»Wer mir keins gönnt verdient es nicht besser!« entgegnete Frau Booland kurz. »Die Zeiten sind vorbei, wo man Tante Booland noch um Rath fragte. Jetzt ist sie für gewisse Leute gar nicht mehr in der Welt. O Undank, Undank!« Dann aber seufzte sie tief auf und schwieg beharrlich, und Bertel versuchte umsonst, seine alte Freundin milder zu stimmen, es ging nicht. Aber ihre rothgeweinten Augen gaben ihm viel zu denken und vermehrten das Unbehagen, das auf seinem Gemüthe lastete.
Da kam Esthers Brief an mit der Erzählung dessen, was sie nach Frankreich getrieben und was sie um dieses Schuldscheines willen hatte ertragen müssen. Auch Herrn Richards Brief mit der Anfrage, welche Bewandniß es mit Esthers Erzählung habe, folgte gleich darauf. Welch' eine Nachricht war das!
Frau von Ihlefeld überreichte Bertel Esthers Brief mit zitternder Hand, als dieser in das Zimmer trat. Die Thränen perlten über ihr bleiches Gesicht, und mit leiser Stimme sagte sie nichts als: »Lies, Bertel!« Dieser blickte seine Mutter überrascht an und durchflog Esthers Zeilen. Dann sank er auf einen Stuhl und bedeckte schweigend sein Gesicht mit den Händen. Auch Frau von Ihlefeld schwieg, aber sie weinte leise in ihr Tuch. Endlich stand sie auf, trat zu ihrem Sohne heran und legte ihre Arme um seinen Hals.
»Mein lieber, lieber Sohn!« sagte sie weich und küßte seine Stirn, auf der dicke Schweistropfen standen. Bertel aber erwiederte ihre Zärtlichkeit nicht, sondern ließ die Hände schlaff herabsinken und schaute düster vor sich nieder. »Rede doch, Bertel, sprich mit mir!« flehte die Mutter, aber Bertel hörte sie kaum. Es arbeitete furchtbar in seiner Brust; endlich stand er rasch auf und eilte zur Thüre. »Wo willst du hin, Bertel?« rief Frau von Ihlefeld angstvoll.
»Laß mich, Mutter, ich muß allein sein!« stöhnte er leise und schob die Mutter zur Seite. Dann stürzte er zum Zimmer hinaus.
Frau von Ihlefeld blickte ihm bestürzt nach, wie er schnellen Schrittes in den Wald hinein eilte. Dann aber nahm sie Esthers Brief und den des Herrn Richard und ging zu Frau Booland hinab. Diese staunte nicht wenig über den seltenen Besuch; denn seitdem Bertel mit Susanne verlobt war, hatte sich Frau von Ihlefeld mehr von ihr zurückgezogen und wieder ihren ehemaligen hochmüthigen Ton gegen sie angeschlagen. Und nun kam sie sogar zu ihr herab und hatte Thränen im Auge. Als dann aber Frau Booland Esthers Brief gelesen, da brachen die Wellen der Erregung über der alten treuen Pflegerin zusammen, und sie zitterte und flog wie ein Blatt im Winde, während sie weinend und schluchzend in ihren Stuhl zurücksank.
»O das Kind, das Kind!« stöhnte sie immerfort schluchzend, weiter aber konnte sie nichts hervor bringen. Frau von Ihlefeld versuchte, mit der erschütterten alten Frau zu reden; denn ihr Herz war ihr zum Zerspringen voll. Aber Frau Booland schwieg bei allen ihren Reden und schien sie kaum zu hören, und so verließ Jene nach einiger Zeit das Zimmer, müde der vergeblichen Versuche. »Sie wird wahrlich stumpf und alt,« murmelte Frau von Ihlefeld verdrießlich, »zu reden ist gar nicht mehr mit der armen Person.«
Frau Booland saß noch eine lange Weile still und in sich versunken am Fenster und schaute in das flammende Abendroth, das den Himmel in seltener Pracht überzog. Ihr Zimmerchen lag nach dem Walde hinaus, und die verschwindende Sonnengluth tauchte die Wipfel der Bäume in wundervolle Farbentöne. Die Abendluft zog weich und würzig zum Fenster herein und spielte um die faltige Stirn der Matrone, welche das weiße Haar mild und freundlich umrahmte. Ihr Auge schweifte wehmüthig in die Ferne, als wollte es den Raum durchdringen, der sie von ihrem lieben Kinde trennte. Banger und banger legte die Sehnsucht sich um ihr altes Herz, und endlich konnte sie es im Zimmer nicht länger aushalten. Dort drüben im Walde stand eine kleine Bank, da hatte sie so oft mit ihrer Esther gesessen, da zog es sie hin, als könnte sie ihren Liebling dort wieder finden, wie früher.
Als Frau Booland langsamen Schrittes in die Nähe dieser Lieblingsbank kam, sah sie, daß schon jemand dort saß. Ihre alten Augen konnten aus der Ferne nicht erkennen, wer es war, und so trat sie unbemerkt näher heran. Es war Bertel. Er hatte den Kopf in beide Hände gestützt und das Gesicht verhüllt und schien so in sich versunken, daß er die Herantretende nicht bemerkte, selbst als sie dicht vor ihm stand.