Es waren traurige Tage für die arme Esther, die bis zur Ankunft dieses Briefes vergehen mußten. Sie blieb fast immer zu Hause; denn am Strande fürchtete sie entweder Herrn Richard zu begegnen, oder jener Dame, welche ihr so unsäglich geschadet hatte. Esther begriff nun wohl, hätte Herr Richard sie nicht mit dieser Begleiterin gesehen, so wäre er ihr nicht gleich so mißtrauisch entgegen getreten, sondern würde sie höchstens für ein sehr unerfahrenes Mädchen gehalten haben, aber nicht für eine mögliche Diebin und Betrügerin.


Während für Esther die Tage trübe und langsam dahin schlichen, verlassen wir sie für einige Zeit und kehren zurück nach dem kleinen Waldhause zu Rahmstedt.

Kurze Zeit nach Absendung jenes Briefes von Esther war Bertel der Verlobte von Susanne von Sassen. Die Verlobung sollte jetzt noch ein Geheimniß bleiben, bis Bertel promovirt hatte. Susanne war fast noch ein Kind und auch Bertel noch zu jung für eine Heirath; so traf alles passend zusammen. Bertel ward aber auch jetzt schon als Sohn des Hauses aufgenommen, und das jugendliche Brautpaar lernte sich jetzt im täglichen Beisammensein erst näher kennen. Susanne war eine bildhübsche, kleine Blondine, gut und weichherzig und von fröhlichem Gemüth; aber weder besonders klug noch auch sehr gebildet. Ein hübsches Kleid war ihr tausendmal lieber als ein gutes Buch, und Vergnügen und Tanz ging ihr über alles. Sie hatte ihre sechzehn Lebensjahre in süßem Nichtsthun und steter Fröhlichkeit vertändelt, unter Spielen und Tanzen, Lachen und Schwatzen. Verwöhnt als einziges Kind reicher Eltern kannte sie keinen andern Willen, als den ihren, und kein Wunsch blieb ihr versagt. Daß man auch für Andere leben, sich auch nützlich machen konnte in der Welt, das war ihr ebenso fremd, wie alles, was Ernst oder Arbeit hieß. Aber bei alledem war sie ein gutes, fügsames Kind, und als der Vater ihr sagte, er wünsche, daß sie den hübschen, liebenswürdigen Hubert von Ihlefeld heirathen solle, da war sie nicht unzufrieden damit, obwohl sie eigentlich vor dem klugen, gelehrten jungen Vetter, von dem alle Welt mit so großer Bewunderung sprach, etwas Furcht hatte. Er war oft gar so ernsthaft, und an Tanzen und hübschen Kleidern fand er gar kein Vergnügen. Er sah es gar nicht einmal, wenn sie ein schönes neues Kleid ihm zu Ehren angezogen hatte und unterhielt sich eigentlich immer viel mehr mit ihrem Vater über so schrecklich ernsthafte Sachen, statt daß er mit ihr schwatzte und lachte. Aber er war so ein bildhübscher Junge, und es war eine so große Ehre, mit einem so gelehrten Manne verlobt zu sein; vielleicht lernte er bei ihr noch Lachen und Tanzen und Freude an all' dem, was sie liebte. Nun war sie eine Braut, das klang doch zu hübsch! Wenn sie es nur erst öffentlich wäre! Wie würden ihre Freundinnen sie beneiden! —

Und so tanzte und lachte und spielte sie um Bertel her, wenn dieser bei ihr war und trieb tausend Tollheiten, sobald er versuchte, ein ernstes Wort mit ihr zu sprechen.

Bis dahin hatte Bertel nur das reizende Kind in ihr gesehen, jetzt erst bemerkte er, wie oberflächlich und unbedeutend sie war. Das Bild Esthers trat unwillkürlich daneben, und Bertel, der wenig Mädchen kennen gelernt, hatte geglaubt, alle müßten so viel wissen und so klug und strebsam sein, als sie. Ein Unbehagen, wie er es neben Esther nie empfunden, kam über ihn, wenn er längere Zeit mit Susanne verkehrte, und obwohl er alles auf die große Jugend seiner Braut schob und von der Zukunft erwartete, daß sie ernster und gediegener werden möchte, so konnte er doch nicht recht froh neben ihr werden. Oft schon hatte er ihr von Esther erzählt, und jetzt that er es noch häufiger in der Hoffnung, Susanne solle fühlen, wie sehr er wünsche, sie möge Esther ähnlich werden. Aber der lustigen Susanne lag nichts ferner, als solcher Wunsch. Sie staunte Esthers Vortrefflichkeiten und Wissen an wie etwas höchst Sonderbares und Merkwürdiges, der Wunsch aber, selbst so zu sein, kam ihr nie, im Gegentheil, ihr graute bei dem Gedanken, so viel lernen und arbeiten zu müssen und so ernsthaft und fleißig zu sein.

Hätte Bertel sich aus Liebe mit ihr verlobt, so würde er Susanne's Fehler kaum bemerkt haben; denn Liebe umgiebt alles mit einem sonnigen Glanze, und selbst kleine Fehler erscheinen an einem geliebten Wesen als etwas Anziehendes. Jetzt aber, ohne eine so innige Neigung traten ihm Susannes Mängel mit jedem Tage unangenehmer entgegen; die Folge davon aber war, daß auch er seiner leichtherzigen jungen Braut weniger gefiel, die immer daran gewöhnt war, daß alles ihr huldigte und schmeichelte. Daß aber ihr Bräutigam dies nicht nur unterließ, sondern sie sogar zuweilen tadelte, das war dem verwöhnten Kinde höchst empfindlich. Schon in den ersten Tagen ihres Brautstandes schmollte ihr hübscher kleiner Mund mehrfach, und warf sie das blonde Köpfchen ärgerlich in den Nacken. Ein solch' kindisches Benehmen war Bertel aber etwas ganz Fremdes und mißfiel ihm in hohem Grade; Esther war ja nie launisch gewesen.

So waren die ersten Tage von Bertels Brautstand vergangen. Seine Mutter überhäufte ihn mit Liebkosungen und Zärtlichkeit, denn sie war ihm innig dankbar, daß er sich ihrem Willen so bald gefügt trotz seines ersten Widerstrebens. Aber Frau Booland, die alte treue Freundin aus Bertels Kinderjahren, sie hatte jetzt kein gutes Wort und keinen freundlichen Blick mehr für ihren einstigen Liebling. Finster schaute sie drein, wenn Bertel bei ihr eintrat, wie er gewöhnt war, und bei all' seinen Schmeichelworten und Erzählungen blieb ihr sonst so gesprächiger Mund fest verschlossen.

»Tante Booland, du bist mir sehr böse, sage es nur,« rief Bertel endlich, nachdem er mehrmals vergebens versucht, ihr einen freundlichen Blick abzuschmeicheln. »Gönnst du deinem armen Bertel wirklich gar kein Wort mehr?«