Frau Booland sah dem kindischen Treiben still eine Weile zu und hatte dabei ihre Gedanken. »So, die Schnur drückt dich also ganz abscheulich, mein Püppchen?« sagte sie leise und runzelte die Stirn. »Denkst wohl, ich weiß nicht, welche Fessel du meinst? Und das ist ein Gegenstand zu Possen und Vergnügen? Armer Bertel, gut, daß du es nicht siehst! Nein, nein, das ist nichts für meinen ernsten, lieben Jungen; dies Kind paßt für ihn sicherlich nicht, das glaube ich gern.«
Dann aber schlug sie das Gebüsch zurück und trat auf Susanne zu. »Guten Abend, Fräulein Susanne!« sagte sie mit einem höflichen Knix und ging noch näher auf das junge Mädchen zu. Diese sprang rasch von ihrem schwankenden Sitze herab und riß dabei auch den Papagei von seinem Zweige nieder, der nun kreischend auf ihre Schulter flog und sich dort lebhaft hin und her schaukelte. Susanne lachte laut auf, und indem sie Frau Booland die Hand zum Gruß reichte, rief sie fröhlich: »Gut, daß jemand kommt, mich besser zu unterhalten, als mein dummer Peter. Er will absolut nicht sprechen lernen, ich mag mich noch so viel mit ihm quälen. Er ist gerade so dumm als ich, ich spiele auch lieber, als daß ich lerne.«
»Fräulein Susanne,« sagte Frau Booland jetzt höflich, »hätten Sie wohl ein halbes Stündchen Zeit für mich übrig? Ich möchte gern etwas mit Ihnen sprechen.«
»Ach mein Gott, doch nichts Ernsthaftes?« rief Susanne in komischem Schrecken. »Sie machen ein so feierliches Gesicht, liebe gute Tante Booland, Bertel schickt Sie doch nicht etwa, um mich auszuschelten? Ach lieber Gott, ich bin den ganzen Tag in Angst, daß ich wieder etwas Dummes oder Kindisches gemacht habe. Bertel ist so furchtbar streng, gerade wie unser alter Schulmeister drüben in der Dorfschule, vor dem die Kinder auch solche Furcht haben. Liebe, einzige Tante Booland, sagen Sie doch nur, wollen Sie mich wirklich schelten?«
»Nein, nein, Fräulein Susanne,« lächelte die Alte, »das fällt mir nicht ein. Setzen Sie Ihren Papagei dort auf den Baum, daß er uns nicht mit seinem Geschrei stört, und dann kommen Sie ein Bischen drüben in die Laube; ich habe eine Geschichte, die ich Ihnen erzählen will, das freut Sie ja immer so, nicht wahr, Kindchen?«
»Ach ja, ja, das ist reizend von Ihnen, Tante Booland!« rief das junge Mädchen und hob den Papagei auf den nächsten Baum, wo sie ihn mit der Schnur festband, indem sie noch mehrmals kosend mit der Hand über seinen Kopf und Rücken fuhr. »So Papchen, nun langweile dich nicht zu sehr,« sagte sie dann fortgehend und nickte dem Vogel noch einmal freundlich zu, dann hing sie sich an Frau Boolands Arm und folgte dieser in die nahestehende Laube. Hier war es schon ziemlich dunkel; aber da plaudert es sich am Besten, sagte Susanne und rückte dicht an die Alte heran, für welche sie eine ganz besondere Zuneigung gefaßt hatte. Frau Booland war jederzeit freundlich, gefällig und nachsichtig gegen das harmlose Kind gewesen und wußte ihr immer allerlei Neues oder auch Altes zu erzählen, was der heiteren Susanne Spaß machte. Heut nun war es freilich keine fröhliche Erzählung, welche die Alte für Susanne bereit hielt. Aber doch hörte diese still zu, ganz gegen ihre Gewohnheit, obwohl Frau Booland lange und ernst sprach, und endlich klang es sogar, wie leises Weinen aus dem Innern der Laube. Aber die Dunkelheit verhinderte zu erkennen, aus wessen Augen die Thränen flossen. Nach langer Zeit traten die beiden Gestalten in den dunkeln Laubgang heraus, die Hände fest in einander geschlungen. Die Alte küßte dann rasch die schöne weiße Stirn des jungen Mädchens und eilte davon, Susanne aber ging zu ihrem Vogel und nahm ohne ihr gewöhnliches Scherzen und Lachen den schreienden Papagei auf die Hand. »Wir wollen die Fessel lösen, nicht wahr, mein Papchen?« sagte sie unterwegs zu dem Vogel, indem sie die Schnur von seinem Fuße knüpfte und ihn streichelte. Still kehrte sie dann in das Haus zurück. Hier setzte sie sich sogleich an ihren Schreibtisch, ergriff Feder und Papier und schrieb folgenden Brief:
»Liebe Esther!
