»Herr du mein Gott, ja da hast du Recht, Kind!« rief Frau Booland entrüstet. »Hat man je so etwas von einem Nachtlager erlebt, wie da in dem Neste,.... na wie hieß es denn gleich?« »Avignon,« ergänzte Hubert.
»Ja, diesem Avignon! Und das haben sie noch die Frechheit, Betten zu nennen! Nicht eine einzige Feder ist ja in so einem harten, entsetzlichen Dinge von einem Bette! Mein armer Kopf rollte zum Verzweifeln immer von einer Seite zur andern auf diesen harten Rollkissen, gerade als wälzte ich mich im Fieber. Na und überhaupt, ist das ein Land! Solch ein Schmutz, solches Ungeziefer, solche Hitze und solcher Staub, und dann.... puh, so entsetzliches Essen! Du armer Wurm, wie hast du es denn nur drei Tage hier aushalten können! Ich wäre schon am ersten Morgen wieder auf und davon gelaufen. Und dann diese Eisenbahnen! O mein Gott, dieser Lärm, dies Getreibe, diese Wirthschaft! Wäre es nicht mein Herzblättchen gewesen, das ich mir hier aus dem Heidenlande wieder holen wollte, schon in der ersten Stunde wäre ich umgekehrt nach meinem lieben, stillen Waldhause! Und solches Reisen, solch' Umhertreiben auf Eisenbahnen und Landstraßen, solch' Umherwälzen in fremden, himmelschreienden Betten, solch' gräßliches Essen und Trinken, Schmachten und sich todt müde und elend machen nennen die Leute nun Vergnügen! Na, wenn ich erst wieder glücklich in meinem Waldhause auf unserem lieben Dorfe bin, da soll mich Gott bewahren, wieder solche Thorheiten zu begehen und mich einem verrückten Liebhaber als Reisebegleiter anzubieten!«
Während Frau Booland ihren Gefühlen in dieser Weise Luft machte, hatte Bertel Esther neben sich auf das Sopha gezogen, und während er beide Hände des jungen Mädchens ergriffen, ruhte sein Auge forschend auf ihren Zügen.
»Warst du krank, Esther?« fragte er jetzt angstvoll, und erschrocken wandte nun auch Frau Booland ihre Blicke auf ihres Lieblings Gesicht, das allerdings von der Anstrengung und dem unbehaglichen Leben der vergangenen Monate, und nun gar von den durchkämpften, schweren Tagen der letzten Woche schmal und bleich geworden war, wie nie zuvor. Esther beruhigte die beiden geliebten Menschen, saß aber unbeschreiblich ängstlich und unbehaglich an Bertels Seite, immerfort bestrebt, ihm ihre Hände zu entziehen, die er jedoch nicht frei gab. Da erhob sich Frau Booland rasch von ihrem Stuhle, auf den sie sich erschöpft niedergelassen hatte und sagte, sich die Stirn mit dem Tuche abwischend und dann den Staub von ihrem Kleide schüttelnd: »Aber mein Gott, wie sieht man nach so einer Reise aus! Es ist ja ganz grauenvoll, solchen Schmutz mit sich herum zu tragen. Estherchen, da nebenan ist wohl dein Schlafstübchen? Ich will mich dort nur ein Bischen zurecht machen; laßt euch die Zeit indessen nicht lang werden, ihr Kinderchen!«
Und eilig huschte sie in das anstoßende, kleine Zimmer, dessen Thür nur halb geschlossen war, ihren beiden Lieblingen im Hinausgehen noch schelmisch zulächend. Sie klinkte das Thürschloß fest hinter sich zu, und Esther war allein mit ihrem Freunde.
»Esther, nicht wahr, du hast einen Brief von Susanne erhalten?« fragte Bertel, sobald Frau Booland das Zimmer verlassen.
»Ja Bertel, gestern,« erwiederte Esther und tiefe Gluth flog über ihr blasses, bräunliches Gesicht.
»So weißt du, daß wir nicht mehr verlobt sind?«
Esther schüttelte den Kopf und sagte scheu: »Ich kann nicht glauben, daß es Susanne Ernst mit diesem kindlichen Briefe gewesen ist. Wenn du sie liebst, wird sie sich bald anders besinnen.«