere Unbehagen überwinden, das mich peinigt, ich weiß selbst nicht, weshalb. Ohne Dich bin ich ja immer nur ein halber Mensch, immer stützest und ergänzest Du mich, Du mein besseres Ich, der Schutzengel meines Lebens!«

Esther saß nach Beendigung dieses Briefes bleich und still auf ihrem Sessel. Die Hände waren in ihren Schoos gesunken und hielten den Brief noch fest, ihre Augen waren geschlossen und die Lippen zitterten leise. Endlich entrang sich ein Ton ihrer Brust, die angstvoll athmete. Es war wie der Schrei eines Versinkenden. Heftig warf sie plötzlich beide Arme empor und sprang vom Sitze auf. Eine furchtbare Angst trieb sie umher, und wie verzweifelt durcheilte sie fort und fort ihr Zimmer, die Hände fest in einander gekrampft und leise stöhnend. Aber keine Thräne kam in die heißen Augen und erleichterte ihrer gepreßten Brust den entsetzlichen Kampf, den sie zu bestehen hatte.

O was ging in diesem jungen Herzen vor, während ihr Fuß angstvoll im Zimmer auf und nieder eilte! Ihr war, als hätte eine grausame Hand mit einem Wurfe plötzlich alles in Trümmer geschlagen, was das Wesen ihres ganzen Lebens ausgemacht hatte; als hätte sie bis jetzt in süßen Träumen gelegen, und nun sei sie mit einemmale geweckt worden zu einem Dasein, so furchtbar, so grauenvoll, daß das Herz ihr davor erbebte. Was war es nur, das man ihr zertrümmert? Was war es, das man ihr so plötzlich entrissen? War es das Herz in ihrer Brust oder ihr Fühlen, ihr Denken? Ein Schmerz durchdrang sie so entsetzlich, wie sie ihn noch nie im Leben empfunden, und doch wußte sie nicht, war es der Körper oder der Geist, der so grausam litt. »O Bertel, Bertel!« rief sie endlich verzweifelt und schlug die Hände vor das Gesicht, und jetzt brach ein Strom Thränen hervor, so leidenschaftlich und überwältigend, als wollte sich ihr ganzer Körper in Thränen auflösen.

Schwach und gebrochen ruhte Esther endlich im Lehnstuhle, und ihre Augen blickten hinauf zum Himmel, von woher Hülfe und Trost allein noch kommen konnte. Ihre Gedanken waren klarer geworden, und jetzt erst wußte sie, was ihr zertrümmert worden. Es war der Traum ihrer Zukunft. Ohne daß sie sich je davon Rechenschaft gegeben, hatte sie ihr Leben mit all' seinem Hoffen und Wünschen, Denken und Fühlen so völlig mit dem ihres geliebten Bertel zusammengeschmolzen, daß es für sie eben eine Unmöglichkeit war, sich ihre Existenz von der ihres Spielgefährten getrennt zu denken. Vom ersten Tage ihres Zusammenseins an hatte sie nur an ihn gedacht und für ihn gelebt und gesorgt, und so war es geblieben bis zu dieser Stunde. Was fragte sie je nach ihrem eigenen Wohlbehagen, ihren eigenen Bedürfnissen, wenn nur Bertel zufrieden war! Wie sie als kleines Mädchen nur um seinetwillen gelernt, nur an den Spielen Freude hatte, die ihm lieb waren, und für alles gesorgt hatte, was er bedurfte, so war es bis heute noch geblieben. Für wen mühte sie sich Tag für Tag mit den Schülern bei Pastor Krause? Für wen hatte sie sich die Schmerzen der Trennung auferlegt und wollte in England Erzieherin werden, und für wen war sie endlich hier nach Frankreich gegangen, hatte alles Ungemach in jener Pension und heute selbst Schmähungen und Verdächtigungen ertragen? Ach für ihn, für ihn allein, der ihr Gedanke war früh und spät, und dem sie den Weg bahnen wollte zu Glück und Ehre und Ruhm. O und welcher Jubel hatte ihr Herz erfüllt beim Auffinden des Scheines! Nun ward er ja wohlhabend und die Sorgen hatten ein Ende, und sie, sie hatte es ihm verschafft! Aber nun war alles aus! Nun bedurfte er ihrer nicht mehr und ihrer Arbeit und Mühe; nun gaben ihm Andere mit vollen Händen, was er brauchte und mehr als er brauchte. Aber nun gehörte er auch diesen Anderen, und sie hatte keine Rechte mehr an ihn. Sie war allein, allein mit ihrem Herzen, das er verschmäht hatte, eine Andere trat nun an diese Stelle!

