»Bertel, du bist's?« rief Frau Booland verwundert, und erschrocken fuhr der junge Mann bei dieser Anrede empor. Nun sah die alte Frau, daß Bertels Gesicht ganz verstört war und von Thränen überfluthet. Kaum erkannte er die vor ihm Stehende, als er laut weinend an ihre Brust sank.
»O Tante Booland, was hab' ich gethan!« rief er ganz außer sich und schluchzte wie ein Kind. Die große, stattliche Alte schlang ihre Arme fest und zärtlich um die schlanke Gestalt, als sei es wieder der kleine Bertel, den sie in früheren Jahren so oft beruhigt und getröstet, wenn ein kindliches Leid ihn zu ihr geführt. Liebevoll strich sie wie ehemals über sein weiches, blondes Haar und gab ihm sanfte Schmeichelworte, um ihn zu beruhigen. Bertel ließ sich alles gefallen; es war ihm ein Trost, sich an dieser treuen Brust ausweinen zu können. Frau Booland setzte sich endlich auf die Bank, und Bertel ließ sich neben ihr nieder, den Kopf immer noch an ihre breite Schulter lehnend, denn ihm war so wohl im Schutze dieser alten treuen Freundin. Die Alte sah bewegt in ihres Lieblings schönes Gesicht, und indem sie ihm die prachtvollen Haarlocken von der Stirn strich, die in wilder Unordnung darüber gefallen waren, sagte sie mild: »Nun, mein armer Junge, was quält dich denn so? Sprich dich doch aus, du weißt, ich meinte es immer gut mit dir.«
»Ja, ich weiß es!« rief Bertel und küßte die breite, derbe Hand, die so zärtlich um ihn bemüht war. »O Tante Booland, aber auch du kannst mir nicht mehr helfen, es ist ja zu spät. O mein Gott, mein Gott, welch' ein Thor bin ich gewesen, welch' ein verblendeter Narr!« Und in wildem Grimm ballte er die Hände und schlug sich damit vor die Stirn. Frau Booland schüttelte den Kopf, und die Hände ihm vom Gesicht herab ziehend sagte sie ernst: »Mit Klagen und Jammern hat noch nie jemand einen Grashalm bewegt, laß das jetzt, Bertel. Was bereust du denn und was erkennst du jetzt erst?«
»Was ich erkenne?« rief Bertel heftig, »daß ich nicht werth bin, Esther die Füße zu küssen! O was hat sie gethan, was ertragen für mich und um meinetwillen! O Tante Booland, sage mir nur das Eine, nicht wahr, Esther liebt mich?«
»Esther hat dich geliebt, seit ihr zusammen als kleine Kinder gespielt habt,« entgegnete Frau Booland und eine Thräne rollte über ihre gefurchte Wange.
»O das meine ich nicht, Tante,« rief Bertel, »nicht wie eine Schwester und nicht als mein lieber bester Kamerad, wie ich sie immer nannte. Ich meine, glaubst du, daß sie mich noch lieber hat, — o so lieb, wie ich sie habe? So unsäglich, so unaussprechlich lieb, daß ich für sie sterben könnte, wenn ich wüßte, sie würde glücklich dadurch!«
»Wie Bertel? Du liebst Esther, und doch willst du eine Andere heirathen?« sagte Frau Booland tief verletzt und blickte voll Erstaunen in Bertels erregtes Gesicht.
»O das ist ja eben das Entsetzliche!« rief Bertel in Verzweiflung und verhüllte wieder sein Gesicht. »Kannst du es denn glauben, daß mir soeben erst die Binde von den Augen gefallen ist? Daß es soeben erst, als ich Esthers Brief an meine Mutter gelesen, wie ein Blitz durch meine Seele ging und mir die Tiefen meines eigenen Herzens enthüllte? O niemand, niemand wohnt ja in diesem Herzen, als meine Esther, dies theure, geliebte Mädchen, die all' ihr Glück und all' ihre Ruhe hingegeben seit ich denken kann, nur damit ich glücklich sein konnte. O das muß ja Liebe sein, ja sie muß mich lieben! Und ich Thor habe diese Liebe hingenommen wie etwas, das sich von selbst versteht, o und jetzt, jetzt — habe ich ihre Liebe verrathen!«
Frau Booland saß schweigend neben dem unglücklichen Jüngling; denn auch sie wußte ja nicht zu rathen und zu helfen!
»Meine Mutter hat die Schuld!« sprach Bertel weiter. »Sie hat mir keine Ruhe gelassen, bis ich auf ihren Plan einging, und jetzt weiß ich erst, was es war, das mich zurückhielt und mir immer zurief: »Thu' es nicht, thu' es nicht!« Aber wenn eine Mutter bittet und fleht, dann giebt der Sohn doch endlich nach, ich wenigstens konnte nicht anders! Und ich deckte ja mir den Abgrund selbst zu mit so herrlichen Blumen, sagte mir immer wieder, welche Vortheile aus dieser Heirath entstehen würden, so daß ich wirklich zuletzt selbst daran glaubte. Aber jetzt ist mir die Binde von den Augen gerissen, und ich sehe erst ganz, was ich gethan! Mich selbst habe ich unglücklich gemacht, o und was noch viel tausend Mal schlimmer ist, auch Esther! Das ist der Dank für alle ihre Liebe, alle ihre jahrelangen Opfer! Und für wen opferte ich dieses herrliche Mädchen? Für eine leichtfertige, eitle Puppe, die mich ewig unglücklich machen wird und ich sie; denn wir werden nie zu einander passen, o nie, nie!«