»Und ich habe dies Herz so tief gekränkt!« schloß Herr Richard, der erglühenden Esther herabhängende Hand an seine Lippen führend. »Sagen Sie mir, Fräulein Esther, wollen Sie mir verzeihen?«
Das junge Mädchen blickte ernst vor sich hin. »Sie kannten mich ja nicht, Herr Richard,« sagte sie sanft, »und ich glaube, es war sehr thöricht von mir, jene Forderung ohne Beweisgründe an Sie zu stellen. Es mag in der Welt wohl so viel schlechte Menschen geben, daß man sich vorsehen muß. Lassen wir das jetzt. Mein Zürnen war vielleicht ganz ungerecht; Sie konnten wohl kaum anders handeln, als Sie gethan, das sehe ich mehr und mehr ein, da ich ruhiger darüber nachgedacht habe. Aber nun lesen Sie mir die Worte vor, die Sie zu der Vermuthung veranlassen, Hubert werde selbst kommen.«
Herr Richard faltete den Brief und überlas ihn schnell. »Hier ist's,« sagte er dann und las: »Was nun die Geldsumme betrifft, von welcher der Schuldschein meines Vetters spricht, so soll diese Sache der braven Esther keine Mühe mehr verursachen. Mein Sohn wird selbst....« In diesem Augenblicke aber hörte man eine Stimme in dem Hausflur. Esther stieß einen lauten Schrei aus und sprang empor; aber ihre Füße zitterten so heftig, daß sie kraftlos auf ihren Sitz zurückfiel. Da hörte man rasche Schritte; die Thür flog auf, und Bertel stand in dem Zimmer. »Esther!« rief er jubelnd und in demselben Augenblicke lag das geliebte Mädchen an seiner Brust.
Lange fanden die beiden glücklichen Menschen kein Wort für das Entzücken ihres Herzens. Esther war so erschüttert von diesem plötzlichem Wiedersehen, daß sie kraftlos und weinend in ihres Freundes Armen lag, der ihren lieben Kopf zärtlich küßte und immer von Neuem an seine Brust drückte. Die süßesten Schmeichelnamen, wie sie nie über seine Lippen gekommen, flüsterte er dem vor Freude erbebenden Mädchen in das Ohr, und endlich erhob diese unter Thränen lächelnd ihr Gesicht. Nie hatte Bertel bis jetzt so zu ihr gesprochen, nie hatte sie noch an seiner Brust gelegen wie jetzt, und noch nie war sie ihm gegenüber so schwach und weichmüthig gewesen.
»Verzeih' mir, Bertel; die Freude, Dich wiederzusehen, macht mich ganz hinfällig!« sagte sie, die Thränen aus den Augen trocknend. Dann schrak sie plötzlich etwas zusammen, machte sich aus Huberts Armen los und flüsterte, sich verlegen umschauend: »Aber wir sind ja nicht allein, erlaube daß ich dir Herrn Richard....«
Doch kein Herr Richard war mehr in dem Zimmer; an seiner Stelle aber stand eine andere Person, welche still, die hellen Thränen auf dem guten, alten Gesicht, auf die beiden Kinder ihres Herzens schaute. Es war Frau Booland.
»Tante, liebe, gute Tante!« jubelte Esther und flog zu der Alten, die ihre großen Arme weit nach ihr ausbreitete und sie dann so energisch über ihrem Herzblättchen schloß, als sollten sie sich nie wieder öffnen.
»Aber liebe, einzige Tante Booland, solche Reise hast du zu unternehmen gewagt!« rief Esther endlich, als sie wieder auf eigenen Füßen stand; denn die große, starke Frau hatte das schlanke Mädchen wie ein kleines Kind zu sich empor gehoben, als könne sie nur so ihrer stürmischen Zärtlichkeit Genüge leisten. »Du mußt ja Tag und Nacht gefahren sein, um schon heute hier anzukommen.«
Die Alte schob die zerknickte Haube zurecht, die im Sturme des Entzückens auf und davon zu fliegen drohte, und dann mit ihren großen Händen Bertel drohend, der lachend und von Glück strahlend neben Esther stand, rief sie ärgerlich: »Hat der Bengel da mir armen, alten Frau denn Ruhe gegönnt unterwegs? Durfte ich meine alten Knochen denn auf der ganzen heillosen Hetzparthie nur ein einzig Mal ordentlich in ein Bett legen? War's nicht immer, als stände einer mit der Hetzpeitsche hinter uns und triebe uns vorwärts? Weiß Gott, wie's der Bursche fertig gebracht hat, mich ganzbeinig bis hierher zu schleifen, nun aber bringen mich keine zehn Pferde von hier wieder fort, ehe ich nicht ordentlich einmal wieder ausgeschlafen habe!«
»Aber Tante Booland, die Betten hier zu Lande, bedenke doch! Du hast dich ja verschworen, dich in keins wieder zu legen, so lange du in diesem heillosen Franzosenlande bist,« rief Bertel lachend.