»Aber mein Gott, Bertel, so sprichst du von deiner schönen Braut!« rief Frau Booland in höchstem Erstaunen.

»Ja, es ist nicht anders, ich sehe es mit jeder Stunde deutlicher, es war ein entsetzlicher Irrthum, mich mit ihr zu verloben!« sagte Bertel vor sich hin brütend. »Aber es ist einmal geschehen; meine Ehre verlangt, daß ich das Wort einlöse, das ich gegeben, denn ich gab es freiwillig. O es ist entsetzlich!«

Wieder brach Bertel unter der Last seines Jammers zusammen, und Frau Booland stützte sinnend den Kopf auf ihre Hand; ihre Lippen schlossen sich immer fester und energischer auf einander, und ihre Augen wurden immer lebendiger. »Bertel,« sagte sie endlich und legte ihre Hand auf des jungen Mannes Schulter, »höre mich einmal an. Ich bin eine alte Frau und habe auf der ganzen Welt kein anderes Glück, als das meiner Esther und auch deines, mein lieber Sohn. Was es mir für ein Kummer gewesen ist, als ich sah, wie man dich zu diesem Bunde zu bestimmen suchte, das hat der liebe Gott allein erfahren. Wußte ich ja doch, daß meiner Esther Glück und Leben damit zu Grunde ging. Denn Bertel, das sage ich dir jetzt: du magst Esther sehr lieb haben; aber was Esther für dich fühlt, davon hast du doch keine Idee. Die Liebe zu dir ist der Lebensodem des Kindes; nimm ihr diese, und du nimmst ihr auch das Leben, oder wenigstens das beste Theil davon; denn der schale Rest, der dann noch übrig bleibt, ist meine herrliche Esther nicht mehr. Aber auch dein Unglück geht mir nahe, mein armer Junge. Freilich hast du dein Wort gegeben, das ist richtig, und ehrenvoll wäre es nicht, nun zurückzutreten, gerade jetzt, wo du selbst Geld hast und das Ihre nicht mehr brauchst. Aber daß darum drei junge Herzen unglücklich werden sollen, — denn die arme kleine Susanne thut mir auch leid, sie ist ein gutes kleines Herze, für dich aber scheint sie freilich keine Frau zu sein, — ja, warum ihr alle zusammen unglücklich werden sollt, das sehe ich denn doch auch nicht ein. »Bist du es zufrieden, Bertel, wenn ich für dich eintrete, und die Sache in die Hand nehme? Ein leichtes Werk wird es wohl nicht sein, das sage ich mir; aber was wäre mir für meine Esther zu schwer? Und im schlimmsten Falle, wenn meine Versuche mißglücken, kräht kein Hahn darum, daß die alte Frau sich blamirt hat mit ihren Vorschlägen. Nun also, Bertel, sage, ist dir's recht, soll ich mein Heil versuchen?«

»Was willst du denn thun, Tante Booland?« sagte Bertel zerstreut und theilnahmlos.

»Das laß mein Geheimniß sein!« entgegnete die Alte aufstehend. »Wenn mein Plan gelingt, wirst du schon zufrieden sein, gelingt er nicht — nun dann ist's überhaupt einerlei. Aber deine Zustimmung muß ich haben, sonst kann ich nicht handeln. Willst du sie mir geben?«

»Meinetwegen alles, was du willst, Tante,« sagte der junge Mann trübe, »Hoffnung habe ich für mich keine mehr auf der Welt. Ich habe mein Glück mit eigenen Füßen zertreten, nun muß ich die Folgen tragen. O wenn nur sie nicht auch dadurch leiden müßte; das ist der Fluch, der mich zu Boden drückt!«

»Nur Muth und Gottvertrauen, mein Junge! Es wird vielleicht noch alles gut,« tröstete Frau Booland, noch einmal liebevoll über Bertels Backen streichend. Dann ging sie nach dem Hause zurück, setzte sich ihre Sonntagshaube auf und nahm ihr bestes Umschlagetuch um die Schultern. Mit ihren großen, festen Schritten durcheilte die rüstige Alte alsdann die Dorfstraße, und nach einiger Zeit betrat sie den Gutshof.

Die Sonne war bereits untergegangen, und matte Dämmerung lag auf Haus und Garten, als Frau Booland die breite Terrasse überschritt und den herbeieilenden Diener fragte, ob sie das gnädige Fräulein sprechen könne. Fräulein Susanne war im Garten, die übrige Herrschaft jedoch ausgefahren. Frau Booland sagte, sie wolle das Fräulein selbst aufsuchen, und so durchwanderte sie den schon leise dunkelnden Park, bis sie endlich Susannes helles Kleid erblickte, das rasch hier und dort zwischen dem Gebüsch auftauchte. Fröhliches Gelächter und Gekreisch drang bis zu Frau Booland, welche lauschend näher trat.

Nun sah sie, wie sich die leichte Gestalt Susannes soeben auf einem niedern Baumstamme schaukelte, während über ihr auf einem Zweige ein bunter Papagei saß und heftig kreischend mit den Flügeln schlug. Mit dem Schnabel hackte er wüthend in die Schnur, die um seinen Fuß geschlungen war und welche Susanne in ihrer Hand hielt. Das Geschrei und der Aerger des Vogels schienen des jungen Mädchens Heiterkeit immer mehr zu erregen, und sie rief lustig, indem sie die Schnur bald fester, bald loser hielt: »Peterchen, Papchen, kleiner Trotzkopf, ärgere dich doch nicht so, los lasse ich dich doch nicht. Mußt auch fühlen, wie's thut, einen Faden um's Bein zu haben, an dem immerfort gezogen und gezerrt wird; 's ist abscheulich, nicht wahr, Papchen? O ganz abscheulich!« Und wieder zerrte sie und lachte und schwang sich auf dem Aste hin und her, während der Papagei aus Leibeskräften schrie und flatterte.