»Aber ich liebe sie ja nicht, Esther!« rief Bertel, das junge Mädchen wieder bei beiden Händen ergreifend. »Ich liebe ja niemanden, als dich, Esther, du mein Glück, mein Stolz, der gute Engel meines ganzen, ganzen Lebens! O, jetzt erst weiß ich es ja, daß ich dich geliebt habe, seit wir als kleine Kinder zusammen in Wald und Wiese spielten, und ich danke Gott auf meinen Knieen dafür, daß es endlich klar in mir geworden ist!« Und nun erzählte Bertel alles, was er seit der Ankunft von Esthers letztem Briefe durchlebt und durchkämpft hatte, und wie er jetzt nur noch einen Wunsch auf der Welt habe, — Esthers Liebe.
»Darf ich Undankbarer, Verblendeter denn noch hoffen, daß du mich lieben kannst, Esther?« fragte er endlich weich, und seine Stimme zitterte. Esther aber schlang ihre Arme um seinen Hals, und das Gesicht an seine Wange schmiegend, schluchzte sie: »Mein Bertel, mein lieber, ewig geliebter Bertel!«
Im Zimmer war es sehr still geworden, und man hörte nichts, als ein merkwürdig lebhaftes Rumoren und Umhergehen in der anstoßenden Kammer. Frau Booland mußte eine äußerst umfangreiche Toilette machen, denn es dauerte erstaunlich lange, ehe sie damit zu Ende war und wieder in dem Zimmer bei Esther und Hubert erschien. Diesen aber war die Zeit indessen so wenig lang geworden, daß sie die alte, treue Freundin völlig vergessen hatten. Als Frau Booland endlich zu ihnen hereintrat, führte Bertel seine Esther zu ihr und sagte: »Hier unserer treuen Tante Booland danken wir die glückliche Lösung. Ohne sie wäre ich nicht hier und wir Beiden nicht das glücklichste Brautpaar unter Gottes Sonne.«
»Na, Gott sei Dank, daß wir endlich am Ziele sind!« jubelte die Alte, ihre beiden Kinder an die breite Brust ziehend, wo sie alle Beide reichlich Platz hatten. »Nun aber macht, daß wir von hier fort kommen; der Boden brennt mir unter den Füßen.«
Ehe man jedoch an die Abreise denken konnte, mußte die Geldangelegenheit mit Herrn Richard in Ordnung gebracht werden. Hubert übernahm jetzt diese Sache und war erfreut, in dem neuen Vetter einen unendlich liebenswürdigen Mann zu finden. Die Geldsumme, welche sein Onkel von Huberts Vater geliehen, hatte gute Zinsen getragen; denn jenes Unternehmen, wozu es gegeben worden, glückte über Erwarten. Aus den 15 Tausend Thalern waren im Laufe der Jahre zwanzig geworden, und Herr Richard, welcher ein ungewöhnlich großes Vermögen erworben hatte, war hoch erfreut, durch Rückerstattung jenes Kapitals zum Glücke so lieber Anverwandter beitragen zu können. Das fröhliche Lächeln, mit dem Esther jetzt den Vetter ihres geliebten Bertel empfing, als dieser kam, sie als die Braut seines Anverwandten zu begrüßen, sagte demselben besser, als Worte es thun konnten, daß Esther die peinliche Scene, welche zwischen ihnen vorgefallen, vergessen habe. »Aber zu unserer Hochzeit müssen Sie kommen, lieber Vetter!« rief Bertel in fröhlichem Uebermuthe beim Abschiede, »nur dann verzeiht Ihnen Esther ganz.«
Mit wie frohem Herzen sagte jetzt Esther dem Lande Lebewohl, in dem sie so viel schwere Stunden durchlebt hatte! In Nîmes sprach sie noch bei dem braven, alten Ehepaar Martin vor, um ihnen alles Erlebte mitzutheilen und sie mit Hubert und Tante Booland bekannt zu machen. Nach le Vigan jedoch führte sie ihre Lieben nicht, so sehr sie auch gewünscht hätte, den guten Doktorsleutchen mündlich von ihrem Glücke zu erzählen. Aber Tante Booland hätte nie wieder Ruhe im Herzen gefunden, hätten ihre eigenen Augen jene Zustände in der Pension gesehen, in denen ihr Herzblättchen so lange Zeit leben mußte. Aber alle jene herrlichen Gegenden, jene schönen Städte mit all' den Sehenswürdigkeiten, woran das Land so reich war, sah und genoß Esther jetzt, wie sie es auf der Herreise so sehnlich gewünscht hatte; denn langsam und in kleinen Stationen traten sie die Rückkehr in die Heimath an, um die alte Frau Booland nicht zu ermüden. Die Behaglichkeit dieser Art zu reisen, sowie das Glück ihrer Kinder, das sie umgab, versöhnte Frau Booland jetzt auch mit allem, was Reisen hieß, und vergnügt ließ sie sich überall herumführen und alles Sehenswerthe zeigen, so daß sie nun eine etwas bessere Meinung von dem Lande erhielt, in dem Esther so lange gelebt hatte.
