Hubert hatte seine Mutter ruhig ausreden lassen; denn das Herz war ihm so übervoll, daß er jeden Augenblick in Gefahr war, sein Geheimniß zu verrathen. Seine Mutter aber durfte nicht ahnen, daß er selbst die Hand zu dem Bruche mit Susanne geboten, sie hätte ihm das nie vergeben. Rastlos schritt er während ihrer Rede in dem kleinen Zimmer auf und nieder. Als aber Frau von Ihlefeld von dem neuen Verlobungsplane sprach, da trat er rasch an das Fenster, seine Bewegung zu verbergen. So freudig überrascht er auch war, von seiner Mutter selbst eine Aufforderung zu erhalten, von der er sich gefürchtet hatte, ihr zu sprechen, so verletzte es ihn doch, daß sie glauben konnte, sein Herz sei so rascher Wandelung fähig. Wie, wenn er nun Susanne wirklich geliebt hätte, wie sie geglaubt? Konnte er dann augenblicklich eine Andere an ihre Stelle setzen? Und seine Mutter gestand jetzt, sie habe gewußt, daß Esther ihn liebte; trotz alledem überredete sie ihn zu der Verbindung mit Susanne! In Huberts Seele stritten tausend Gedanken mit einander, und er fühlte, daß sein Herz mehr und mehr von bittren Gefühlen gegen seine Mutter erfüllt wurde, in deren Händen er wie Wachs bald so bald so geformt werden sollte, gerade wie es ihren Zwecken entsprach. Aber endlich verwandelte sich diese Bitterkeit in Zorn gegen sein eigenes, schwaches Gemüth, das diesen Anmuthungen so wenig eigene Willenskraft entgegengesetzt hatte. Seine Mutter, so wenig er auch deren Handlungsweise billigen konnte, war doch nur durch die Liebe zu ihrem Sohne dazu getrieben worden; ihr durfte er nicht zürnen. So gab er denn keinem jener bittern Gedanken Worte, sondern sich zu seiner Mutter wendend, sagte er weich: »Liebe Mutter, es ist mir lieb, daß Susanne mir ihr Wort zurückgegeben. Ich hätte sie nie glücklich machen können; denn seit der Ankunft von Esthers Brief weiß ich erst, wie sehr ich Esther liebe und immer geliebt habe. Ich danke Gott für diese Lösung, und ich bin glücklich, daß dein Wunsch mit dem meinen zusammentrifft. Eine bessere Tochter, als Esther könnte ich dir nie zuführen.« Dann küßte Hubert mit Innigkeit seiner Mutter, die ihn betroffen anblickte, die Hand; aber Beide schwiegen, denn sie fühlten wohl, daß es besser sei, alles Weitere unerörtert zu lassen.

Frau von Ihlefeld wandte das Gespräch auf den Brief, den sie soeben im Begriff war, sowohl an Esther, als auch an Herrn Richard zu schreiben, um Esther aus der peinlichen Situation zu erlösen, in welcher das brave Kind sich befand.

»Nur an Herrn Richard schreibe sogleich, liebe Mutter; alles andere übernehme ich selbst,« sagte Hubert freudig erröthend. »Morgen früh reise ich selbst zu Esther.«

Frau von Ihlefeld blickte erstaunt auf ihren Sohn, dessen rasches entschlossenes Wesen ihr etwas ganz Neues war. Sein Gesicht war plötzlich so strahlend schön geworden, von Wonne und Glückseligkeit, daß sie ihr Auge fast erschrocken auf ihm ruhen ließ; denn jetzt erst erkannte sie, was in ihrem Sohne vorging. »Bertel, mein liebes, theures Kind!« rief sie unwillkürlich und streckte ihm die Arme entgegen, und mit dem jubelnden Ruf: »O meine Mutter!« hielt der Sohn seine Mutter umschlungen.