Sie müssen mir schon erlauben, daß ich Sie so nenne, wie wir Alle es hier thun, obwohl Sie uns nicht kennen. Wir aber kennen Sie sehr gut, und besonders ich habe mir so viel von Ihnen erzählen lassen, daß mir ist, als sähe ich Sie vor mir. Daß ich jedoch einen Brief an Sie schreibe, liebe Esther, hat heute einen ganz besonderen Grund; eigentlich bin ich ein sehr faules Mädchen, dem Briefeschreiben eine große Last ist. Ich habe nämlich eine sehr, sehr große Bitte an Sie. Liebe, gute Esther, aber Sie müssen mir nicht böse sein — bitte, bitte, heirathen Sie doch Bertel an meiner Stelle! — Wissen Sie, liebe Esther, ich bin ein gar zu dummes, kindisches, kleines Mädchen, über das sich der kluge Bertel seit den wenigen Tagen unserer geheimen Verlobung schon so sehr viel geärgert hat, und ich kann doch wirklich nichts dafür. Wir hätten uns lieber gar nicht mit einander verloben sollen; denn wenn ich Ihnen ganz heimlich etwas sagen darf, (aber verrathen Sie es nicht!) ich fürchte mich vor dem gelehrten, ernsthaften Bertel! Und das ist doch gar nicht hübsch; denn ich traue mich gar nicht mehr zu lachen und vergnügt zu sein, weil Bertel dann immer schilt. Er ist der einzige Mensch, dem ich nicht gefalle, und das ist doch zu ärgerlich für mich! Ich weiß gar nicht, warum Papa es so gern wollte, daß ich Bertels Braut werden sollte, für einen gelehrten Mann passe ich doch gar nicht. Mir gefällt ein hübscher Officier viel tausendmal besser, und der junge Graf Redern, der immer so liebenswürdig zu mir ist und so fröhlich mit mir lacht, sieht viel prächtiger aus in seiner glänzenden Uniform und dem schwarzen Schnurrbart, als Bertel in seinem dunklen Röckchen, obwohl Bertel zehn Mal schöner ist als er. Sehen Sie, liebe, gute Esther, Sie sind so furchtbar klug und gelehrt, Sie gefallen Bertel hundert tausend Mal besser, als ich kleines Gänschen, und Sie haben ihn ja auch so sehr lieb, sonst hätten Sie gewiß nicht alles das für ihn gethan und ertragen, was Tante Booland mir erzählt hat. Ich weiß, Bertel möchte mich jetzt so gern wieder los sein, und mir wäre es auch viel lieber, er heirathete eine Andere, als mich. Ich werde ihm das sagen, sobald er zu mir kommt, und dann müßt Ihr Beide ein Paar werden. O wie ich mich darauf freue! Und nicht wahr, liebe Esther, wir werden dann recht gute Freunde? Denn wenn ich Sie nicht jetzt schon so lieb hätte, gönnte ich Ihnen meinen lieben, schönen, klugen Bertel doch nicht! Kommen Sie recht recht bald zu uns Allen, es erwartet Sie mit offenen Armen
Ihre Susanne.
P. S. Ich habe gehört, daß Sie tief brünett sind, das paßt herrlich zu dem blonden Bertel! Ich meine, ein blonder Mann muß immer eine brünette Frau haben und umgekehrt. Ich bin ein Blondkopf, also? — —«
Nun siegelte das junge Mädchen den Brief rasch, schrieb die Adresse darauf und steckte ihn in die Postmappe, welche jeden Abend nach der nächsten Poststation getragen wurde. Als sie dies Geschäft beendet, seufzte sie tief auf, strich sich die blonden Löckchen aus der Stirn, die bei der ungewohnten Anstrengung herabgefallen waren, und sah in den Mond, der eben über den Bäumen des Parkes heraufstieg. Aber ihre Gedanken wurden schnell durch das Rollen eines Wagens abgezogen. Herr von Sassen und seine Cousine kehrten zurück. Susanne lauschte, bis ihr Vater in seinem Zimmer war, dann trippelte sie eilig zu ihm. Als sie bei ihm eintrat, nahm sie eine sehr ernsthafte Miene an, und indem sie ihre zierliche kleine Figur so hoch aufrichtete, als ihr überhaupt möglich war, stellte sie sich vor ihren Vater.