Palmsonntag war gekommen, und feierlich zitterten die Glockentöne durch die sonnige Frühlingsluft. Drinnen im Gotteshause stand andächtig eine Schaar junger Mädchen und Knaben an den Stufen des festlich geschmückten Altares und empfing die Weihe als Christen. Mit ihren eigenen Lippen sprachen sie jetzt das Gelübde aus, das sie in den Bund der Gemeinde Christi einführte, und tief bewegt erklang der Segen des Geistlichen am Schluß der Feier.

Auch Agathe war unter der Zahl jener festlich gekleideten Mädchen, welche jetzt vom Altar hinweg gingen, und die Augen mit dem Tuche verhüllend, sah sie nicht, wie sie einsam auf ihrem Stuhle zurück blieb, als Freunde und Verwandte herbei kamen, die Confirmanden aus der Kirche zu führen. — »Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf!« das waren die Worte, die der Geistliche ihr als Zuspruch mit in die Welt gegeben, und tief erschüttert fühlte sie die ganze Gewalt derselben. Sie hatte niemanden, als Gott im Himmel, den Vater der Waisen, an dem sie halten konnte; aber war Er nicht der festeste Stab, der treuste Helfer in Noth und in Kummer?

Still und getrost wollte das einsame Kind eben die Kirche verlassen, den Gefährtinnen folgend, da fühlte sie eine Hand auf ihrer Schulter, und eine sanfte Stimme sprach: »Gott segne dich, mein theures Kind!« Agathe wandte sich überrascht um und blickte in das treue Auge ihres Lehrers, welcher ihr innig die Hand drückte und dann tief bewegt an ihrer Seite blieb. Erst am Ausgange der Kirche trennte er sich von dem jungen Mädchen; denn hier wartete dieser ein zweites Herz, das treu und liebevoll für sie schlug. Es war die alte Anne Sommer, die Dienerin ihrer Mutter, welche Agathe seit ihrer frühesten Jugend gekannt, und dem einzigen Kinde ihrer theuren Herrin stets die wärmste Liebe bewahrt hatte. Frau Sommer war die Wittwe eines Corporals und eine gar wunderliche Alte; groß und kräftig von Gestalt, und doch so grau und runzlich wie ein alter verwitterter Ulmenbaum. Aber ihre Gutmüthigkeit und ihre frische Laune machten sie zum Liebling aller ihrer Bekannten, und trotz ihrer etwas auffallenden Manieren konnte niemand der alten Soldatenfrau böse sein. Agathe hing mit unendlicher Zärtlichkeit an dieser treuen Seele und ließ sich willig von ihr auf offner Straße herzen und küssen.

»Mein Herzchen, mein Vögelchen, meine arme, kleine Blume!« rief die Alte ganz hingerissen von Zärtlichkeit und streichelte Agathes bleiche Wangen mit ihren großen, rauhen Händen; dann schlang sie wieder ihre Arme um des Mädchens feine Gestalt, so daß diese ganz in den Kleidern der lebhaften Alten verschwand.

»Ach Anne, könntest du wenigstens mit mir ziehen, wenn ich hier fort gehe, dann fürchtete ich mich nicht so sehr,« seufzte Agathe. »Aber so allein in die fremde Stadt, zu diesen fremden Verwandten; ach Anne, es drückt mir fast das Herz ab!«

»Nur Courage, mein Goldkäferchen, nur immer stramm dem Feinde in's Auge gesehen, und Carée formirt, daß er dir nichts anhaben kann!« sagte die Alte fest und machte eine Bewegung, als schultre sie das Gewehr. »Wir Soldatenkinder fürchten uns vor keinem Popanz, und käme er selbst in Gestalt deiner Frau Tante! »Nur nicht ängstlich!« das war meines guten Corporals Sprüchwort, und das hat ihm zuletzt denn auch den Soldatentod gebracht, der alten braven Seele, Gott segne ihn!« »Wer weiß, wer weiß, mein Vögelchen, wie die Sachen kommen!« fuhr sie dann nach einer Pause geheimnißvoll fort, und in ihrem Kopfe zog Plan auf Plan vorüber, wie sie es wohl bewerkstelligen könnte, ihrem lieben Kinde nach Leipzig zu folgen, wohin dieses in wenig Tagen abreiste.

Noch einmal betete Agathe an den Gräbern ihrer theuren Eltern, von denen sie mit traurigem Herzen Abschied nahm; noch einmal umarmte sie ihre Schulfreundinnen, und vor allem die treue Fanny, und noch einmal blickte sie in die treuen Augen ihres geliebten Lehrers, — dann führte der fortrollende Wagen die junge Waise hinaus aus den lieben, bekannten Umgebungen, hinaus in die weite, fremde Welt. — Agathe hatte sich weinend in die Ecke des Wagens gedrückt, um sich den Blicken der Mitreisenden zu entziehen; da hörte sie ängstlich ihren Namen rufen und erkannte in der Morgendämmerung die große Gestalt ihrer treuen Anne, welche mit mächtigen Schritten neben dem Wagen herlief, der gemächlich über das Steinpflaster polterte.

»Hier, hier, mein Liebling, mein Goldkind!« rief Frau Sommer athemlos und warf Agathen ein Päckchen in den Wagen. »Hier nimm das hinein in dein Nestchen, mein armer, kleiner Vogel; es sind Pfefferkuchen, die du so gern knupperst; die alte Anne hat sie dir gebacken, daß du eine kleine Gesellschaft unterwegs hast. Der liebe Gott gehe mit dir, mein Herzblatt, mein süßes, armes Kindchen! Sei nicht gar zu traurig, sollst sehen, ich bin bald wieder bei dir. Adieu, adieu, mein Herzchen; behüt dich Gott, behüt dich Gott!«