Für Esther war indessen die Zeit mit bleiernem Flügelschlage dahingeflogen. Ein unsägliches Weh erfüllte ihre Brust; sie hätte sich am liebsten nieder gelegt, um nie wieder aufzustehen; denn was sollte sie noch hier auf Erden, wo Glück und Freude für sie verschwunden waren. Müde und gleichgültig saß sie eines Abends am Fenster ihres Zimmerchens und schaute in die fast unheimliche Gluth, welche die sinkende Sonne über Himmel und Meer verbreitete, als solle die ganze Erde von dem glühenden Feuer verzehrt werden. Endlich verblichen die brennenden Tinten; kalte Abendschatten legten sich über Land und Meer, und der Zauber von Licht und Glanz, der soeben noch die Welt in wonniger Pracht erstrahlen ließ, er war geschwunden; graue Nebel stiegen empor, und erloschen war aller Reiz und alle Schönheit.

»Wie mein Leben!« seufzte Esther, die trüben Blicke über das Meer hinübersendend. »Seine Liebe war die Sonne, in deren goldnem Scheine mein armes Leben in wunderbarer Herrlichkeit lachte — nun ist meine Sonne erloschen, mein Leben todt und reizlos und von grauen Nebeln umhüllt!«

Sie legte ihren Kopf gegen die kalten Scheiben des Fensters, denn ihre Stirn brannte und suchte Kühlung. Da wurde an die Thür geklopft. »Ein Brief, mein Fräulein!« Hastig griff Esther nach demselben. Er war auf der Heimath, aber die Schrift kannte sie nicht. Mit fliegender Hand riß sie ihn auf; es war Susannes Brief.

Als Esther das Schreiben gelesen, strich sie langsam über ihre Stirn. War es denn Wirklichkeit, was sie soeben durchlebte, oder trieben muthwillige Träume ihr Spiel mit ihr? Sie trat näher an das Fenster, den Brief noch einmal zu lesen; aber ihr armer Kopf, der in den letzten Tagen so Furchtbares durchdacht und durchkämpft, schwindelte heftig, und die Buchstaben schwammen durch einander. Esther zündete Licht an, ging einige Male im Zimmer auf und nieder, um sich zu sammeln, und dann setzte sie sich still in den Lehnstuhl, den Brief noch einmal ruhig zu lesen. Während ihre Augen diese Zeilen jetzt von Neuem durcheilten, flog mehrere Male ein Lächeln über ihre Züge, und endlich schüttelte sie wehmüthig den Kopf. »Liebes, herziges Kind,« seufzte sie leise, »du ahnst nicht, was deine Worte mir für Schmerzen bereiten! Gott, mein Gott, was heißt das alles nur? Sie weiß von meiner Liebe zu Bertel, die mir bis vor Kurzem selbst noch ein Geheimniß war? Sollte Tante Booland mit ihr davon gesprochen haben? aber ich selbst habe ja nie etwas gesagt, das sie dazu berechtigte, und diese treue Seele würde mein heiligstes Geheimniß doch nicht preisgeben. Und wem preisgeben! Der Braut dessen, den ich liebe. O nein, nein, das ist unmöglich. Aber woher sonst sollte Susanne es wissen? Und Bertel? O wenn er dieses holde, kleine Geschöpf wirklich liebt, wie trostlos muß er sein, daß sie ihm sein Wort zurückgiebt und den Bund wieder löst, der ihn so zu beglücken schien. In welches Wirrsal stürzt mich dieser kindische Brief! Und dabei keine Nachricht von den Meinen! Jetzt könnte doch nun Antwort hier sein; warum schreibt nur niemand?

Es war für Esther eine traurige Nacht, welche der Ankunft dieses Briefes folgte. Schlaflos wälzte sie sich auf ihrem Lager umher, und tausend Gedanken durchkreuzten ihren heißen, schmerzenden Kopf. Hoffnung, Liebe und Zuversicht kämpften mit Schmerz und Zweifeln, und erst der heraufdämmernde Morgen brachte ihr Schlaf und Ruhe. Sie schlief schwer und tief viele Stunden lang; es war als ob ihr erschöpfter Körper Kräfte sammeln wollte für die bevorstehenden Wonnetage, welche leise und sonnig, aber ungeahnt fern am Horizonte heraufzogen.