»Mein lieber Hubert!

Wo alles Dich und Deine liebe Braut mit Jubel empfängt, da will auch ich nicht zurückbleiben. Bald hoffe ich Euch persönlich begrüßen zu können; für's Erste nur die Nachricht, daß unser verehrter Kronprinz soeben die Anfrage an Dich ergehen läßt, ob Du für seine Reise nach Italien, Griechenland und dem Orient, welche er in einigen Monaten antreten wird, sein Begleiter sein willst. Die Anerbietungen, welche außerdem hinzugefügt sind, versprechen so viel Genuß und Vortheile, daß ich gewiß bin, Dein Herz jubelt ihnen zu, wenn Dir auch eine neue Trennung von Deiner Braut für's Erste wenig lockend sein mag. Eine Professur für Archäologie soll im Laufe der nächsten Zeit an der Universität B. besetzt werden, und ich müßte mich sehr irren, wenn unser gnädiger Kronprinz nicht im Sinne hätte, seinen Reisebegleiter für diese Stelle vorzuschlagen, wenn er diesen als einen tüchtigen Gelehrten erkannt hat. Daß dem so sein wird, dafür ist mir nicht bange, falls Du dieser Reisegefährte bist. Ich freue mich sehr, daß meine Dienste, welche ich in früheren Jahren dem Hofe geleistet habe, jetzt noch so gute Früchte tragen. Deiner verehrten Braut meinen besten Gruß und die Bitte, mir nicht zu zürnen, daß ich ihr den Geliebten wieder entführen will, nachdem sie kaum die Schwelle ihres Hauses betreten. Meine kleine Susanne sendet Esther aus der Ferne ihre Grüße und freut sich, bei ihrer Heimkehr aus B., wohin sie für einige Monate durch meinen Bruder entführt worden, eine liebe Freundin in ihr begrüßen zu dürfen. Bald umarmt Dich in väterlicher Liebe

Dein Adolph von Sassen

Das waren denn wundervolle Neuigkeiten! Der höchste Wunsch Bertels, eine Reise nach jenen Ländern unternehmen zu können, auf deren klassischen Boden so reiche Schätze für seine Wissenschaft ruhten, sollten sich ihm erfüllen, und unter welch' verlockenden Bedingungen! Esther war es zuerst, welche aufjubelte und keinem Zögern Raum gab, obwohl sie sich von Neuem von dem Geliebten trennen sollte. »Gehören wir uns denn jetzt nicht für ewig, mein lieber Bertel?« rief sie freudestrahlend, als Hubert sie etwas trübselig anschaute in dem Gedanken abermaliger Trennung.

»Reise in Gottes Namen, mein Geliebter, und wenn du dann heimkehrst, laß dir zum Schluß die schöne Professur von deinem Kronprinzen schenken; dann wissen wir gleich, wo wir eines Tages, so Gott will, unsere Hütte bauen werden.«

Und so geschah es denn auch. Hubert erwarb vor allem den Titel eines Doktors der Philosophie, und als solcher begleitete er dann mit noch einigen andern strebsamen, jungen Gelehrten den Kronprinzen nach jenen schönen Ländern, reiche Schätze sammelnd an Kenntnissen und Erfahrungen. Ein ganzes Jahr verging, ehe die kleine Expedition heimkehrte, und diese Zeit verlebte Esther in ihrem Waldhause in stillem, glücklichen Seelenfrieden. Tante Booland war unermüdlich, an der Ausstattung des jungen, künftigen Haushaltes zu arbeiten; Frau von Ihlefeld aber fühlte täglich von Neuem, welchen Schatz sie an Esther gewonnen. Keine andere Tochter hätte ihr je mit größerer Liebe und Verehrung anhängen, keine ihr je die Tage mehr verschönern können, als dieses Mädchen, das so brav und klug, so selbstvergessend und treu stets für die Ihren lebte und dachte.