Weiter konnte Esther mit ihren Gedanken nicht kommen, es kam wieder wie ein Krampf über sie, und leise wimmernd sank sie zusammen. Hätte sie nur wenigstens jemand gehabt, der mit ihr sprechen konnte; aber diese trostlose Einsamkeit, es war zu schrecklich!

Endlich jedoch trat ein Friedensengel zu dem armen, einsamen Kinde. »Und Du wirst ihm doch noch immer lieb und theuer sein, trotz aller neuen Bande! Er wird Deiner bedürfen nach wie vor trotz alles Reichthums und alles Wohlbehagens!« so tönte es in ihrer Brust. »Ich will ihm bleiben, was ich ihm bis jetzt gewesen, seine treue, helfende Freundin, das kann ihm weder Geld noch Gut noch sonst etwas auf der Welt ersetzen. O möchte er nur glücklich werden, möchte diese Susanne ihn lieben! Doch wie sollte sie nicht, wie sollte man Bertel nicht lieben, den schönen, herrlichen Bertel! Aber warum er nur nicht glücklicher schreibt? Ein Unbehagen peinigt ihn und läßt ihn nicht froh werden. Liebt er denn Susanne nicht? Ist es nur der Wunsch seiner Mutter, der ihn bestimmte und die Aussicht auf Reichthum und Wohlbehagen? O, das wäre schrecklich! Daß seine Mutter ihn drängt, ist doch sehr unrecht; aber sie meint freilich, Bertels Glück dadurch zu sichern.

Aber das Geld allein ist's wohl nicht, was Tante Ihlefeld zu dem Wunsche treibt, Bertel soll diese Cousine heirathen! Wie schreibt Tante Booland? Adel bleibt Adel! Tante Ihlefeld hat mich ja immer fühlen lassen, daß ich nicht ihresgleichen bin, ich weiß es recht wohl, wenn ich auch nie darüber sprach. Wußte ich ja doch, daß Bertel nicht so stolz war und seine kleine Esther wirklich wie eine Schwester liebte. Und die will ich ihm bleiben! Ach jetzt erst weiß ich ja, daß ich noch andere Wünsche im Herzen für uns Beide hatte; aber er hat wohl an mich nie anders gedacht, als an eine treue Schwester.

»O mein Gott, mein Gott,« rief Esther flehend und hob die Hände zum Himmel empor, »o gieb mir die Kraft und die Selbstüberwindung, ihm auch ferner diese treue Schwester zu bleiben! Ich muß es — und ich will es!«

Dann setzte sie sich nieder, Bertel einige Zeilen auf seinen Brief zu antworten, wie er gebeten. Es war ein schweres Werk; aber Esther vollendete es mit ihrem starkem Herzen und starken Willen. Sie schrieb Bertel, daß er sie richtig beurtheilt, sein Glück sei auch das Ihre, und Gott möge den Schritt segnen, den er thun wolle, oder nun wohl bereits gethan habe. Sie aber verspreche, ihm und seiner Frau ihr ganzes Lebenlang eine treue Schwester und Freundin zu bleiben.

Weiter schrieb sie nichts, sie konnte es nicht. Und nun war ihr, als habe sie ihr Lebensglück in das Grab gelegt, nun war alles, alles vorüber. Eine Müdigkeit und Gleichgültigkeit kam über sie, wie sie nie im Leben noch erfahren. Was kümmerte sie es jetzt, was aus ihr wurde, wohin sie ging, was die nächste Zeit nun bringen würde? Es war ihr alles gleich. Sollte sie hier bleiben oder nach England gehen oder wo sonst hin. Nur jetzt nicht nach Hause, nur nicht sehen, daß Bertel durch den Besitz dieser Susanne glücklich war und andern angehörte, als ihr. Nach Hause in das stille Waldhäuschen, ohne Arbeit und Zerstreuung, in steter Nähe jener grausamen Frau, die ihr Bertel entrissen, durch deren Willen er zu diesem Schritte gedrängt worden — nein, das war unmöglich! Tante Booland mußte dies einsehen trotz aller ihrer sehnsüchtigen Liebe. Nein, lieber fort unter fremde Menschen, wo sie arbeiten und ihre Gedanken ableiten konnte! — Hier wollte sie nur noch so lange bleiben, bis die Vollmacht ankam. Dann wollte sie Herrn Richard bitten, das Geld an Frau von Ihlefeld zu senden, sie selbst aber wollte sich direct nach England in die Familie begeben, welche sie mit Ungeduld erwartete.