»O Papa,« rief das junge Mädchen lebhaft, »an mich denke ich wohl. Soll ich es dir gestehen? Mir ist zu Muthe, wie meinem Papagei vorhin. Nachdem ich die Schnur abgelöst, die ich um sein Bein gebunden, um ihn fest zu halten, schlug er fröhlich mit den Flügeln und war so vergnügt, wieder frei zu sein. Mich hat meine Fessel schon in den paar Tagen so gedrückt, daß ich gar nicht mehr recht lustig sein konnte. Bertel ist so schön und gut, das ist wahr; aber er ist dabei so furchtbar klug und gelehrt — und das Papa, das paßt nicht für mich, und ich passe nicht für ihn. Es ist mir ein wahrer Trost, daß ich es jetzt weiß, er wird froh sein, wenn ich ihm sein Wort zurückgebe. Nun kann ich doch auch wieder lachen und jubeln wie früher, ich glaube, bei Bertel hätte ich das ganz und gar verlernt.«

»Wenn es so steht, mein Kind, und nicht der Edelmuth allein dich bestimmt, so ist es freilich besser, wir lösen das Band,« sagte Herr von Sassen ernst, Susanne aber blickte ihn lachend an und rief: »Nein Papa, zu einer Tugendheldin ist deine kleine Suse verdorben. Hätte ich Bertel wirklich lieb, so wie ich denke, daß man seinen Bräutigam lieb haben muß, dann hätten tausend Esthers kommen können, ich wäre nicht zurückgetreten.«

»Ich will gleich einige Worte an Bertel schreiben, das sind wir ihm schuldig,« sagte Herr von Sassen aufstehend.

»Ja, ja, thue das, Papa,« rief Susanne und küßte den Vater noch einmal herzlich, dann hüpfte sie fröhlich trällernd zur Thür hinaus. Herr von Sassen blickte ihr sinnend nach, dann stützte er den Kopf in die Hand und seufzte. »Sie mag recht haben, dies Kind ist nicht für Hubert geschaffen,« sagte er traurig. »Mir geht es an das Herz, diesen lieben Jungen nicht Sohn nennen zu können, sie jubelt und singt, daß sie ihn los ist. O ihr Mädchen, was seid ihr für ein wunderlich Volk!« Dann griff er zur Feder und schrieb:

»Lieber Hubert!

Soeben macht mir meine kleine Susanne das Geständniß, daß sie trotz aller Liebe und Bewunderung, die sie für Dich hege, doch nicht deine Frau werden wolle und mich bitte, Dir das mitzutheilen. Sie behauptet, Ihr Beiden paßtet nicht für einander, und da ich mein einzig Kind nicht zu einem Bunde zwingen will, dem ihr Herz widerspricht, so bitte ich Dich, sie frei zu geben. Ein inniger Wunsch meines Herzens geht freilich damit zu Grabe; denn ich hätte Dich so gern meinen Sohn genannt! Aber, lieber Bertel, wenn auch meine wunderliche kleine Tochter anderen Sinnes geworden ist, mir wirst Du immer so lieb sein und bleiben, als wärest Du mein Sohn. Sieh' auch ferner noch mein Haus als das Deine an, und wie sich auch Deine Zukunft gestalten möge, Du wirst jederzeit einen treuen, väterlichen Freund besitzen in

Deinem Adolph von Sassen

Diesen Brief in der Hand stürzte Hubert in das Zimmer seiner alten Freundin, Frau Booland.

»Das ist dein Werk, Du Zauberin, sieh' hier!« rief er und warf das Blatt Papier der Alten in den Schooß; dann umschlang er sie mit beiden Armen und erdrückte sie fast vor ungestümer Freude.

»Ich bin ja frei, Tante, frei wie der Vogel in der Luft. O Dank, Dank! Nicht wahr, du bist es, die mich gerettet hat?«

Die Alte schob den Ungestümen sanft von sich, um den Brief zu lesen, der so verhängnißvolle Worte enthielt. Dann nickte sie mit dem Kopfe und sagte bewegt: »Braves, liebes Kind! Sie hätte es sicher auch gethan, selbst wenn sie dich lieb gehabt hätte! O Bertel, dies liebe Herz ist besser als du denkst! In diesem leichtherzigen, sorglosen Kinde ruht ein tief gefühlvolles, edles Gemüth. Du hast sie nicht geliebt, sonst hättest du den Schatz wohl erkannt, und sie hätte sich an deiner Seite herrlich entwickelt; Gott gebe ihr ein anderes Herz, das es versteht, sie glücklich zu machen; denn wahrlich sie verdient es!«