Eine unaussprechlich tiefe, stille Glückseligkeit ruhte auf Esthers Antlitz, als sie in ihr liebes Dorf einfuhr, und Hand in Hand saßen die beiden glücklichen Jugendgespielen nebeneinander, ohne ein Wort zu sprechen.
Aber als sie jetzt in die Nähe der Kirche und der ehemaligen Wohnung Esthers kamen, da ertönte plötzlich Glockenschall und froher Gesang. Blumenkränze in den Händen und bunte Fahnen in der Luft schwingend, eilten die Kinder des Dorfes dem Brautpaare entgegen, und jubelnder Zuruf begrüßte die Ankommenden, welche unter einem festlich prangenden Triumphbogen umringt und angehalten wurden. Pfarrer Krause schritt mit seiner Familie an der Spitze des Zuges, und als derselbe den Wagen erreichte, hielt der Geistliche im Namen seiner Gemeinde eine kurze, freudige Ansprache an Hubert und Esther, in welcher er die Glückwünsche aller derer darbrachte, in deren Mitte die Beiden aufgewachsen waren und welche bisher alles Leid und alle Freude mit ihnen getheilt hatten. Ein lautes Hurrah folgte dieser Ansprache; die Glocken tönten, die Fahnen flatterten, und bedeckt von Blumen und Kränzen fuhr das junge Paar durch das Dorf, von dessen Einwohnern bis zu dem Waldhause geleitet. Auch dies Häuschen war festlich geschmückt; als aber jetzt Esther und Bertel an die Brust der Mutter sanken, welche sie in der Thür empfing, da blieb kein Auge trocken, und in stiller Rührung umstanden die Dorfbewohner das Häuschen.
In ihr Wohnzimmer eingetreten, erblickte Esther eine Menge Blumen und Geschenke, welche ihr hier von den Freunden zur Begrüßung dargebracht wurden. Zwischen diesen Geschenken stand eine große, geschlossene Kiste, welche Tags zuvor erst angekommen war. Sie kam aus Frankreich und war an Esther adressirt. Verwundert öffnete das junge Mädchen dieselbe und fand eine Fülle der schönsten Stoffe darinnen in Seide, Leinen und Battist, wie sie eine junge Hausfrau nur je zur Ausstattung ihrer neuen Haushaltung wünschen konnte. Ein kleines Kästchen lag obenauf, mit der Inschrift »Esther,« und in demselben ruhte ein kostbarer Schmuck nebst einem kleinen Briefe von der Hand des Herrn Richard. In den verbindlichsten Worten bat er seine neue Cousine, diese Sendung von ihm anzunehmen, als einen Beweis seiner unbegrenzten Verehrung für das edelste, tapferste, weibliche Herz, das ihm je begegnet sei.
Während Esther mit diesem Briefchen noch ganz bestürzt vor der prachtvollen Gabe stand, und Frau Booland in hellem Entzücken bald die Steine des Schmuckes im Lichte funkeln ließ, bald wieder die köstlichen Stoffe aus einander faltete, wurde auch Bertel ein Briefchen übergeben. Es kam von Herrn von Sassen und lautete folgendermaaßen: