Die Sonne stand schon hoch im Mittag, als Esther erwachte. Ueberrascht fuhr sie empor und rieb sich die Augen; ihr war, als hätte sich etwas Besonderes zugetragen, aber lange konnte sie keinen klaren Gedanken fassen. Ein Klopfen an der Thür schreckte sie auf. Hastig sprang sie empor und öffnete. Es war die Hauswirthin, welche ihr mittheilte, ein Herr habe vor einiger Zeit nach ihr gefragt, da Mademoiselle aber auf öfteres Klopfen nicht geantwortet, so sei der Herr wieder fortgegangen mit dem Versprechen, in einigen Stunden wieder vorzufragen.

Esther forschte nach dem Aeußeren des Fremden, und aus der Beschreibung schien ihr hervorzugehen, daß Herr Richard sie besucht habe. Ihr Herz schlug stürmisch. Schnell kleidete sie sich an, und kaum war sie fertig, da sah sie wirklich Herrn Richard auf das Haus zuschreiten und gleich darauf bei ihr eintreten.

»Mein Fräulein,« sagte der Kaufmann, indem er zögernd an der Thür stehen blieb, »darf ich es wagen, Sie aufzusuchen, nachdem Sie neulich so tief beleidigt von mir schieden? Ich komme, Sie um Verzeihung zu bitten, daß ich Sie so bitter kränkte. Aber die Umstände, unter denen ich Sie kennen lernte, müssen mein Betragen gegen Sie entschuldigen; ich kann jetzt eben nichts weiter thun, als die Bitte an Sie richten: Verzeihen Sie mir, denn ich kannte Sie nicht.«

»Warum sind Sie jetzt andrer Meinung geworden, mein Herr?« fragte Esther mit leise zitternder Stimme, ohne jedoch ihrem Gaste einen Schritt entgegen zu treten.

»Hier diese Zeilen sagen mir, welches edle Herz ich beleidigt und gekränkt habe!« rief Herr Richard und hielt dem jungen Mädchen einen Brief hin. Esther trat jetzt schnell näher und erkannte Frau von Ihlefelds Handschrift.

»Frau von Ihlefeld hat Ihnen geschrieben, mein Herr?« sagte sie hoch erröthend. »Sind Sie angewiesen, mir das Geld zu übergeben?«

»Wenn ich recht verstehe, so wird Herr von Ihlefeld in diesen Tagen selbst kommen, die Schuld einzufordern,« entgegnete Herr Richard sorglos, erschrak aber über die Wirkung, welche diese Worte hervorbrachten.

»Selbst? Er will selbst kommen?« stammelte Esther erbleichend, und plötzlich vergingen ihr die Sinne. Mit einem leisen Stöhnen sank sie zusammen, und fiel dem rasch zuspringenden Herrn Richard bewußtlos in die Arme.

Als sie sich endlich erholte, blickte sie scheu und erschrocken um sich; bald aber war sie wieder das starke Mädchen, und hörte jetzt ruhig an, was Herr Richard ihr mitzutheilen hatte. Dieser erzählte nun, daß Frau von Ihlefeld ihm geschrieben, Esther Wieburg sei der gute Engel ihres Hauses; was sie für ihren Sohn und sie selbst gethan, könne nur Gott dem edlen Kinde vergelten, und wer ihr wehe thue, kränke ein Herz, das immer nur für das Glück Anderer geschlagen.