»Kommst du mit mir, Agathe, Herrn Lobner Lebewohl zu sagen?« fragte am andern Morgen Fanny, indem sie schnell bei ihrer Freundin eintrat. »Sieh, diesen schönen Blumenstrauß und die reizende Tasse hat mir Mama für ihn geschickt; ich hoffe, er wird sich freuen. Hast du auch etwas für ihn, Agathe?«
»Ich? Nein, Fanny. Was könnte ich armes Mädchen bringen; ich habe ja nichts!« sagte Agathe traurig.
»O dann gieb du ihm die Blumen, bestes Herz!« drängte Fanny, Agathen den Strauß in die Hand drückend; diese aber gab ihn der Freundin sanft zurück und sagte leise: »Nein, Fanny, ich danke dir für deine Liebe. Aber ich denke, daß unser liebster Lehrer mir auch ohne dies sein freundliches Andenken bewahren wird, wenn ich ihm lieb geworden bin, und wäre dies nicht der Fall, so wird ihm mein Geschenk auch keine Freude machen.«
»So schenke ich ihm auch nichts!« rief Fanny ärgerlich.
»Das wäre sehr unrecht, da deine Mutter ihm dies Geschenk bestimmt,« sagte Agathe. »Komm, komm, es wird ihm gewiß Freude machen.«
Bald traten die beiden jungen Mädchen in das Zimmer des ersten Lehrers der Anstalt, Herrn Lobner, einem zwar noch jungen Manne, der sich aber durch seinen vortrefflichen Unterricht, wie durch die milde und doch ernste Weise, in welcher er den Schülerinnen gegenüber trat, die Liebe und Verehrung aller dieser jungen Herzen erworben hatte.
Mit Freude und Rührung empfing er den Dank der beiden jungen Mädchen, welche ihm jetzt schon Lebewohl sagten, obwohl sie noch einige Tage in der Pension blieben; aber seinen Unterricht sollten sie jetzt nicht mehr genießen. Der Tag ihrer Einsegnung lag vor ihnen und mit diesem die Trennung von dem Hause, das besonders Agathen unbeschreiblich lieb geworden war.
Milde ermahnende Worte gab Herr Lobner den jungen Mädchen mit auf den Weg: die lebhafte, etwas leichtsinnige Fanny ermahnte er zu Ernst und größerer Besonnenheit; der stillen Agathe sprach er Muth und heitere Zuversicht in die Seele. Mit unbeschreiblicher Wehmuth ruhte sein Auge auf der einsamen Waise, und wie segnend legte er seine Hand auf das Haupt des armen Kindes. Fanny's Geschenk nahm er freundlich dankend an, dann ergriff er Agathes Hand, und sein kleines Heft von dem Tische nehmend, sagte er bewegt: »Willst du mir wohl diese Arbeit als Andenken zurücklassen, Agathe? Es ist dein letzter Aufsatz; ich möchte mir ihn zur Erinnerung an meine fleißigste Schülerin aufbewahren.«
Agathe erröthete tief und vermochte nicht zu antworten; aber mit beiden Händen des theuren Lehrers Hand ergreifend, drückte sie dieselben inbrünstig an ihre Brust; dann eilte sie schnell zum Zimmer hinaus, denn Freude und Wehmuth bestürmten ihr Herz so mächtig, daß sie ihre Thränen nicht länger zurück halten konnte.