Nun hatten die Beiden noch eine lange Unterredung, und die Folge derselben war ein äußerst geschäftiges Kramen und Gehen und Bedenken von Seiten unserer guten alten Dame Booland, die einen riesenhaften Entschluß gefaßt hatte. Am andern Morgen wanderte sie schon in früher Stunde eilig durch das Dorf, dem Pfarrhause zu, um ihrer lieben Pastorin das volle Herz auszuschütten, während Hubert indessen eine wichtige Zwischensprache mit seiner Mutter hielt. Frau von Ihlefelds Herz hatten in der ganzen letztvergangenen Zeit tausend widerstreitende Gefühle und Gedanken bestürmt; denn wenn bisher einerseits ihr sehnlichstes Wünschen und Hoffen dahin gerichtet war, ihrem Sohne durch die Verbindung mit der Familie von Sassen den Weg zu Reichthum und Wohlbehagen zu bahnen, so fühlte sie andererseits doch gar wohl, welches Unrecht sie dadurch an der großherzigen Esther beging, und mit welchem Undank sie die Opfer dieses edlen Mädchens lohnte, deren Liebe zu Bertel ihrem scharfsichtigen Frauenauge nicht entgangen war. Aber Hubert schien Esther nicht zu lieben, sonst hätte er sich schwerlich den Bitten seiner Mutter gefügt. Das war für Frau von Ihlefeld eine große Beruhigung; jetzt mußte man suchen, sich Esther auf irgend eine Weise dankbar zu erzeigen für alles, was sie gethan hatte. Die Mittel dazu mußten sich finden, es konnte nicht allzu schwer sein; denn Esther war ja ein einfaches, anspruchsloses Mädchen. Aber als jetzt nach Ankunft von Esthers letztem Briefe ihr Sohn so aufgeregt davon stürmte, da schlug auch Frau von Ihlefelds Herz unruhiger. Was hatte Bertels Gemüth so heftig bewegt, als er diesen Brief las? Ahnte er Esthers Liebe zu ihm, die ja nicht mehr zu verkennen war? Jetzt aber war ja die Brücke abgebrochen, an Esther durfte er nicht mehr denken! Wie gut, daß dieser Brief erst jetzt kam, nachdem alles fertig und Bertels Zukunft gesichert war; wäre er früher gekommen, Hubert wäre schwerlich auf ihre Pläne eingegangen! Während Frau von Ihlefeld noch ihren Gedanken nachhing, trat ihr Sohn mit dem Briefe Herrn von Sassens zu ihr, freilich ohne zu gestehen, wer diese Wandlung in Susannes Seele hervorgerufen. Da aber erwachte der ganze Stolz in dem Herzen der noch immer vornehmen Frau; zornig fuhr sie auf und rief heftig: »Wie? Das bietet man uns? O wahrlich, in früheren Tagen hätte man das nicht gewagt! Erst weiß man nicht Wege genug, dich heran zu ziehen, und jetzt wirft man dich wieder fort, wie ein Spielzeug, das der albernen kleinen Prinzessin nicht mehr gefällt! Und der schwache Vater leidet solche Thorheit? O sie ist deiner gar nicht werth, das leichtsinnige Ding! Dich so zu behandeln, es ist ja empörend. Gut denn, laß sie laufen, sie verdient es nicht besser! Gott sei Dank, wir haben jetzt nicht mehr nöthig, durch andere unsre Lage zu verbessern. Wenn es auch kein großes Vermögen ist, das wir erhalten, so genügt es doch, bis du einmal eine Anstellung bekommst. Und weißt du, was du jetzt thun solltest, Bertel, gerade um der hochmüthigen Susanne zu zeigen, daß du dir aus ihrem Korbe nichts machst? Verlobe dich mit unserer Esther! Sie liebt dich, dessen bin ich sicher, und wenn ich es recht bedenke, kannst du eigentlich nie ein Mädchen finden, das besser zu dir paßt. Freilich, sie ist nur ein Bürgerkind, und unser alter Adel wird arg dadurch geschädigt; — aber lieber Gott, wir sind dem guten Mädchen doch sehr viel Dank schuldig, und sie wird dich und mich sicher stets mehr in Ehren halten, als es jene leichtfertige Susanne gethan hätte.«