Die letzten Sätze rief die treue Seele unter heftigen Schluchzen in den Wagen hinein, an dessen Fenster sie sich fest angeklammert hatte, und trotz des schnelleren Fahrens trabte sie athemlos noch eine Weile nebenher, bis endlich der Kutscher über das alte Weibergewinsel schimpfte und die Pferde zu schnellem Trabe anfeuerte. Da nickte die Alte ihrem Lieblinge noch einmal zu; die Finger lösten sich vom Kutschenschlage, und mit gefalteten Händen blickte Anne Sommer dem Wagen nach, ein Gebet für das Wohl der armen Waise auf den Lippen.
[Zweites Kapitel.]
Die neue Heimath.
Es war schon völlig dunkel geworden, als Agathe in Leipzig ankam, dem Orte ihrer Bestimmung, und die Fahrt während des ganzen Tages in dem engen Wagen war ihr zuletzt so lästig geworden, daß sie sich freute, endlich am Ziele zu sein, so bange ihr auch das Herz vor Erwartung klopfte. — Vor einem alten düstern Eckhause in der Hainstraße hielt der Wagen, und schläfrig kam der Hausknecht mit der Laterne herbei, dem Kutscher zu leuchten, der hier einige Passagiere seines Lohnfuhrwerkes abzusetzen hatte. Die engen, finstern Straßen mit den hohen Häusern, deren Giebel und Erker weit vorsprangen und dem Himmel noch weniger Einblick gewährten, bedrückten Agathes Herz unbeschreiblich. Sie schaute in der völlig fremden Umgebung ängstlich um sich; da hörte sie plötzlich, wie eine grobe Stimme fragte: »Is Freiln Wiggers mit gekommen?«
»Ja ja, hier ist sie!« rief Agathe schnell und hätte den schmutzigen Lastträger vor Entzücken um den Hals fallen mögen, daß er unter all' den fremden Menschen sich ihrer annehmen wollte. Schnell sprang sie aus dem Wagen, und der Kutscher reichte den kleinen Koffer des jungen Mädchens herab, welchen der große Packträger wie einen leichten Ball auffing.
»Is das alles?« fragte er dabei verwundert, als Agathe sich zum Fortgehen anschickte. Auf deren bejahende Antwort blickte der Mann ordentlich mitleidig auf den kleinen Koffer, und gab einem Rollwagen, der neben ihm stand, einen Tritt, daß er zur Seite fuhr. »Na, der war von Ueberfluß!« murmelte er dabei lachend und rief einen Knecht herbei, der den Karren bis zu seiner Rückkehr in Verwahrung nahm. Dann schwang er den Koffer auf die Schulter, und schritt schnell vor Agathen her, Straße auf, Straße ab, bis sie vor einem Hause des Thomaskirchhofes Halt machten.
»Gehen Sie nur da 'nauf, liebes Mamsellchen,« sagte er auf die erleuchtete Treppe deutend. »Se kennen nich fehlen, die erste Thür rechts is es! Ich muß mit dem Kofferchen die Hintertreppe rauf, sonst giebts e Donnerwetter da oben!«
Er schob grüßend die Mütze zur Seite und verschwand im dunkeln Hofraum; Agathe aber stand bald vor der bezeichneten Thür, an welcher der Name Niedrer in goldner Schrift zu lesen war. Ach diese Thür allein trennte sie ja jetzt von der neuen Heimath! Was mochte alles hinter derselben auf sie warten; wie mochten diejenigen ihr entgegen treten, die ihr nun Vater und Mutter ersetzen sollten! Noch einmal wandte sie ihr Auge zu dem empor, der ihr Muth und Hoffnung gegeben, wenn sie verzagen wollte, und getrost streckte sie ihre Hand nach dem verhängnißvollen Klingelzuge aus.