»Papa, ich habe etwas sehr Ernsthaftes mit dir zu sprechen!« sagte sie feierlich und zog das weiche Kindergesichtchen in ernste Falten.
»Wie? Etwas Ernsthaftes, meine lustige, kleine Lachtaube?« sagte Herr von Sassen fröhlich. »Da bin ich aber wirklich neugierig zu hören, was das sein mag.« Dabei nahm er den Lockenkopf seines hübschen Töchterchens zwischen beide Hände und sah ihr lustig in die braunen Rehaugen. Susanne entzog sich aber den Liebkosungen des Vaters und sagte schmollend: »Papa, du denkst immer, ich kann niemals ernsthaft sein. Aber ich bin wirklich kein kleines Kind mehr, und damit du siehst, ich kann auch einmal etwas ganz Ernsthaftes denken, so will ich dir nur sagen, daß ich mir überlegt habe, ich will Bertel lieber nicht heirathen.«
Herr von Sassen fuhr überrascht auf. »Und das nennst du ernsthaft sprechen, kleine Suse?« lachte er, blickte dabei aber sein Töchterchen doch etwas schärfer an; denn sie sah allerdings nicht aus, als scherze sie. Sie stand mit gesenkten Augen vor ihm, und als sie dieselben aufschlug, waren sie voll Thränen.
»Suschen, mein Herzenskind, was ist denn vorgefallen?« rief Herr von Sassen erschrocken; denn Thränen in des fröhlichen Kindes Augen, das war etwas ganz Unerhörtes. Susanne fiel dem Vater plötzlich um den Hals, und ihr blondes Köpfchen in den dunklen Vollbart desselben schmiegend schluchzte sie bitterlich.
»O Papa, Papa!« rief sie endlich flehend, »erlaube doch nur, daß ich Bertel nicht heirathe! Wir Beiden passen wirklich nicht zusammen. Wenn du deine kleine Susanne lieb hast, Papa, zwinge mich nicht, und sei mein guter, lieber kleiner Papa, der du immer gewesen bist!«
Und nun schlang sie ihre vollen weichen Arme von Neuem zärtlich um seinen Hals und küßte seinen Mund und seine Augen so stürmisch, daß er gar nicht im Stande war, sogleich zu antworten. Endlich aber machte er sich frei und blickte sein Kind kopfschüttelnd an.
»Ich begreife dich nicht, Susanne,« sagte er ernst. »Den braven, schönen Bertel, auf den jedes Mädchen stolz sein würde, willst du nicht haben? Ich denke, du bist die glücklichste Braut unter der Sonne? Aus euch Mädchen werde ein Anderer klug! Und das jetzt so wie aus der Pistole geschossen? Weiß denn Bertel, daß du andern Sinnes geworden bist? Wie kränkend ist das für ihn. Und ich freute mich so, einen so ausgezeichneten Schwiegersohn zu bekommen. Ich begreife dich wirklich nicht, Susanne.«
Das junge Mädchen zog den Vater zum Sopha, und sich dicht an ihn schmiegend sagte sie leise: »Papa, komm, ich will dir alles erzählen!« Und dann legte sie ihren Kopf an seine Schulter, nahm seine große Hand zärtlich zwischen ihre kleinen, feinen Fingerchen und erzählte ihm die Geschichte, die sie soeben in der dunklen Laube im Garten gehört hatte.
Als sie zu Ende war, saß Herr von Sassen noch eine lange Weile schweigend neben seiner Tochter. Endlich küßte er ihre Stirn und sagte sanft: »Und du, kleine Susanne, an dich selbst denkst du gar nicht dabei?«