Als dann endlich das Trennungsjahr vorüber und Bertel heimgekehrt war von seiner Reise, da schaute die Morgensonne eines Tages mit ganz besonderem Glanze in die freundliche, reich geschmückte Dorfkirche von Rahmstedt. Hier stand Pastor Krause am Altare, und seine tief bewegten Worte erklangen feierlich in dem kleinen Gotteshause, das die Menge der Andächtigen kaum fassen konnte. Zu den Füßen des Geistlichen aber kniete ein junges Paar, deren Ehebund seine Hand einsegnete; es war Hubert und Esther. An dem Schicksale dieser braven Kinder des Dorfes Rahmstedt nahm Alt und Jung den innigsten Antheil, und es war ein langer, fröhlicher Zug, welcher das junge Paar nach dem reich bekränzten Waldhause geleitete, in dem Tante Booland ein festliches Hochzeitmahl hergerichtet hatte. Am selben Tage führte Bertel dann seine Esther als stattliche Frau Professorin nach B., der neuen Heimath des glücklichen Paares, denn hier hatte der talentvolle, junge Mann in der That jene Stelle an der Universität erhalten, von der Herr von Sassen gesprochen.

Wenige Monate später begrüßte ein anderes junges Ehepaar auf der Durchreise unsere Freunde in B. Die blonde Susanne lag bald lachend, bald weinend an Esthers Halse, ihr hübscher junger Gatte aber, jener schwarzbärtige Graf Redern, dem das junge Mädchen bald nach Esthers damaliger Rückkehr Herz und Hand geschenkt hatte, stand ungeduldig daneben, um auch seinerseits die hübsche Frau Professorin zu begrüßen, an der seine kleine Frau mit so schwärmerischer Liebe hing. Bald darauf flog das schöne, junge Paar dem herrlichen Italien zu, lustig und fröhlich wie ein paar glückliche Kinder, welche für einander geschaffen schienen zu heiterer Lebenslust. Auch Frau von Ihlefeld folgte ihren Kindern bald nach, und an dem häuslichen Heerde derselben, an dem nur Friede und Freude waltete, erblühten der schwer geprüften Frau noch einmal frohe, glückliche Tage. In diesem Hafen konnte sie ausruhen von allen Stürmen, die über sie dahin gezogen, und einen frohen Lebensabend genießen, den die Liebe ihrer Kinder verschönte. Tante Booland aber hütete stillen und fröhlichen Sinnes das kleine Waldhaus in Rahmstedt, in dem Esther in jedem Sommer einige Wochen oder Monate verlebte, dankbaren Herzens ihrer Kindheit gedenkend und all' der wechselvollen Schicksale, welche ihr jetziges Glück an der Seite ihres Bertel begründete. Die wissenschaftliche Ausbildung, welche sie einst gemeinsam mit ihrem Spielkameraden erhalten, befähigte sie jetzt, den Arbeiten Bertels mit Interesse und Verständniß zu folgen, und was sie einst so sehnlich gewünscht: ein Knabe zu sein, um Antheil nehmen zu können an ihres Gespielen ehrenvoller Laufbahn, das wurde ihr nun in der Weise zu Theil, wie es eben für ein weibliches Wesen am besten und wünschenswerthesten ist. Wie früher das Kind Esther, so kannte auch jetzt Bertels Gattin kein schöneres Ziel und keine bessere Aufgabe, als Huberts Lebensglück und keinen höheren Stolz, als den Ruhm ihres Gatten.

[Verwaist.]

[Erstes Kapitel.]
Der Abschied.

»Dacht' ich's doch! Da sitzt sie wieder bei ihren Büchern und lernt, als sollte sie morgen gleich noch ein Examen bestehen! O du Nimmersatt, hast du denn immer noch nicht genug Weisheit?« so rief Fanny, ein junges Mädchen von 16 Jahren, indem sie in ein großes Zimmer trat, dessen ganze Einrichtung den Charakter einer Schulstube trug. Mitten an einem der kahlen Arbeitstische, die mit Büchern und Schreibmaterialien bedeckt waren, neigte sich ein anderes junges Mädchen über ihre Bücher und ließ sich durch den Eintritt Fanny's in ihrer Arbeit wenig stören. Diese aber trat hinter den Stuhl der Freundin, schlug ihr neckend das Buch zu, und indem sie die Arme um den Hals derselben schlang, fuhr sie scheltend fort: »Nein, Agathe, ich lasse dir keine Ruhe, bis du mit mir hinaus in den Garten kommst, wo wir Alle beisammen sind. Hier in der abscheulichen Schulstube ist es so dumpf und enge, und du bist wieder so bleich, daß ich es nicht länger leide, dich hier sitzen zu sehen. Du liebe Gelehrsamkeit, ich dächte, heute könntest du dir wahrlich Ruhe gönnen! Du hast uns ja beim Examen Alle durch deine Antworten überflügelt, und es ist nur eine Stimme darüber, daß du die beste Schülerin der Anstalt bist.«