Die Angeredete blickte still vor sich hin und schüttelte den Kopf.
»Du glaubst es nicht, Agathe?« rief Fanny lebhaft. »So geh' und frage alle Lehrer, besonders Herrn Lobner; da wirst du erfahren, ob ich Recht habe! Aber statt daß du dich darüber freuen solltest, machst du so große, traurige Augen, daß mir wahrhaftig selbst ganz bange dabei wird. Du bist doch gar zu ernst für deine 16 Jahre, Mädchen!«
Agathe seufzte, und Thränen traten ihr in das Auge. »Kann ich dafür, wenn ich ernster bin, als all' ihr andern?« sagte sie sanft. »Ist nicht auch meine Zukunft ernst und trübe, und muß ich da nicht doppelt eifrig sein, mir so viel Kenntnisse, als möglich, zu erwerben? Was soll denn aus mir werden, wenn ich mir nicht selbst in der Welt forthelfen kann? Ich habe ja keinen Vater, ach und jetzt auch keine Mutter mehr, die für mich sorgt, wie du, beste Fanny! Ach daß sie noch lebte!«
Heiße Thränen stürzten bei diesen Worten aus Agathes Augen, und Fanny zog die schluchzende Freundin liebevoll an ihr Herz und strich ihr sanft über das dunkle Haar. »Du sollst ja in dem Hause deines Onkels eine zweite Heimath finden, liebe Agathe!« sprach sie tröstend. »Sei doch guten Muthes; deine Zukunft wird sich gewiß besser gestalten, als du jetzt fürchtest!«
»O, bei meinem Onkel, Fanny,« schluchzte Agathe; »das ist es ja eben, wovor ich mich fürchte! Ich kenne weder ihn, noch die Tante, und obwohl meine Mutter immer sehr gut von ihrem Bruder sprach, so ist er mir doch ein Fremder, und das Herz schlägt mir so unaussprechlich bange bei der Aussicht, in jenem Hause zu leben! Gott mag es mir verzeihen; denn gewiß sind solche Gedanken eine große Sünde, und ich sollte lieber dankbar dafür sein, daß sie die arme Waise bei sich aufnehmen.«
»Du bist noch zu unglücklich über den Tod deiner guten Mutter und siehst alle Dinge deshalb so trübe und schwer an, liebes Herz,« tröstete Fanny; Agathe aber schüttelte wehmüthig den Kopf und weinte still noch eine Weile am Herzen der Freundin. Endlich aber richtete sie sich auf, und getrost die Blicke zum Himmel aufschlagend, sprach sie ruhig: »Wie der liebe Gott es will, so mag es geschehen! Diese Thränen haben mein Herz erleichtert; nun ist mir wohl. Habe Dank, meine liebe Fanny, du treue Seele, daß ich mich gegen dich aussprechen durfte. Aber auch von dir soll ich ja scheiden, o von allem, was mir lieb und theuer ist!«
»Wir wollen uns recht oft schreiben, Agathe, das wird ein neuer Genuß sein, den uns die Freundschaft giebt,« rief Fanny heiter. »Aber nun komm' in den Garten; die Luft wird dir gut thun. Von dem vielen Lernen wirst du nur noch schwermüthiger.«
»Dürfte ich nur noch hier in der Pension bleiben, bis ich so weit ausgebildet wäre, um als Erzieherin mich nützlich zu machen!« seufzte Agathe, der Freundin folgend. »Mein größter Kummer wäre es, könnte ich beim Onkel meine Studien nicht fortsetzen, was ich fast fürchte.«
»Warte es doch nur erst ruhig ab, du kleinmüthiges Kind! Warum machst du dir nur im Voraus solche Skrupel?« scherzte Fanny und nach und nach gelang es ihr wirklich, die traurige Freundin zu erheitern und ihr die Zukunft in weniger düstern Farben erscheinen zu lassen. Traulich plaudernd gingen die beiden jungen Mädchen in dem Garten auf und nieder, bis die Hausglocke sie zum Abendbrod rief, und sie im Verein mit den übrigen Schülerinnen der Anstalt dem Hause zueilten.